Assistenzhunde: Wie Assistenzhund Bailey Anna ein Stück Freiheit zurückgibt

Assistenzhund Bailey hilft der 22-jährigen Anna dabei, trotz ihrer Erkrankung am Alltag teilzunehmen. Warum das in Deutschland zum bürokratischen Problem wird. 

Bailey hebt vorsichtig die Wasserflasche auf, die Anna kurz zuvor aus der Hand geglitten ist. Mit der kleinen Plastikflasche im Maul schaut er sie erwartungsvoll aus braunen Augen an. Anna gibt ihrem Begleiter auf vier Pfoten ein Leckerli und steckt die Flasche zurück in ihre Schultertasche. Was auf den ersten Blick wie ein cooler Trick aussieht, hilft Anna dabei, ihren Alltag zu bewältigen. Schon dieses kleine Bücken könnte ihren Kreislauf aus dem Gleichgewicht bringen.

Sie lehnt sich kurz gegen die Hauswand des Hörsaalgebäudes der Universität zu Köln. Kurze Pause. Bailey setzt sich vor sie und wedelt mit dem Schwanz. Erst als Anna sich wieder gesammelt hat, laufen Hund und Frauchen weiter. «Ohne ihn wäre vieles gar nicht mehr möglich», sagt die zierliche 22-Jährige.

Anna und Bailey
Anna und Bailey auf dem Campus der Universität zu Köln.
© Julien Kartheuser

«Das Leben mit Anfang 20 habe ich mir anders vorgestellt»

Vor drei Jahren noch hatte Annas Leben einen ganz anderen Takt. Direkt nach dem Abitur war sie mit ihrer besten Freundin auf einer kleinen «Weltreise», mehrere Wochen ging es quer durch Südafrika nach Thailand, Australien und Singapur. «Ich liebe das Reisen. Das war für mich das pure Freiheitsgefühl», sagt sie. Außerdem war Anna durch und durch Tänzerin. Bereits im Alter von drei Jahren wurde das Studio zu ihrem zweiten Zuhause. «Ich konnte erst tanzen und dann laufen.»

Getanzt hat sie das letzte Mal vor über drei Jahren. Ihr Leben hatte sich die Studentin damals anders vorgestellt. Anna hat ME/CFS – eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die häufig nach Virusinfektionen wie Covid-19 auftritt und Betroffene mit grippeähnlichen Symptomen sowie anhaltender extremer Erschöpfung zurücklässt. Schon kleinste Anstrengungen wie Duschen oder Haare föhnen können dazu führen, dass sich ihr Zustand drastisch verschlechtert.Tanzen ist da keine Option. «Ich habe nur eine bestimmte Menge Energie am Tag zur Verfügung», erklärt Anna. «Wenn ich die überschreite, kann es passieren, dass ich tagelang oder sogar wochenlang im Bett liege.»

Neben der Erschöpfung leidet sie unter Herzrhythmusstörungen und dem sogenannten posturalen Tachykardie-Syndrom, kurz POTS. Dabei ist die autonome Steuerung des Kreislaufs gestört. Das Blut sackt beim Stehen verstärkt in die Beine, die Durchblutung des Gehirns nimmt ab. Oft wird Anna schwarz vor Augen, mehrmals ist sie bereits ohnmächtig geworden. In solchen Momenten ist Bailey da. Ihr Assistenzhund in Ausbildung legt sich auf ihre Beine, wenn der Kreislauf absackt. Durch das Gewicht wird Annas Durchblutung unterstützt.

Wie Bailey zum Assistenzhund wurde

Assistenzhund Bailey
Bailey in seiner Arbeitsuniform.
© Julien Kartheuser

Der braun-weiße Australian Shepherd war ursprünglich der Familienhund. Als Anna im Herbst 2023 schwer erkrankte und sich ihr Zustand nicht besserte, entstand die Idee, ihn zum Assistenzhund auszubilden. «Ich war einfach so wütend darüber, dass mir medizinisch nicht geholfen werden konnte», erklärt sie. Durch Zufall sei sie einem Kind mit Assistenzhund im Supermarkt begegnet, die sie an sich selbst und Bailey erinnert haben. «Nach einem Gespräch mit meiner Ärztin habe ich dann im Internet recherchiert und bin auf Bea, unsere Trainerin, gestoßen», erzählt Anna und streicht Bailey über den Kopf. «Sie hat einen Wesenstest mit ihm gemacht und erstaunlicherweise hat das gepasst.»

Heute liegt Bailey ruhig neben Anna auf einer Mauer neben dem Hauptgebäude der Universität. Ein paar Studierende laufen plaudernd vorbei, zwei Kinder rennen über die Wiese nebenan, irgendwo quietscht ein Fahrrad. Der Rüde hebt kurz den Kopf, bleibt aber gelassen liegen. Genau das ist entscheidend.

«Nicht jeder Hund kann Assistenzhund werden», sagt Hundetrainerin Bea, die Bailey gemeinsam mit Anna ausbildet. «Die Tiere müssen extrem wesensfest sein. Sie dürfen sich nicht leicht erschrecken lassen und müssen gleichzeitig sehr sensibel auf ihren Menschen reagieren.» Schon bei Welpen lasse sich erkennen, welche Hunde geeignet seien. «Wenn ich auf einen Hund zugehe und er sofort wegläuft, wäre das zum Beispiel schwierig», erklärt Bea. Ein guter Assistenzhund sollte neugierig und ruhig bleiben. 

Bailey bringt diese Eigenschaften von Anfang an mit. Zufall und zugleich Glücksfall für Anna. Er macht ihr Leben um einiges leichter. Bailey hebt Gegenstände auf, damit Anna sich nicht bücken muss und ihr Kreislauf stabil bleibt. Er stoppt an Straßen, wenn Anna benommen wirkt. Er bringt ihr Notfallmedikamente, öffnet und schließt Türen und schafft in Menschenmengen Abstand zu anderen Personen. Gleichzeitig macht Bailey ihre Erkrankung sichtbar. Er trägt, wenn er im Einsatz ist ein rotes Geschirr mit der Aufschrift «Assistenzhund in Ausbildung». Im Alltag hilft Anna das sehr. «Wenn ich mit ihm Bahn fahre, stehen Menschen oft von selbst auf und bieten mir ihren Platz an.» Sie müsse sich dann nicht erklären oder rechtfertigen.

Vor einem Kiosk zeigt Anna, wie Bailey sich dicht hinter ihre Beine stellt. Der Hund wirkt wie eine Barriere. «Er blockt andere Menschen ab, damit niemand zu nah an mich ran kommt, erklärt die Studentin. «Wenn zu viele Reize gleichzeitig auf mich einprasseln, wird mir das schnell zu viel.»

Das Problem: Ohne Prüfung kein Assistenzhund

Inzwischen begleitet Bailey Anna fast überallhin: zu Vorlesungen, in die Bibliothek oder zu ihren Stammsupermärkten in Köln, die ihn trotz fehlender offizieller Zertifizierung aus Kulanz mit hineinlassen. Denn solange Bailey seine Abschlussprüfung nicht abgelegt hat, haben Geschäfte weiterhin das Recht, ihm den Zutritt zu verwehren. Damit Assistenzhunde ihre Menschen offiziell begleiten dürfen – etwa in Supermärkte, Kliniken, Universitäten oder öffentliche Gebäude –, brauchen Mensch und Hund eine staatlich anerkannte Zertifizierung als Assistenzhund-Gemeinschaft.

«Bailey ist fertig ausgebildet», sagt Trainerin Bea. «Er könnte theoretisch morgen geprüft werden.» Das Problem: In Deutschland gibt es derzeit keine zertifizierte Ausbildungsstätte, weil eine offizielle Zertifizierungsstelle fehlt, die Hundeschulen nach den Vorgaben der Assistenzhundeverordnung akkreditieren darf. Die neue Assistenzhund-Verordnung sollte eigentlich für bessere Standards sorgen. In der Praxis führt sie derzeit jedoch dazu, dass zahlreiche Teams wie Anna und Bailey festhängen. «Ohne die bestandene Prüfung ist rechtlich vieles nicht eindeutig abgesichert», so Bea.

