Sizilien mit Kindern: Mein Schlachtplan für einen gelungenen Familienurlaub – ohne Streit

Wie die große Mittelmeer-Insel mit der Familie entdecken, ohne dass die Kids meutern? Unsere Kollegin Sina Andreae brauchte einen Schlachtplan und fand ihn – Gudrun sei Dank. 

Den Kindern stinkt‘s. Und zwar gewaltig. Seit wir den Katamaran im Hafen von Vulcano verlassen haben, liegt ein fieser Geruch in der Luft. Faule Eier, eindeutig. Da hilft es auch nicht, zu erklären, dass wir auf einer coolen Vulkaninsel vor der NordküsteSiziliens gelandet sind, wo echte Schwefelquellen dampfen, da vorn rechts am Strand, seht ihr?

Wer Sizilien bereist, hat einiges vor

Paul, 7, verzieht angeekelt das Gesicht, hält sich weiter die Nase zu und mault: Gleich soll es auch noch in eine Käserei gehen, da gibt’s doch wahrscheinlich sogar Stinkendes zu essen! Auch bei Anna, 10, war die Stimmung schon mal besser. Könnte damit zu tun haben, dass es heute morgen sportlich früh losging. «Pünktlich um 7 Uhr 30 Uhr im Bus», hatte unsere Reiseleiterin am Vorabend freundlich gemahnt. «Das Boot wartet nicht.»

Dass Urlaub nicht zwingend etwas mit Ausschlafen zu tun haben muss, ist uns schon in den vergangenen sechs Tagen klargeworden. Die Inselhauptstadt Palermo, die Kathedrale von Monreale, die Tempel im Tal von Agrigent, die Mosaiken in der alten römischen Villa Casale, den Ätna – all das hatten wir schon bestaunt, da könnte man jetzt auch mal durchschnaufen. Aber Sizilien ist eben die größte Insel im Mittelmeer, 27-mal größer als Rügen. Wer sie in kaum mehr als einer Woche entdecken will, hat einiges vor.

Sizilien: Stadt-Palme
Stadt-Palme: In Palermo lohnt der Blick in Hinterhöfe.
© Matthias Andreae

Mein Mann Matthias und ich hatten uns bewusst für eine neue, für uns als Familie ungewohnte Art des Reisens entschieden. In den vergangenen Jahren war unser Radius ziemlich klein geworden, jedes Jahr derselbe oberitalienische See mit überschaubarem Programm (schwimmen, später nochmal schwimmen). Wenn die Kinder nicht irgendwann glauben sollen, Italien bestünde aus einem einzigen Ort, würde es höchste Zeit, ihnen mehr von diesem zauberhaften Land zu zeigen. Dachten wir Eltern. Und ahnten: Ohne Diskussionen würde das nicht ablaufen. Wie würden wir ein willensstarkes Grundschulkind und eine Präpubertierende davon überzeugen, mit uns Altstädte, Kirchen oder Klöster anzugucken? Und wären wir in der Lage, immer rechtzeitig eine deeskalierende Eisdiele oder einen Pool herbeizuzaubern? Wir brauchten Hilfe.

Gudrun und ihr Zauber-Rucksack 

Unsere Rettung heißt Gudrun. Wie eine von Annas und Pauls Großmüttern, das schafft Vertrauen. Gudrun hat Kunstgeschichte studiert, arbeitet auch als Museumspädagogin und leitet seit mehr als 30 Jahren Studienreisen. Sizilien kennt sie wie den Inhalt ihres Zauber-Rucksacks, den sie immer bei sich trägt (dazu später mehr), und auch sonst einfach alles und jeden: die beste Gelateria in Catania, jeden römischen und griechischen Gott mit Vornamen oder die Geschichte der «Granita», diese erfrischenden, süßen, weißen Sorbet-Smoothies, die hier überall verkauft werden, wie Anna und Paul erfreut feststellen. 

«Kultur darf Spaß machen», lautet Gudruns Motto.

Und das gilt für alle in der Gruppe: zwölf Erwachsene und zehn Kinder zwischen sechs und 14. Nach dem Kennenlernen im Hotel stehen wir am nächsten Morgen zusammen am Rande der Altstadt von Palermo. Mit unseren schwarzen Knöpfen im Ohr, über die wir Gudruns Stimme hören, sehen wir aus wie eine skurrile Einheit von Secret-Service-Agenten.

