Zu unbequem, zu weiblich?: Warum Modelabels Frauen in Führungsrollen meiden

Mode ist weiblich – das behauptet sie zumindest. Frauen gehören zum größten Absatzmarkt, aber hinter den Kulissen ist die Führungsebene dann doch wie so oft männlich. Warum tut sich ausgerechnet eine Branche so schwer damit, ihrer Hauptzielgruppe mehr Macht zu geben? 

Der Powersuit für die starke Frau am Arbeitsplatz oder roter Lippenstift für noch mehr Selbstbewusstsein: Ständig gaukeln uns Werbemaßnahmen von Luxuslabels vor, Frauen in ihrer Selbstermächtigung zu unterstützen. Was gut klingt, hält auf dem Prüfstein jedoch nicht stand. Gleich drei große Modehäuser haben im letzten Jahr ihre führenden Modedesignerinnen mit Männern ersetzt. So folgte bei Dior auf Maria Grazia Chiuri Jonathan Anderson, bei Versace Dario Vitale auf Donatella Versace und Matthieu Blazy löste Virginie Viard bei Chanel ab. Alles tolle Designer – das steht außer Frage –, aber hätte es nicht auch weibliche Alternativen gegeben? 

Der Mythos des Genies in der Modeindustrie ist männlich

Die Branche liebt das Narrativ des exzentrischen, männlichen Genies. Karl Lagerfeld, Cristóbal Balenciaga, Christian Dior oder Yves Saint Laurent – die Modebibeln sind voll mit Männernamen, deren Kunst in den höchsten Tönen gelobt wird. Obwohl Coco Chanel, Elsa Schiaparelli, Donna Karen, Claire McCardell und viele weitere nachhaltig Stylekonventionen beeinflusst haben, gelten sie weniger als Ausnahmetalente, sondern vielmehr als Einzelphänomene. Während Männer zu Lonely Wolves – schwer zu fassen, extravagant und leicht unberechenbar – stilisiert werden, finden sich Frauen in Rollenbildern wieder, die für Zuverlässigkeit, Gefälligkeit und Mainstream stehen.

Ein Bild, das an ihren Designs überhaupt nicht festzumachen ist. So ließ sich Elsa Schiaparelli vom Surrealismus beeinflussen, einer avantgardistischen Kunstströmung, die ihrer Zeit voraus war. Und Chanels Mode-Pieces waren mehr als Tweed-Kostüme: Sie befreite die Frauen von ihren schweren, steifen Kleidern, mithilfe lockerer Schnitte, die Frauen mehr Bewegungsfreiheit schenkten. Gerade im Fall Chanel wurde mit Blazys Zugang eine Erzählung eines Mannes etabliert, der das Modehaus retten wird. Dabei hat Virginie Viard zuvor rund 30 Jahre für das Traditionshaus gearbeitet, fünf davon als Artistic Director. Wo bleibt die Dankbarkeit? Wo die Anerkennung? 

 

Frauen kämpfen heute noch gegen Windmühlen 

Obwohl es inzwischen deutlich mehr Designerinnen gibt, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass Frauen in der Modebranche anders bewertet werden. Ihre Kreativität wird oft als zu verspielt abgetan. 

Sie sollen nicht zu alt, aber auch nicht zu jung sein. 

Wenn sie nicht ständig lächeln, wird ihnen ein schwieriger Charakter unterstellt, und wenn eine Kollektion nicht den gewünschten kommerziellen Erfolg bringt, werden sie einfach ausgetauscht. Etwas, das auch bei Männern vorkommen kann, dort wird es jedoch als Teil ihrer Heldenreise umgeschrieben, und nicht als ihr Scheitern. Es scheint fast so, als habe die Modebranche Angst vor starken Frauen. Vor feministischen Theorien, vor dem Wunsch nach Gleichberechtigung und der gleichen Bezahlung. Frauen finanzieren Imperien, deren kreative Sprache häufig von Männern vorgegeben wird. Das wäre weniger bemerkenswert, wenn es nur um Kleidung ginge. Tut es aber leider nicht. Kreativdirektor:innen definieren Silhouetten, Stilwelten, Machtcodes und Trends. Sie haben einen Einfluss darauf, ob Frauen sich eher verspielt, androgyn oder sexy kleiden. Umso wichtiger ist es, dass es Designerinnen wie Sarah Burton, Stella McCartney, Miuccia Prada und Phoebe Philo gibt, die den weiblichen Blick in ein männlich dominiertes Feld einbringen. Denn wer Mode entwirft, entwirft auch Rollenbilder. 

Die Ära der Designerinnen

Es ist nicht so, als hätte die Modeindustrie noch nie starke Frauen an ihrer Spitze erlebt. Miuccia Prada hat nicht nur ihr Familienunternehmen zur Weltmarke gemacht, sie hat noch ein weiteres, erfolgreiches Label mit ihrem Spitznamen Miu Miu gegründet, das sich bis heute einer großen Beliebtheit erfreut. Phoebe Philo entwickelte bei Celine eine Ästhetik, die bis heute viele vermissen, und auch Stella McCartney ist beim Thema Nachhaltigkeit und Haltung in der Branche eine Vorreiterin. Die deutsche Designerin Chemena Kamali sorgte jüngst mit ihrer ersten Kollektion für Chloé für ein Boho-Comeback. Das Genie ist demnach vorhanden, die Branche braucht jedoch beim Thema Gleichberechtigung genau das, wofür sie so berühmt ist: mehr Kreativität. Mehr Kollaborationen mit Frauen, mehr Frauen in der Geschäftsführung und was noch viel wichtiger ist: mehr Vertrauen in das Können des weiblichen Geschlechts. Schließlich weiß niemand besser darüber Bescheid, was einer Kundin gefallen könnte, als eine Frau selbst. 

 

 

Quelle: Mode

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