Die Liebe ist noch da, aber Nähe und Verbundenheit fehlen? Psychologin Linda-Marlen Leinweber erklärt im Gespräch mit BRIGITTE, warum sich Paare emotional voneinander entfernen und wie sie wieder zueinanderfinden können.
BRIGITTE: Warum entfernen sich viele Paare im Laufe ihrer Beziehung emotional voneinander, obwohl sie sich noch lieben?
Linda-Marlen Leinweber: Oft sind es nicht die großen Krisen, sondern viele kleine Dinge, die sich über Jahre summieren. Viele Menschen sprechen ihre Bedürfnisse, Wünsche oder Enttäuschungen nicht aus, weil sie davon ausgehen, der Partner müsse diese ohnehin erkennen. Langfristig kann diese unausgesprochene Erwartung zu emotionaler Distanz führen. Auch stellen viele Menschen ihre Bedürfnisse zurück, weil sie Rücksicht nehmen möchten oder glauben, ihre Wünsche seien nicht wichtig genug. Das ist zwar gut gemeint, verhindert aber echte Nähe. Eine tiefe Verbindung braucht Ehrlichkeit und Offenheit.
Woran erkenne ich, ob die Distanzgefühle nur eine vorübergehende Phase sind oder ob sie auf ein tieferes Problem hinweisen?
Grundsätzlich gibt es in jeder Beziehung Phasen, in denen man sich weniger nah fühlt. Entscheidend ist aber, ob die positiven Momente weiterhin überwiegen. Die Paarforschung von John und Julie Gottman zeigt beispielsweise: Auf einen Konfliktmoment sollten im Durchschnitt fünf positive Begegnungen kommen. Wenn Streit zum Normalzustand wird, ist das ein Warnsignal.
Und weitere Warnsignale?
Ein wichtiger Punkt ist die Art und Weise, wie Paare miteinander umgehen. Bleiben beide respektvoll und wohlwollend oder dominieren Verachtung, Rückzug, Rechtfertigungen und Machtkämpfe? Entscheidend ist auch, ob beide Verantwortung übernehmen und gemeinsam nach Lösungen suchen – oder nur noch Recht behalten wollen.
Gibt es umgekehrt Verhaltensweisen, die Beziehungen besonders stabil machen?
Wenn ein Partner eine Berührung sucht, etwas erzählen möchte oder Nähe anbietet, ist entscheidend, ob der oder die andere darauf eingeht. Die Forschung spricht hier von sogenannten «Bids for Connection», also kleinen Kontaktangeboten. Diese kleinen Momente sagen erstaunlich zuverlässig voraus, wie stabil eine Beziehung langfristig ist. Das hat die Psychologin Janice Driver untersucht.
Können auch äußere Belastungen dazu führen, dass wir uns weniger verbunden fühlen oder hängt es immer zwangsläufig mit der Paardynamik zusammen?
Viele Paare erleben in bestimmten Lebensphasen mehr Distanz – etwa nach der Geburt eines Kindes. Statistisch gesehen nehmen in den ersten drei bis vier Jahren nach der Geburt Konflikte zu und Intimität ab. Mental Load, Schlafmangel, berufliche Belastungen und körperliche Herausforderungen wirken sich auf die Beziehung aus. Entscheidend ist dabei: Sprechen beide offen über ihre Belastungen und bemühen sich gemeinsam um Lösungen? Oder beginnen sie, gegeneinander statt miteinander zu arbeiten?
Wie wichtig sind körperliche Nähe und Sex für die emotionale Verbundenheit?
Im Alltag funktionieren viele Paare nur noch nebeneinander her. Arbeit, Kinder und Verpflichtungen nehmen den gesamten Raum ein. Dabei können schon kleine Gesten wie eine längere Umarmung oder ein bewusster Kuss Verbundenheit stärken. Für diese Momente sollten wir uns bewusst Zeit nehmen.
Was können Paare konkret tun, um wieder zueinanderzufinden?
Viele Konflikte drehen sich oberflächlich um Haushalt, Ordnung oder Alltagsorganisation. Dahinter stecken aber oft tiefere Gefühle wie «Ich fühle mich nicht gesehen» oder «Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein». Wenn wir diese Verletzungen nicht ansprechen und reparieren, entfernen wir uns langfristig voneinander. Ein wichtiger Schritt ist, die eigenen Bindungsmuster besser zu verstehen. Häufig bringen wir alte Erfahrungen und Ängste mit in unsere Partnerschaften. Wer diese Muster erkennt, kann bewusster mit ihnen umgehen.

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Dafür ist ja jede:r in gewisser Weise selbst verantwortlich. Was kann man gemeinsam verändern?
Paare sollten bewusst körperliche Nähe schaffen, feste Zeiten für ihre Beziehung einplanen und sich regelmäßig verabreden, beispielsweise durch eine wöchentliche Date-Night oder gemeinsame Rituale im Alltag. Außerdem stärkt es die Beziehung, gemeinsam Neues zu erleben – sei es ein Hobby, ein Kurztrip oder einfach ein gemeinsames Kochprojekt. Menschen fühlen sich auf unterschiedliche Weise geliebt – etwa durch Zärtlichkeit, Lob und Anerkennung, Hilfsbereitschaft, gemeinsame Zeit oder kleine Geschenke. Es lohnt sich, darüber zu sprechen und die Liebessprache des anderen bewusst in den Alltag einzubauen.
Und wie kann ich fehlende Verbundenheit ansprechen, ohne dass sich mein:e Partner:in angegriffen fühlt?
Eine Garantie gibt es dafür leider nicht. Selbst ein liebevolles Gespräch kann bei manchen Menschen Ängste oder Unsicherheiten auslösen. Dennoch hilft es, bei den eigenen Beobachtungen und Gefühlen zu bleiben, statt Vorwürfe zu machen.
Hast du ein Beispiel parat?
Das könnte so klingen: «Ich habe bemerkt, dass wir in letzter Zeit weniger Zeit für uns haben. Ich vermisse dich und fühle mich gerade weniger verbunden. Ich würde mich freuen, wenn wir wieder bewusst Zeit miteinander verbringen könnten. Wie geht es dir damit?» So bleibt das Gespräch eine Einladung zur Verbindung und wird nicht als Angriff erlebt.
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