Neu oder nur vergessen? : Wenn Modetrends ihre Herkunft verlieren

Vieles, was heute als Trend gefeiert wird, ist bei genauerem Hinsehen nicht immer wirklich neu. Während sich Ästhetiken rasant verbreiten, gerät ihre Herkunft dabei oft in den Hintergrund.

Mode lebt von der Idee des Neuen. Jede Saison bringt vermeintlich frische Silhouetten, Details oder ganze Ästhetiken hervor, die sich schnell über Social Media verbreiten und als nächster Trend gefeiert werden. Aktuell fällt jedoch auf: Vieles von dem, was gerade als Trend kursiert, ist bei genauerem Hinsehen weniger neu. Formen tauchen wieder auf, Referenzen werden neu benannt, und ihre Herkunft rückt dabei oft in den Hintergrund. Manchmal wird sie vereinfacht, manchmal komplett vergessen.

Der «Penny Lane Coat»: weniger Boho, mehr Tradition

Vor allem im letzten Jahr feierte der sogenannte «Penny Lane Coat“ sein Comeback. Die lange, oft gefütterte Silhouette mit markantem Fellbesatz wird dabei vor allem mit der Ästhetik der 1970er-Jahre verknüpft, stark geprägt durch Popkultur-Referenzen wie «Daisy Jones & The Six» oder generell die Vorstellung der Boho- und Rock-Ära. Tatsächlich reichen die Ursprünge solcher Mäntel jedoch deutlich weiter zurück und liegen in Regionen, die für viele unerwartet scheinen mögen. In Afghanistan werden ähnliche Formen seit Langem traditionell gefertigt, aus funktionalen Gründen wie Wärme und Haltbarkeit, aber auch als Teil lokaler Handwerkskultur und Identität. Im heutigen Trendbild bleibt davon meist nur die äußere Silhouette sichtbar, während der ursprüngliche Kontext kaum noch eine Rolle spielt.

«Mandarin Jackets» und die Verschiebung von Begriffen

Noch deutlicher zeigt sich diese Verschiebung bei Jacken, die auf Social Media zunehmend als «Mandarin Jackets“ bezeichnet werden. Gemeint ist damit jedoch in vielen Fällen das sogenannte Tangzhuang, eine Jackenform aus der chinesischen Kleidungstradition, die sich historisch bis in die späte Qing-Dynastie zurückverfolgen lässt. Charakteristisch sind der hochgeschlossene Kragen und die markante Knopfleiste, die ursprünglich weniger als dekoratives Detail gedacht waren, sondern als Teil einer Kultur.

Seit wann liegt Spanien in Südasien?

Ein ähnliches Hype-Phänomen lässt sich auch bei Accessoires beobachten. Leichte, oft verzierte Tücher, die aktuell als «Spanish Scarves“ oder mediterrane Styling-Elemente auf TikTok und Co. gefeiert werden, haben ihre Ursprünge nicht selten im südasiatischen Raum, etwa in der Dupatta. Der Dupatta ist ein langes, meist leichtes Tuch, das in Südasien traditionell getragen wird. Er wird über Schultern, Kopf oder Oberkörper gelegt und ist häufig Teil eines fest zusammengesetzten Outfits. Der Dupatta ist dabei kein reines Styling-Element, sondern fest in einer gewachsenen Tradition verankert und hat je nach Kontext eine praktische, symbolische oder festliche Bedeutung.

Je schneller der Trend, desto weniger Bezug

Dass Mode sich aus unterschiedlichen Kulturen, Regionen und Traditionen speist, ist kein neues Phänomen, im Gegenteil, es gehört schon immer zu ihrer Geschichte. Wichtiger als die Frage, ob solche Einflüsse stattfinden dürfen, ist, wie sie erzählt und eingeordnet werden. Denn je schneller Trends heute viral gehen, desto eher verlieren sie ihren Bezug zu ihren Ursprüngen.

Quelle: Mode

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