Es mangelt an Sichtbarkeit und Unterstützung 

Für Betroffene ist das frustrierend – und teuer. Selbst bei einem Hund wie Bailey, der bereits gut erzogen war, kostet die Ausbildung zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Muss ein Hund komplett von Grund auf ausgebildet werden, können schnell mehr als 25.000 Euro zusammenkommen. «Und viele Betroffene können wegen ihrer Erkrankung gar nicht mehr arbeiten», sagt Bea. Hinzu kommt: Assistenzhunde können nur begrenzte Zeit im Dienst sein. Mit etwa zehn Jahren gehen sie in den Ruhestand. Bailey ist inzwischen fünf Jahre alt. «Wenn sich weiter nichts bewegt, verliert Anna wertvolle Jahre mit ihm», vermerkt Bea. Mit einer bestandenen Prüfung könnte Bailey Anna deutlich besser unterstützen – vieles, was die beiden derzeit möglich machen, basiert auf Kulanz und bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone.

Im Zuge der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes wird viel über Inklusion gesprochen – doch solange Assistenzhunde nicht geprüft werden können, bleibt sie für viele Betroffene unerreichbar. «Menschen mit Assistenzhunden in Ausbildung fühlen sich deswegen hingehalten», sagt Anna. «Teilhabe sollte kein Versprechen sein, sondern grundlegendes Recht.»

Währenddessen versucht Anna, ihren Alltag irgendwie aufrechtzuerhalten. Sie plant ihre Tage minutiös. Eine Vorlesung kann bedeuten, dass danach keine Kraft mehr fürs Kochen bleibt. Ein Treffen mit Freunden vielleicht, dass sie am nächsten Tag das Bett nicht verlassen kann. Besonders gefährlich sind sogenannte «Crashs». Dabei verschlechtert sich der Zustand der Erkrankten nach Belastung abrupt. «Manchmal liege ich dann tagelang im Bett und kann nichts mehr tun», sagt Anna.

Bailey hilft ihr auch dabei, diese Grenzen einzuhalten. Menschen mit ME/CFS sprechen vom sogenannten «Pacing», dem konsequenten Einteilen der eigenen Energie, um Überlastungen und daraus resultierende Crashs zu vermeiden. «Wenn ich mich kognitiv zu lange anstrenge, merkt Bailey das», erklärt Anna. «Dann legt er seinen Kopf auf meinen Schoß oder bringt mir seine Kuscheltiere. Damit signalisiert er mir, dass ich eine Pause machen muss.»

V. l. n. r. Redakteurin Eva, Redakteurin Lena, Hundetrainerin Bea, vorne Anna 
V. l. n. r. Redakteurin Eva, Redakteurin Lena, Hundetrainerin Bea, vorne Anna
© Julien Kartheuser

«Er gibt mir ein Stück Freiheit zurück»

Am Ende des Tages sitzt Anna auf einer Bank vor der Universitätsbibliothek. Bailey liegt ausgestreckt zu ihren Füßen. Immer wieder werfen Studierende neugierige Blicke auf den Hund. Ein rauchender junger Mann kommt auf uns zu und will Bailey streicheln. Selbst auf ausweichende Gesten reagiert er nicht. Anna sagt freundlich, aber bestimmt, dass er uns bitte in Ruhe lassen soll. Der Mann geht weiter.

Anna hat gelernt, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen. Die Erkrankung hat ihr vieles genommen: das Tanzen, das Reisen, die Selbstverständlichkeit, mit der sie früher durchs Leben gegangen ist. «Das, was ich noch habe, behüte ich», sagt sie. Bailey hebt den Kopf, als Anna seinen Namen sagt. Sofort drückt er seine nasse Schnauze gegen ihre Hand. «Er gibt mir das Stück Freiheit zurück, überhaupt noch am Leben draußen teilnehmen zu können.»

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert