Was kommt dabei heraus, wenn sich eine übermüdete Mutter nachts um 22 Uhr das «GNTM»-Finale reinzieht? Ein Fiebertraum mit Brathähnchengeschmack.
Der diesjährige «GNTM»-Fiebertraum begann für mich um kurz vor neun. Eher wollte mein Kind nicht schlafen. Ich sitze also endlich mit Chipstüte auf dem Sofa – und was sehe ich? Chips. Genüsslich verspeist von Heidi Klum. Das Topmodel hat zusammen mit einer großen Marke eine eigene Sorte mit Brathähnchen-Geschmack auf den Markt gebracht («fleischiger Geschmack, trotzdem komplett vegan» – so der Slogan). Mir wird schlecht.
Heidi: «Hier sind meine Augen!»
Die endlose Werbeschleife ist mittlerweile vorbei. Das Finale geht weiter. Heidi, umringt von gelifteten «Expert:innen» aus dem Showbiz, lässt die verbliebenen Models diesmal in einem alten Theater in L.A. gegeneinander antreten. Angeleitet von Thomas Hayo (der Heidi ständig auf das offensiv betone Dekolleté starrt, was man ihm nicht wirklich vorwerfen kann – und dennoch von Heidi «verwarnt» wird: «Hier sind meinen Augen!») sollen sie etwa eine Verfolgungsjagd nachspielen und dabei auf einem Laufband um ihr Leben rennen. Albern. Aber was tut man nicht alles für 100.000 Euro?
Ich fiebere mit, obwohl ich längst weiß, wer gewinnt. Alle wissen es. Weil die deutsche «Harper’s Bazaar», auf deren Cover traditionell die Gewinnerin und der Gewinner abgedruckt sind, bereits verfrüht an die Abonnent:innen ausgeliefert wurde. Ich möchte nicht in der Haut der Chefredakteurin stecken …
«GNTM» im Smoothieladen
Das Finale war aber sowieso nicht live, sondern wurde bereits vorab aufgezeichnet. Das erklärt auch, warum Vorvorjahressieger Jermaine im Publikum saß, obwohl ich ihn am Vortag noch in Hamburg hinter dem Verkaufstresen eines Smoothieladens gesehen habe (direkt neben dem Eingang zur BRIGITTE-Redaktion!).
Und sonst so? Heidi nutzte die Finalshow wie eh und je als Dauerwerbesendung für sich selbst. Die Models verkamen fast zu Statist:innen, während die Frau von Tom Kaulitz auf der Couch gut gelaunt mit Thomas Hayo flirtete – und dann plötzlich mitten in der Jurybewertung einen der beiden Gründer des Labels «Dsquared2» fragte: «Sag mal, wo ist denn dein Zwillingsbruder?» Und er antwortete: «Äh, ich glaube, der ist aufs Klo gegangen …» Es muss dringend gewesen sein.
Wartet Tom schon mit dem Abendessen?
Heidi, not amused, leitet umgehend eine spontane Werbepause ein. Noch ehe die Regie die Kameras «abschalten» konnte, stand die 53-Jährige auf, griff zum XXL-Haribo-Topf und verteilte Naschis ans Publikum. Damit nicht noch mehr wegrennen?!
Insgesamt wirkt es, als würde die Modelikone ihre 21. Finalshow mal schnell wegmoderieren, während Tom zu Hause schon mit dem Abendessen wartet. Das passt zu ihrem neuen Motto. Die «Zeit» fragte sie gerade in einem Interview, welchen einen Rat sie sich rückblickend geben würde. «Hab mehr Spaß, arbeite weniger» – und genau das holt das Model jetzt nach. Und fliegt nicht mehr extra für die Liveshow nach good old Germany.
«Arbeite weniger!»
Als ich nach einer Kuschelpause mit meinem kurzzeitig erwachten Sohn zurückkomme, nimmt gerade Nicole Scherzinger auf dem Sofa Platz und wird nun ebenfalls von Heidi gefragt, welchen einen Rat sie den Models (überwiegend Gen Z) geben möchte. «Härter als alle anderen arbeiten», sagt sie nun. Voll toxisch. Schonmal was von Lifestyle-Teilzeit gehört?!
Die Verwirrung ist vollkommen, als die Mutter der Finalistin Anna kurz darauf einen Brief an ihre Tochter vorlesen darf, in dem es heißt: «Vergiss nicht, du musst nichts leisten, um geliebt zu werden!» JA WAS DENN NUN?!
Sind wir nicht alle ein bisschen Godfrey?
Im letzten Drittel platzen dann die Träume. Mein persönlicher Favorit, grumpy Godfrey, hat natürlich keine Chance gegen seine jüngere, coolere Version Ibo (Gen Z). Trotzdem hab ich ihm bis zum Schluss die Daumen gedrückt, weil ich seine ernste, verbissene Art (Millenial und in Sachen Arbeitsmoral eher Team Scherzinger) unheimlich putzig fand. «Ich bin jetzt 34, das hier ist meine letzte Chance, als Model Karriere zu machen», klagte der Arme bei jeder Gelegenheit. Und jede, die im Job schonmal mühelos von einer 20 Jahre jüngeren Kollegin abgehängt wurde, kann vermutlich mit ihm relaten.
In seinem Fall hat es nicht gereicht, härter als alle anderen zu arbeiten. Denke ich, während ich parallel die letzten Jobmails beantworte (und die entzückende Aurélie verdient zur weiblichen Siegerin gekürt wird). Aber Friedrich Merz wäre sicherlich stolz auf uns.
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