"Angie, wir vermissen dich": Warum vermissen gerade alle Altkanzlerin Angela Merkel?

Angela Merkel erlebt gerade ein Nostalgie-Comeback. Warum mehr als bloße Weichzeichnung der Vergangenheit dahinter steckt, erklärt eine Psychologin im Interview. 

BRIGITTE: «Mama Merkel», «Angie, wir vermissen dich» – auf Social Media wird Angela Merkel gerade gefeiert. Warum neigen wir dazu, politische Persönlichkeiten im Rückblick positiver zu bewerten als während ihrer Amtszeit?

Dr. Julia Reiter: Unsere Erinnerung an die Vergangenheit ist anfällig für kognitive Verzerrungen. Prägnante Ereignisse oder der Vergleich mit der aktuellen Situation beeinflussen, woran wir uns besonders erinnern. Zur Nostalgie – also einem positiv verklärenden Blick auf die Vergangenheit – neigen wir besonders dann, wenn wir mit der Gegenwart unzufrieden sind. Dann rückt vor allem das in den Vordergrund, was früher vermeintlich besser war.

Merkels Amtszeit liegt mittlerweile ein paar Jahre zurück…

Ja, die Wahrnehmung verändert sich bei politischen Persönlichkeiten häufig noch mal nach dem Ende der Amtszeit. Während ihrer Kanzlerschaft musste Angela Merkel regelmäßig öffentlich auftreten, Probleme kommentieren und auch unpopuläre Entscheidungen erklären. Heute sieht man sie eher in Talkshows oder Social-Media-Clips, in denen politische Reflexionen mit persönlichen, oft unterhaltsamen Momenten verbunden sind. Dadurch wird sie häufiger in positiven Kontexten wahrgenommen – und das färbt rückwirkend auch die Erinnerung an ihre Amtszeit.

Welche psychologischen Mechanismen stecken hinter der «Merkel-Nostalgie»?

Dahinter stehen vor allem kognitive Verzerrungen. Dinge, die wir häufig oder zuletzt gesehen haben, halten wir schnell für typisch. Wenn wir also vermehrt Inhalte sehen, in denen Angela Merkel humorvoll, nahbar oder sympathisch wirkt, beeinflusst das rückwirkend unsere Wahrnehmung ihrer gesamten Person. Hinzu kommt: In diesen Formaten äußert sie sich nicht mehr unter dem Druck aktueller Krisenpolitik, sondern kann reflektiert oder persönlich auftreten. Das erzeugt leicht den Eindruck, sie sei «immer schon so gewesen». Verstärkt wird dieser Effekt durch aktuelle Unzufriedenheit. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sich ihre Situation verschlechtert hat, blicken sie vergleichend positiver auf die Vergangenheit.

Angela Merkel wurde während ihrer Kanzlerschaft teils massiv kritisiert – etwa für ihre Migrationspolitik oder den Umgang mit Russland. Warum treten diese Kritikpunkte heute bei vielen in den Hintergrund?

Zum einen sind die Menschen, die damals laut kritisiert haben, nicht unbedingt dieselben, die heute nostalgisch auf Merkel blicken. Wer früher «Merkel muss weg» skandierte, wird heute eher keine «Mama Merkel»-Videos liken. Im öffentlichen Diskurs sind oft vor allem die lautesten Stimmen sichtbar. Daneben gibt es aber viele Menschen, die Merkel damals differenziert bewertet haben und heute nostalgische Gefühle nachvollziehen können. Außerdem hat sich der Fokus öffentlicher Debatten verschoben. Wir können uns nur auf eine begrenzte Zahl an Krisen gleichzeitig konzentrieren. Themen, für die Merkel stark kritisiert wurde, stehen heute weniger im Mittelpunkt, während andere Probleme stärker mit der aktuellen Regierung verbunden werden.

Friedrich Merz gilt derzeit als einer der unbeliebtesten Kanzler der vergangenen Jahrzehnte. Warum fällt seine Zustimmung so gering aus – bezogen auf Auftreten und Außenwirkung?

Forschung zur Wahrnehmung männlicher und weiblicher Politiker:innen zeigt, dass Frauen häufiger über ihr Auftreten und ihre Wirkung bewertet werden. Eigenschaften wie Sachlichkeit oder Durchsetzungsfähigkeit werden bei Männern oft positiv interpretiert, bei Frauen dagegen eher als kalt oder aggressiv. Interessant ist deshalb, dass bei Friedrich Merz häufig gerade Kälte, mangelnde Empathie oder soziale Distanz kritisiert werden, obwohl männlichen Politikern gesellschaftlich oft mehr Spielraum bei solchen Zuschreibungen eingeräumt wird. Offenbar gelingt es ihm aktuell nicht, Nähe oder emotionale Anschlussfähigkeit zu vermitteln.

Politiker:innen werden häufig erst wieder als Menschen wahrgenommen, wenn sie nicht mehr im Amt sind. Diesen Effekt konnte man nicht nur bei Merkel beobachten, sondern auch bei Annalena Baerbock oder Ricarda Lang.

Wenn Menschen eine öffentliche Rolle ausüben, werden sie zunächst über diese Rolle wahrgenommen, die Person dahinter tritt in den Hintergrund. Das kennt man auch aus anderen Bereichen: Für Schüler:innen ist eine Lehrkraft zuerst Lehrkraft und nicht Privatperson. Bei Politiker:innen ist das ähnlich. Während ihrer Amtszeit treten sie zudem bewusst professionell und kontrolliert auf. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt verändert sich das: Sie sprechen offener, beantworten persönlichere Fragen und wirken dadurch menschlicher und nahbarer.

Sie tragen also eine Art professionelle Rüstung, die dann abgenommen wird. 

Ja. Eine amtierende Politikerin, die ausführlich über Hobbys oder Lieblingsessen spricht, würde schnell den Vorwurf hören, sie solle sich lieber um ihren Job kümmern. Nach dem Ende der Amtszeit fallen solche Erwartungen deutlich schwächer aus.

Welche Rolle spielen Auftreten, Sprache und Körpersprache dabei, ob Politiker:innen Sympathiepunkte erhalten?

Auftreten und Sympathie dienen uns als Orientierung, um die Vertrauenswürdigkeit anderer Menschen einzuschätzen. Dabei greifen wir oft auf kognitive Abkürzungen zurück: Wir schließen von einer positiven Eigenschaft auf weitere. Wer sympathisch wirkt, erscheint schnell auch kompetent oder zuverlässig – auch wenn das objektiv nicht zwingend zusammenhängt.

Gerade bei Politiker:innen spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. 

Sie treffen Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen, die viele Menschen weder vollständig nachvollziehen noch beeinflussen können. Deshalb ist es wichtig, zumindest das Gefühl zu haben, dass diese Entscheidungen von Personen getroffen werden, denen man vertraut.

Was verrät dieser nostalgische Blick auf Angela Merkel über unsere Gesellschaft und die aktuelle politische Stimmung?

Der nostalgische Blick deutet auf eine verbreitete Unzufriedenheit mit der aktuellen politischen Situation hin. Das zeigt sich nicht nur in der Merkel-Nostalgie, sondern generell im öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig gehört Nostalgie immer auch zu einem idealisierten Blick auf die Vergangenheit, irgendetwas war früher aus Sicht vieler Menschen immer besser. Interessant ist deshalb vor allem, was Menschen heute vermissen. Wenn online etwa beklagt wird, Politik sei früher empathischer oder näher an den Menschen gewesen, sagt das vor allem etwas darüber aus, wie die aktuelle Politik wahrgenommen wird: nämlich als distanzierter und weniger zugewandt.

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