Wie geht gutes Reisen heute?: "Ein Urlaub muss nicht glücklich machen"

Proteste auf den Balearen, am Brenner und in Barcelona, gesperrte Strände in Griechenland und Italien: Auch diesen Sommer werden beliebte Regionen und Städte unter dem Touristenansturm leiden – und wir mit. Wie geht Urlaub, der allen guttut?

Wir können es nicht länger ignorieren: Einige der beliebtesten Urlaubsregionen stehen vor dem Tourismusinfarkt – und wir viel zu häufig in der Schlange und im Stau. Was also tun? Wir haben Philipp Laage gefragt: Der Berliner Journalist und Autor schreibt Bücher, Reportagen und Essays über das Reisen und ist Mitgründer des Mammutmarsches, des größten Weitwander-Events in Deutschland.

BRIGITTE: 2019 haben Sie noch vom  «Vom Glück zu reisen» geschrieben, Ihr aktuelles Buch heißt «Travel is broken». Was ist zwischenzeitlich passiert?

Reiseexperte Philipp Laage
Reiseexperte Philipp Laage
© Thomas Christian Keller

Philipp Laage: 2019 gab es natürlich auch schon Kritik am Tourismus – an den Kreuzfahrtschiffen in Venedig, den Ferienwohnungen in den Innenstädten, den Emissionen beim Fliegen. Aber dass wir als Reisende nicht mehr überall gern gesehene Gäste sind, diese Entwicklung ist heute noch offensichtlicher. Wir können nicht mehr ignorieren, dass wir Teil eines Systems sind, das Schäden anrichtet. Das Reisen, das über Jahrzehnte als etwas vorbehaltlos Gutes, Inspirierendes und Bereicherndes galt, steht grundsätzlich in der Kritik.  

Wir können nicht mehr ignorieren, dass wir Teil eines Systems sind, das Schäden anrichtet. 

Als Urlauber:innen verdrängen wir die einheimische Bevölkerung, wohnen in bester Strandlage oder historischen Innenstädten. Und den Klimawandel heizen wir auch noch an. Wieso nehmen wir das alles in Kauf?

Man will sich erholen, was Schönes sehen, Zeit mit der Familie verbringen, und das sind alles legitime Bedürfnisse. Nur wird aus diesen individuellen Bedürfnissen in der Summe etwas Zerstörerisches. Menschen können Widersprüche und Dissonanzen aber gut aushalten, solange sie ihnen nicht zu nahekommen. Der Einzelne kann sich leicht rausnehmen und sagen: Auf mich kommt es nicht an, mein Flugzeug fliegt sowieso, und ob meine Ferienwohnung eine Familie verdrängt, weiß ich nicht. Erst, wenn uns in Barcelona Aktivisten gegenüberstehen, die uns mit Wasserpistolen nassspritzen und sagen, wir nehmen euch als Eindringlinge wahr, erkennen wir unsere Rolle in diesem Spiel an. 

Nicht nur die lokale Bevölkerung leidet, auch die Reisenden selbst, die sich durch Gassen schieben und stundenlang Schlange stehen müssen. Warum fahren wir trotzdem immer wieder los? 

Reisen ist ein zentrales Glücksversprechen unserer Gesellschaft. Beim Reisen findet das statt, was wir heute mit einem erfüllten Leben in Verbindung bringen – möglichst viele intensive Erlebnisse in möglichst schneller Abfolge. Unser Urlaub dient nicht mehr nur der Erholung. Er soll uns belohnen, inspirieren, verwandeln und auch ein bisschen interessant machen. Letzteres hat sich durch Social Media extrem verstärkt. Wir haben das alles aber so auf die Spitze getrieben, dass wir uns keinen Gefallen mehr damit tun. 

Reisen ist ein zentrales Glücksversprechen unserer Gesellschaft. 

Was genau meinen Sie damit?

Wenn man in zwei Wochen Costa Rica sieben Orte sehen will, ist das nicht nur Stress, man hat auch keine Zeit, sich auf das Land einzulassen. Vor allem, wenn man die Reise vorab schon im Internet durchexerziert hat und nur den schönen Bildern nachreist, die man dort gesehen hat. Die Bilder sind immer schon vor uns da und lassen wenig Raum für Überraschungen und eigene Entdeckungen. Das ist schade, denn natürlich ist das, was das wir darauf sehen, bei Weitem nicht alles, was ein Ort zu bieten hat. 

Jedes halbwegs interessante Stadtviertel, jeder Wasserfall, jeder Delfin ist als geführte Tour konsumierbar. Können wir so einem Ort überhaupt nahekommen – oder haken wir nur eine weitere To-Do-Liste ab?

Die meisten dieser Touren sind eine Form von individualisiertem Massentourismus, mit oft negativen Folgen. Etwa wenn beim Whale Watching regelrechte Treibjagden veranstaltet werden, damit Touristen ihr Foto von der Schwanzflosse kriegen. Es ist toll, einen Wal zu sehen, aber noch viel toller wäre es, ihm zufällig in seinem natürlichen Lebensraum zu begegnen und nicht, weil man ihm aufgelauert hat. 

Die größte Freude erleben wir, wenn wir uns auf neue Situationen einlassen – nicht wenn wir ein garantiertes Erlebnis bekommen, für das wir Geld bezahlt haben. 

Insgesamt hat der Tourismus aber auch positive Seiten – er bringt Arbeitsplätze und hilft bestenfalls, Natur und Kultur zu bewahren. 

"Travel is broken – Warum Reisen oft enttäuscht und wie wir es neu entdecken können" von Philipp Laage (Kösel, 18 Euro)
«Travel is broken – Warum Reisen oft enttäuscht und wie wir es neu entdecken können» von Philipp Laage (Kösel, 18 Euro)
© PR

Richtig, die Probleme beim Tourismus sind nur eine Seite der Medaille. In vielen Regionen leben die Menschen davon, dass andere sie besuchen – nicht nur in den Hotels und Restaurants, auch Handwerkerinnen, Taxifahrer oder Zulieferer. Das haben wir auch in der Pandemie gesehen: Wir waren froh, dass wir endlich von diesem Erlebnisdruck befreit waren und die Uckermark und den Bayerischen Wald entdecken konnten, aber in den Reiseländern war man überhaupt nicht happy, es hieß: Bitte kommt so schnell wie möglich wieder! 

Wie könnte also eine Reise aussehen, die möglichst wenig Schaden anrichtet?

Was die moralischen und ethischen Fragen angeht, hat man immer gewisse Hebel. Wenn ich Thailand sehen will, muss ich fliegen und die Emissionen in Kauf nehmen. Vor Ort kann ich aber dazu beitragen, dass möglichst viele Einheimische von meinem Besuch profitieren, indem ich familiengeführte Unterkünfte besuche und keine internationalen Hotels. Vielleicht auch mal einen Homestay ausprobieren und lokale Guides buchen – alles, was niedrigschwellig und verantwortungsbewusst organisiert ist, ist gut.

Und wann tut uns selbst eine Reise wirklich gut?

Damit eine Reise viel mit mir macht, muss ich nicht die ganze Zeit beschäftigt sein. Mein Plädoyer lautet: weniger Sightseeing, mehr Pausen und den Mut haben, sich auf das Ungeplante einzulassen. Vielleicht mal in ein Restaurant gehen, wo man nicht vorher die Bewertungen gelesen hat. Oder sich bei den Hotspots fragen, ob man die wirklich noch sehen muss. Wenn ich überall gelesen habe, ist schön da, aber voll, ist das vielleicht ein Signal, zu sagen: Es gibt bestimmt noch zehn andere Orte in der Region, die ich mir anschauen kann. Man kann auch nach Peru fahren und den Machu Picchu auslassen. Klingt verrückt, ist aber so. Und die Erwartungshaltung runterfahren: 

Ein Urlaub muss nicht perfekt sein. Er muss mich nicht mal glücklich machen. 

Aber das wünschen wir uns doch.

Vielleicht beginnt gutes Reisen mit der Kränkung, dass man sich eingesteht: Die Welt ist nicht dafür da, dass ich den perfekten Urlaub habe, und die Menschen vor Ort sind nicht die Dienstleister meines Glücks. Wenn man das akzeptiert, legt man die Anspruchshaltung ab und reist dankbarer. Es geht nicht darum, möglichst viel zu von der Welt zu konsumieren – es geht darum, ihr neugierig und reizoffen zu begegnen.

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