Sizilien: San Cataldo in Palermo.
Noch eine Kirche? Nicht irgendeine: San Cataldo in Palermo ist Weltkulturerbe
© lamio

Für zielloses Bummeln sind unsere Kinder nicht zu begeistern, aber wenn Gudrun erzählt, dass die Basilika San Cataldo vor über 800 Jahren «mit geklauten Tempelsäulen» gebaut wurde und ihr Boden «wie ein Orientteppich aus Steinen» aussieht, kraxeln sie die Stufen zur berühmten Kirche mit den rosaroten Kuppeln (Unesco Weltkulturerbe!) in erstaunlicher Geschwindigkeit hoch. Kurz bevor wir reingehen, wünscht uns ein freundlich lächelnder, grauhaariger Passant in Hemd und Jackett auf Deutsch einen «Guten Tag!». «Das war Leoluca Orlando», weiß Gudrun, «der ehemalige Bürgermeister von Palermo. Er hat hier viel bewegt und die Stadt wieder lebenswert gemacht.» Er hatte den Mut, sich der Mafia entgegenzustellen, ließ verfallene Gebäude wieder herrichten, Parks eröffnen und machte die «Palermitani» zu Patinnen und Paten ihrer Stadt.

Zwischen Tempeln und Zitronen 

In der Mittagspause setzen wir uns als Kleinfamilie kurz von der Gruppe ab, um zu sehen, was Palermo kulinarisch zu bieten hat. Im wuseligen Capo-Viertel hinter der Kathedrale suchen wir den Straßenmarkt rund um die Via Sant’Agostino. Die zahlreichen Streetfood-Stände riechen wir schon, bevor wir sie sehen. Und können uns dann nur schwer entscheiden, welche der typischen Häppchen wir kosten möchten: Arancini (gefüllte panierte Reisbällchen), Panelle (frittierte Fladen aus Kichererbsenmehl) oder Cazzilli (Kartoffelkroketten)? 

Gestärkt geht’s zum Puppentheater unweit der Kathedrale, wo für die Gruppe eine Privatvorführung von «Die Taten des Orlando» gegeben wird. Eine actionorientierte Story, in der kunstvoll gefertigte Ritter-Marionetten um eine – natürlich wunderschöne – Angelina buhlen, nacheinander Karl dem Großen, dem Teufel und einem fiesen Drachen begegnen und vor allem hemmungslos aufeinander eindreschen. Eine Art antikes Realo-Videospiel, das alle verstehen, auch wenn es auf Italienisch gezeigt wird. Nach diesem Palermo-Intensivtag haben nur die Kinder abends noch Energie, um im Hotelpool «Schweinchen in der Mitte» zu spielen.

Sizilien: Puppentheater von Palermo
Für große und kleine Kinder Im Puppentheater von Palermo kann man eine ganz besondere, vergnügliche Reise in die Vergangenheit unternehmen. Die Handlung der Stücke versteht auch, wer kein Italienisch spricht. Und die aufwendig gefertigten Marionetten sind wirklich sehenswert. Vorstellung täglich um 17 Uhr 30 (Teatro dell’Opera dei pupi, Via Pietro Novelli 1/a, Tel. 091/611 36 80).
© Matthias Andreae

In den nächsten Tagen steuert uns Busfahrer Guiseppe so souverän über die Insel, dass selbst auf den zahllosen Serpentinen hinauf zum Ätna niemandem schlecht wird. Gudrun verkürzt uns die Fahrtzeit mit Hörspielen über Odysseus (der auf Sizilien dem Zyklopen Polyphem entkam) und einem Italienisch-Crashkurs via Bord-Mikrofon. Ein fahrendes Klassenzimmer, in dem man selbst vor sich hindösend noch ein bisschen schlauer wird.

