Namen: Nichts, was Comedian Hazel Brugger sich merken kann. Gesichter leider auch nicht. Hier beschreibt sie, wie das jede Begrüßung zur Stolperfalle macht.
Es gibt wirklich Schlimmeres, als den Namen eines Gesprächspartners nicht mehr zu wissen. Hoffe ich mal. Ich kann mir die meisten Namen nämlich immer nur sehr schwer bis gar nicht merken. Zu einem großen Teil, weil sie mir fast immer ziemlich egal sind, zu einem anderen, weil ich sowieso ständig das Gefühl habe, an zwanzig Sachen gleichzeitig zu denken.
Und wenn ich es dann trotzdem mal geschafft habe, mir eine Eselsbrücke – eine Hazels Brugge! Haha! – zu einem Namen zu bauen, gelangt mein Gehirn meist nur die halbe Strecke über den Fluss. Dann nenne ich einen Toni auch schon mal Johannes, wegen dem Jo im Schweizer «Toni»-Joghurt. Oder eine Paula Kleopatra, wegen Paul Klee, und wenn es ganz hart auf hart kommt, muss eine Maike auch schon mal mit Würstchen angesprochen werden. Wenn er oder sie dann sagt, dass das nicht sein oder ihr Name sei, dann lache ich und antworte, dass ich das natürlich wisse, hey, hallo, und dass ich jetzt aber mal dringend aufs Klo verschwinden müsse, aus unzusammenhängenden Gründen. (Im Bad angekommen, der immerwährend selbe Ablauf: Händewaschen zur Ideenfindung, Händeföhnen zur Zeitschindung, weinen, scheitern, durchs Fenster klettern, nach Südamerika trampen, Hepatitis C, Familie gründen in einer Favela, Waffenschein fälschen lassen, Hepatitis D, E und F, Drogenring-Chef, Ausbildung in Vermittlung von indigenem Tanz, zu Gott finden, Pipi machen, Name fällt ein, zurück auf die Party und das Gespräch weiterführen.)
Mein Leben – ein einziges Händeschütteln mit immer neuen Fremden
Gesichter kann ich mir obendrein auch nicht super merken, es sei denn, da fehlt eine Nase, oder da ist ein Mund zu viel. Mein Leben kommt mir daher manchmal vor wie ein einziges Händeschütteln mit immer wieder neuen Fremden. Fremden, die mir gegenüber schon eine gestärkte Meinung haben und mit denen ich angeblich Erinnerungen teile. Ich fühle mich dann wie der malträtierte Tigerteppich bei «Dinner For One». Aber bei der Namens- und Gesichtersache hält sich das Drama ja noch enorm in Grenzen, Man kann immer noch über das Wetter reden, über die Musik, den Apéro und Erbpolitik. Richtig unangenehm finde ich es erst, wenn man sich nicht mehr sicher ist, ob man den Gesprächspartner duzt oder siezt. Dann wird es so richtig kreativ.
Dann explodieren die Grenzen von Syntax, Zeitform und Subjekt, aufs Personalpronomen wird einfach verzichtet, oder die ganz Ausgefuchsten wechseln an den kritischen Stellen ins Englische. Guten Tag! – Erfreulich! – Ja, sehr schön, dass wir uns wiedersehen. – Wie geht es der Frau, was machen die Kinder? Vorzüglich, Sophia ist nun in der Schule! Und how are you? – Sehr wohlauf, thank you so much! Schule, oh, verrückt, wie die Zeit vergeht. – Ich bin ja wegen XY hier, und selbst? – Interessant, nein, ich wegen C-3PO, jaja, aber doch, doch, äußerst interessant, wie steht man denn zu XY? – Also, wie Mann dazu steht, weiß ich nicht, oh, oh, oha, aber ich bin sein ehemaliger Mitarbeiter. – Fantastisch. Und nun muss ich los, die Anden rufen, es war schön, dass wir uns so vortrefflich unterhalten konnten! – Man sollte sich mal wieder verabreden, take care, au revoir und goodbye!
Da lobe ich mir doch die Zeit im Kindergarten, wo Duzen oder Siezen noch ein grauer Brei jenseits der Selbstwahrnehmung war. Als die Großen einen Nach- und die Kleinen einen Vornamen hatten. Fertig. Du, Frau Meier, Paula und Toni haben das WC abgeschlossen, gerade als ich dorthin flüchten wollte, um mich ihrer Namen zu entsinnen. Du, Frau Meier, kannst du mir bitte helfen, ich muss ganz dringend. – Gleich, Hazel. Mein Name ist zwar Müller, aber das ist nicht ganz so wichtig. Jetzt zieh dir erst einmal wieder das Tigerteppich-Kostüm an und leg dich hin, es gibt noch viel zu stolpern hier.
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