Null Bock?: "So viele Menschen haben besseren Sex ab 50 als mit 20"

Null Bock? Dann lohnt es sich, nach den Gründen zu suchen, sagt Bestsellerautorin Dr. Sheila de Liz – und hat ein paar inspirierende Ideen für guten Sex in jedem Alter.

BRIGITTE: Was antworten Sie Frauen, die sagen: Ich habe beim Sex lange mitgemacht, jetzt brauche ich ihn nicht mehr?

Dr. Sheila de Liz: Kein Mensch sollte – gerade nicht in einer Beziehung, die auf Augenhöhe ist – beim Sex «mitmachen». Jeder Mensch hat eine sexuelle Seele, die sich nach Zuneigung und Erfüllung sehnt. Meine Beobachtung ist vielmehr: Die meisten Frauen wollen sexuell erfüllt sein, und die meisten Frauen, die unzufrieden sind, wollen ihre Beziehung und damit ihr Sexleben verbessern. Wenn diskrepante Lust eine Dauerbaustelle ist, liegt es meistens daran, dass der Sex, der zur Verfügung steht, mit der Frau überhaupt nichts zu tun hat. Viele sind einsam im Bett oder einfach nur gelangweilt. Mitzumachen, damit der Partner oder die Partnerin Ruhe gibt, ist keine nachhaltige Lösung. Zu sagen, jetzt brauche ich keinen Sex mehr, wenn man eigentlich doch noch möchte und mit besserem Wissen gemeinsam sexuell glücklich sein könnte, aber auch nicht.

Lust: Buchcover "Light my Fire"
Sheila de Liz’ neues Buch «Light my Fire» ist bei Rowohlt erschienen (256 S., 18 Euro).

Was passiert, wenn man mitmacht, obwohl man keine Lust hat?

Je mehr sich eine Frau dazu zwingt, Sex zu haben, obwohl sie gar nicht will, desto schlechter wird er – weil man sich die Lust abtrainiert und dann in eine Abwärtsspirale der Unlust gerät. Aus meiner medizinischen Praxis weiß ich, dass sich unzählige Frauen zum Sex überreden lassen, damit Ruhe ist. Der Partner freut sich und hofft, dass er bald wieder stattfinden kann. Die Frau denkt: Jetzt hatte er doch gerade Sex, was hatte ich davon? Bekomme ich nicht mal eine Pause? So werden «Sex-Knoten» geschnürt, die man nur mühsam wieder lösen kann, wenn die Beziehung nicht in Schieflage geraten soll. 

Sex ist mehr als nur ein Orgasmus 

Ist es ein feministischer Akt zu sagen: Ich wünsche mir etwas anderes?

Es ist sogar kernfeministisch. Ich halte das Äußern von Wünschen und das gemeinsame Erarbeiten von Zielen in einer Beziehung für ein Teil des Erwachsenenseins. Oft beobachte ich bei Frauen in den Wechseljahren: Wenn sich die Östrogen-Vernebelung lichtet und der Kümmerdrang nachlässt, kommen viele von selbst zu dieser Erkenntnis. Die Routine von «Penis-rein-und-Raus» allein ist ja auch gar nicht am besten für den Orgasmus der Frau geeignet, weil sich in der Vagina deutlich weniger Nervenendungen befinden als in der Klitoris. Das ist auch für die Männer wichtig zu wissen: Wenn du ihn einfach nur reinsteckst, muss die Frau nicht zum Orgasmus kommen.

Was heißt das dann für uns?

Wir werden sexuell selbstbestimmt. Das bedeutet aber auch: Jeder Mensch ist im Schlafzimmer für sein Vergnügen selber verantwortlich. Das heißt: Ich sorge mich nicht darum zu kommen, damit der Partner sich bestätigt fühlt, sondern ich fokussiere mich darauf, was sich für mich und für uns gemeinsam gut anfühlt. Der Rest ist Teamarbeit: Gemeinsam zu erforschen, was man im Schlafzimmer ändern möchte, damit man als Paar sexuell weiter reift und die Bindung stärker und besser wird. Wir müssen von der Mythologie wegkommen, dass der Orgasmus durch Penetration der einzig mögliche Erfolg beim Sex ist. Es gibt unzählige Variationen – von Oralsex bis zu gemeinsamer Selbstbefriedigung, die man miteinander ausprobieren kann. Es darf außerdem nicht darum gehen, aus einem nicht existenten Sexleben ein funktionales zu machen. Was Menschen wirklich vermissen, ist eine erfüllte Sexualität und eine glücklichere Beziehung – nicht einfach nur funktionierende Genitalien.

Sprechen Ihre Patientinnen eigentlich ganz offen über ihre Unlust?

Ja, aber es geht oft nicht um «Unlust» – der Wunsch nach gutem Sex ist ja meistens noch vorhanden und in der Lebensmitte oft sogar stärker. Es geht überwiegend um physische, psychische und persönliche Faktoren, die das gesunde Lustempfinden unterdrücken. Oft kommen Patientinnen mit einem körperlichen Problem, und dann stellt sich heraus, dass die Libido schwächer geworden ist. Meist mit Mitte, Ende 40, weil das Leben stressig ist, mit Haushalt, Kindern, Eltern, Arbeit, da sind viele Frauen erschöpft und schlafen nicht mehr gut. Klar, dass sie da keinen Sex haben wollen. Auch die Hormone spielen eine bedeutende Rolle, die in den Wechseljahren ja massiv abnehmen. Ich checke dann den Testosteronspiegel, denn Testosteron beeinflusst unsere Libido, und wenn er sehr niedrig ist, dann ist es kein Wunder, wenn eine Frau erschöpft und sexuell weniger ansprechbar ist. 

In Deutschland gibt es keine für Frauen zugelassenen Präparate.

Gynäkologinnen können trotzdem ein Testosterongel verschreiben, wenn der Spiegel niedrig ist, und Frauen nehmen dann einen kleinen Bruchteil der Tagesdosis, die für Männer ausgerechnet ist. Das nennt man Off-Label-Use, es heißt aber nicht, dass die Verordnung nicht erlaubt ist. Meine Erfahrungen mit einer Testosterontherapie sind positiv, weil sie vielen Frauen die Lust und die Energie zurückbringt. Auch viele Männer ab 40 haben ja bekanntlich bereits einen deutlichen Testosteronmangel. Manchmal sind auch Schmerzen bei der Penetration ein Thema, oft verursacht durch einen Östrogenmangel, der die Haut im Vaginalbereich ausdünnt. Eine lokal angewandte Östrogensalbe vollbringt dabei Wunder – und ist übrigens für jede Frau geeignet, ganz gleich ob sie Vorerkrankungen hat. 

«So viele Menschen heutzutage haben deutlich besseren Sex ab 50 als mit 20» 

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch «Light my Fire«, dass die sexuelle Bremse bei Frauen häufig durch äußere Faktoren übermäßig belastet werde. Was meinen Sie damit?

Es gibt in der Sexualwissenschaft das sogenannte Duale Kontrollmodell, das, vereinfacht gesprochen, von einem Gas- und einem Bremspedal in der Sexualität ausgeht. Alles, was wir sexuell interessant finden, wie eine erotische Geschichte, ein Duft, sexy Bilder, betätigt das Gaspedal. Und dann gibt es die Dinge, die auf die Bremse drücken – dazu gehören Krankheiten, Schmerzen, Konflikte mit dem Partner oder der Partnerin, aber auch Scham über den eigenen Körper, oder die Schwiegermutter, die gerade zu Besuch ist. Wir wissen inzwischen, dass Frauen einen ähnlich starken Sex-Drive wie Männer haben. Aber bei Frauen drückt meistens mehr auf die Bremse. Wenn man keine Lust hat auf Sex, ist es daher sinnvoll zu überlegen: Woran liegt das? Mit der Zeit bekommt man darin Übung und merkt, okay, der Streit von vor ein paar Tagen ist noch nicht beigelegt. Die sexuelle Temperatur in der Beziehung kann daher oft als Gradmesser für das eigene Wohlergehen dienen.

Sie machen auch explizit Mut, den Sex im mittleren Alter nicht aufzugeben. 

Weil ich großartige Neuigkeiten habe: Durch meine Recherche habe ich festgestellt, dass das Narrativ, Frauen ab 45 hätten weder Lust noch Spaß am Sex, komplett falsch ist. So viele Menschen heutzutage haben deutlich besseren Sex ab 50 als mit 20 und auch deutlich mehr Orgasmen. Das gehört gefeiert! Außerdem zeigen Studien, dass regelmäßige sexuelle Aktivität die Entzündungsfaktoren im Blut senkt, die für Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz verantwortlich sind. Regelmäßiger positiver Sex durchflutet uns mit Hormonen, stärkt das Immunsystem und baut Stress ab. Einen Teil dieser Effekte bekommt man auch, wenn man sich selbst befriedigt, aber guter Sex bringt uns auch als Paar näher zusammen.

Sollte man Sex nur für die Gesundheit haben?

Natürlich nicht! Aber wir sollten unsere sexuelle Gesundheit genauso wichtig nehmen wie unsere physische oder mentale Gesundheit – sie greifen alle ineinander.

Und wenn ich trotzdem denke: Nö, kein Bock?

Guter Sex ist Vitalität und bedeutet oft eine Reise zu seinem innersten, intimsten Selbst. Wenn man das generell ablehnt? Nun, das entscheidet natürlich jede für sich selbst. Manchmal passt einfach der Partner nicht mehr. Manchmal die Situation. Aber nach meinen Beobachtungen als Gynäkologin aus nächster Nähe kann ich sagen: Man sollte nie den Wunsch nach gutem Sex komplett an den Nagel hängen, denn das Leben hat oft positive Überraschungen im Ärmel – neuer Partner, neues Glück, oder alter Partner, neuer Sex. Alles ist möglich!

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