Jeder Stopp zeigt uns eine neue Facette der Insel. Auf der Zitronenplantage «Il Limoneto» in Giarre erklärt uns Bäuerin Daniela Cola unter ihren saftig grünen Bäumen, wie die ikonische Frucht der Insel gehegt und geerntet wird und schenkt uns die fluffigsten Zitruskekse. Im Tal von Agrigent holt Gudrun aus ihrem Rucksack Tücher und andere Requisiten, verkleidet Anna in eine Priesterin und inszeniert mit den Kids ein spontanes Tempelopfer-Improtheater. In Taormina entdecken wir, dass gerade ein Filmfestival stattfindet, im lebendigen Catania bewundern wir den skurrilen Elefantenbrunnen auf der Piazza Duomo, der angeblich von einem Zauberer erschaffen wurde, um die Stadt vor Ausbrüchen des Ätna zu beschützen. Und auf 2 750 Meter Höhe, der Bergstation ebendieses Vulkans, fühlen wir uns wie auf dem Mond. Den Kindern fallen die vielen Marienkäfer auf, die hier überall herumkrabbeln. Gudrun weiß natürlich, warum – weil die starken Aufwinde am Ätna ihnen eine Rückkehr nach unten unmöglich machen.

Ist Urlaub ohne Gudrun noch möglich?

Zwischendurch schauen Matthias und ich mehr als einmal verwundert auf unseren Nachwuchs: Ist das wirklich unser zu Hause gelegentlich recht bockloser Sohn, der mit der Reiseleitung immer voranläuft und auch noch bei der zwanzigsten Säule im Kloster Monreale andächtig den kunsthistorischen Exkursen lauscht? Wie macht Gudrun das nur? Auch die drohende Eskalation auf dem Ausflug zum Inselchen Vulcano, nördlich von Sizilien, fängt sie schnell wieder ein: Als wir in der Käserei «La Vecchia Fattoria» mittags tatsächlich Teller voller köstlicher, aber geruchsintensiver Häppchen serviert bekommen, zieht sie eine Lage Mortadella aus ihrem Rucksack: «Hab ich vorsichtshalber besorgt, kommt bei den Kindern vielleicht besser an.» Allerdings.

Siziline: Gudrun
Kulturvermittlerin Gudrun König bringt uns Sizilien nahe.
© Matthias Andreae

Getoppt wird das nur noch von Vulcanos Strand. Die Luft flimmert, der schwarze Sand ist so heiß unter den Füßen, dass es nur eine einzige Option gibt: Sofort ins Wasser! Nachdem wir tatsächlich die vorübergehend verlorene Kette des Youngster-Gruppenältesten auf dem schwarzen Grund des Meeres wiedergefunden haben, lässt er sich bereitwillig von den Kleineren als «Meerjungfrau» im Matsch eingraben. Als uns das Boot von der «Stinke-Insel» wieder zurückbringt nach Sizilien, ist sich Anna sicher: «Das war der schönste Tag!» Warum? «Na, weil wir doch zusammen so viel Spaß hatten!» Abends zurück im Hotel, fürchten wir Eltern uns mit Blick auf das kristallklare, fast zu perfekte Mittelmeer mit seinem «Fifty Shades of Blue»-Funkeln insgeheim schon vor der Zeit «nach Gudrun». Wie sollen wir mit den Kids jemals wieder ohne sie verreisen? Völlig unklar. Vielleicht kann sie uns zumindest ihren Zauberrucksack ausleihen.

Sinas Tipps für Sizilien

Organisiert auf Tour

Studiosus bietet die neuntägige Sizilien-Rundreise «Vulkane, Strände und Gelato», die sich für Eltern/Familien mit Kindern von 6-14 Jahren eignet, an mehreren Terminen in den Schulferien an (DZ/HP inkl. Flug und Eintrittsgeldern etc. für 1 Erwachsenen plus Kind ab 4 275 Euro). Infos, auch zu weiteren Familienreisezielen wie Griechenland, Island oder Ägypten: studiosus.com/reisevarianten/familienurlaub

Hinkommen

Nonstop-Flüge nach Palermo mit Lufthansa ab Frankfurt und München (ab 340 Euro), mit Eurowings ab Stuttgart (ab 200 Euro).

Übernachten

NH Palermo. Im großen grünen Hinterhof-Garten des Hotels frühstückt man unter Palmen. Und die Strandpromenade von Palermo ist gleich gegenüber. DZ/F ab 115 Euro (Palermo, V. Del Foro Italico 22b, Tel. 091/ 616 50 90, nh-hotels.de/hotel/nh-palermo).

Sizilien: Aussicht aus dem Hotel
Mehr Meer, bitte! Wer einen Trip ins Blaue möchte, ist hier richtig: Das Hotel liegt direkt am schönen Kiesstrand von Giardini di Naxos, und die Aussicht auf das Mittelmeer wirkt wie der perfekte Bildschirmschoner. DZ/F ab 94 Euro (Giardini-Naxos, Viale Jannuzzo, 41, Tel. 09 42/517 37, hotelhellenia.com).
© Matthias Andreae

Villa Romana. Nein, Porto Empedocle ist nicht der schönste Ort Siziliens, aber die Nähe zu den Tempeln von Agrigent ist unschlagbar. Das erstaunlich günstige Hotel liegt direkt am breiten Strand, der sich für private Ausgrabungen eignet, und hat einen Wasserspiel-erprobten Pool. DZ/F ab 57 Euro (Porto Empedocle, Via Lungomare Nettuno 1, Tel. 09 22/ 63 64 17, hotelvillaromana.com).

Genießen

Da Toto’. Unweit der Villa Casale, im Örtchen Piazza Armerina, ist dieses familiäre Traditionslokal ein guter Road-Trip-Stopp. Spezialität des Hauses: «Pappardelle alla Central» mit Brokkoli und Tomaten für 14 Euro, Pasta mit Pilzen und Trüffeln ab 17 Euro, gegrillter Fisch ab 20 Euro (Via Guiseppe Mazzini 29, Tel. 09 35/68 01 53, ristorantedatoto.net)

Agriturismo Segesta Antichi Sapori. Auf dem Landgut von Giovanna in der Nähe von Segesta haben wir die beste Mittagspause verbracht. Wer ihre unvergleichlichen selbst gemachten Antipasti (die Caponata! Und zum Dessert frische Cannoli!) genießen will, meldet sich vorher an für einen Kurzbesuch oder mietet sich gleich länger in ihr sympathisches Agriturismo ein. Auch für Wohnmobile gibt es hier Parkplätze (Contrada Kaggera Segesta 113, Tel. 03 66/313 37 42, segestaantichisapori.it).

Erleben

Villa Romana del Casale. Nicht gerade ein Geheimtipp, schließlich ist die römische Villa im Herzen der Insel Unesco-Weltkulturerbe. Über 3 500 Quadratmeter Mosaikfußböden gibt es zu bestaunen, darunter die berühmten «Bikini-Mädchen» – Grazien in Unterhosen, die sich sportlich betätigen. Vielleicht doch ein kleiner Geheimtipp: Wer am Morgen direkt nach Öffnung um 9 Uhr kommt, hat Chancen, die Mosaiken in Ruhe betrachten zu können (Piazza Armerina EN, SP90, Tel. 09 35/68 00 36, villaromanadelcasale.it).

La Vecchia Fattoria. Im Verkaufsraum der kleinen Käserei auf Vulcano kann man einen Blick auf die frisch gekästen Spezialitäten werfen, die hier entstehen: Ricotta, als Törtchen oder «al forno», Hartkäse mit Kapern, Oliven, Pistazien, Pfeffer, getrockneten Tomaten… Und in der Ferne, unterhalb des Insel-Vulkans, grasen die Ziegen, die hier noch von Hand gemolken werden (Isole Ecolie, Vulcano, Via sotto Lentia, Tel. 090/985 31 02).

Hätte ich das gewusst …

Taormina ist absolut malerisch, aber als Ex-Drehort der US-Serie «The White Lotus» sehr überlaufen. Unbedingt das beeindruckende Amphitheater anschauen – die vielen teuren Mode-Boutiquen im Zentrum kann man sich sparen. Dem Touri-Trubel entkommt man am schönsten im «Giardino Pubblico» (an der Via Bagnoli Croce).

Telefon

Die Vorwahl für Italien lautet 00 39. Die Null der Ortsvorwahl wird mitgewählt.

Mehr Infos findest du hier: italia.it oder visitsicily.info

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert