Gerade Frauen verkneifen sich oft ihre Wut. wenn mal wieder jemand auf ihren Gefühlen rumtrampelt. Dabei heißt wütend werden auch: Grenzen setzen. Höchste Zeit also die Frage zu stellen: Wie wird man denn «richtig» wütend?
Und dann ist es wieder so weit: Statt einfach ordentlich wütend zu werden, breche ich in Tränen aus. Dabei gibt es gute Gründe, meine Enttäuschung deutlich auf den Tisch zu bringen: Die gestiegenen Lebensmittelpreise zeigen sich mal wieder auf meinem Kontostand und ich merke, dass mein Freund seinen Beitrag für die Essenskosten auf unserem Konto immer noch nicht erhöht hat, obwohl er es tausendmal versprochen hat. Das ist so ungerecht! Ich trage seit Monaten den größeren Teil an unseren Lebenshaltungskosten, obwohl ich wegen der Kinder Teilzeit arbeite und weniger verdiene als er!
Doch mal wieder geige ich ihm nicht meine Meinung, sondern zeige Verständnis und bemitleide ihn sogar noch um die viele Arbeit, wegen der er das Überweisen vergessen hat. Bis meine unterdrückte Wut sich als Traurigkeit die Bahn bricht. Automatisch fangen die Tränen an zu laufen. Diffuses Gefühlsmischmasch und jede Menge Schluchzer, statt klar zu sagen, was mich verletzt hat: Das ist mal wieder typisch.
Die gemeinsame Wurzel von Wut und Traurigkeit
Wieso fällt es mir so schwer, einfach mal Wut rauszulassen? Das frage ich die Psychologin Franca Cerutti («Psychologie to go»), die mir erklärt, dass Wut und Traurigkeit eine gemeinsame Wurzel haben: die Frustration darüber, dass Bedürfnisse nicht erfüllt oder torpediert werden und Grenzen verletzt worden sind. Welche Emotion sich dann durchsetzt, habe damit zu tun, was wir in der Kindheit erlernt haben: Wurden wir vielleicht für wütendes Verhalten geschimpft, aber bei Tränen in den Arm genommen? «Man kann es auch als eine Art Überkompensation verstehen: Wenn Wut als kraftvolles, kämpferisches Gefühl in der Lerngeschichte stark tabuisiert wurde, kann stattdessen ein passiver, resignativer Zustand an die Stelle treten, nämlich Traurigkeit», erklärt die Psychologin.
Wut wird bei Männern gesellschaftlich akzeptiert, bei Frauen ist sie negativ besetzt
Mit diesem erlernten Verhalten aus der Kindheit stehe ich nicht allein da: Vielen Frauen geht es so, wie ich herausfinde. Wir alle kennen Sprüche wie «die Klügere gibt nach». Harmoniebedürfnis sei aber keine Charaktereigenschaft, sondern anerzogen, erklärt mir Autorin und Mediatorin Annette Oschmann («Mädchen stärken»). So sieht es auch Franca Cerutti: «Wut wird bei Männern gesellschaftlich akzeptiert, bei Frauen ist sie negativ besetzt. «Eine Frau wird schnell als Zicke tituliert, während es bei Männern gemeinhin als okay gilt, auch mal ein «Machtwort» zu sprechen.
Der Dampf muss ab und zu raus
Frauen sind für das Wohlgefühl verantwortlich, sagen uns tradierte Rollenbilder. Wir alle kennen das Ideal der sanftmütigen Prinzessin aus dem Märchen. Eine Forschungsgruppe der Universität Yale in den USA hat in einer Studie herausgefunden, dass wütenden Frauen in der Regel Ablehnung entgegengebracht wird, im Gegensatz zu Männern.
Ähnlich wie beim Nudelkochen muss der Dampf ab und zu rausgelassen werden
Also lieber nett nicken und bloß nicht die Harmonie ruinieren: Eine bewährte Strategie von vielen Frauen. Aber kein Gefühl kann man ewig in sich hineinfressen. Ähnlich wie beim Nudelkochen muss der Dampf ab und zu rausgelassen werden: Hebe ich den Deckel nicht regelmäßig an, kocht alles irgendwann über. So ist es bei mir: Ich explodiere ohne Vorwarnung aus nichtigen Gründen und muss mir dann anhören: «Dass du immer gleich so ausflippst».
Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: eine häufige Reaktion, weiß auch Franca Cerutti. Andere reagieren passiv-aggressiv. «Alles gut, alles gut», diese Versicherung mit dem Unterton, dass eben nichts gut ist, kenne ich auch – ausschließlich von Frauen. «Ein erlernter Weg, mit der Wut umzugehen», so die Psychologin. Sie rät dazu, Wut zuzulassen: «Alles, was man wegdrückt, bleibt.» Daraus können nicht zuletzt auch Depressionen oder psychosomatische Beschwerden entstehen. Akzeptiert man eine Emotion und lässt sie zu, werde sie geringer.

© Nathalie Klüver
Wut und die eigenen Bedürfnisse
Geringer werden hört sich verlockend an, aber das Zulassen ist die Herausforderung. Dabei hat Wut ihre Berechtigung: Sie hilft, sich zu verteidigen, abzugrenzen, für sich und seine Bedürfnisse zu kämpfen. «Wütend zu werden, heißt auch immer, eine Grenze zu ziehen», so Annette Oschmann. Denn, wer wütend ist, achtet auf die eigenen Bedürfnisse. «Den Schwung der Wut sollte man nutzen, um für sich einzustehen», sagt Franca Cerutti. Wütend sein bedeute auch, wehrhaft zu sein. Wut ist schließlich wichtig für jede gesellschaftliche Umwälzung: Wo wären wir heute in Sachen Frauenbewegung oder Menschenrechte, wenn es keine Wut gäbe? Auch Demonstrationen, z.B. gegen die AfD sind ein Beispiel dafür, was Wut bewirken kann: ein Zeichen zu setzen, für die Demokratie einzustehen.
Unseren Töchtern sollten wir Mütter zeigen, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss
Das sehe ich ein und nehme mir vor, meiner sechsjährigen Tochter beizubringen, wie man Wut zulässt. Wer Kinder hat, weiß, was für eine Herausforderung es ist, ihren Frust auszuhalten. Was kann ich noch tun? Grundsätzlich sollte man seinen Kindern immer zeigen, dass auch Gefühle mit schlechtem Image wie Wut oder auch Neid in Ordnung sind und zum Leben dazugehören, rät Annette Oschmann. Außerdem: ein Vorbild sein. «Wenn Kinder sehen, dass wir Grenzen ziehen, dann lernen sie es auch.» Je früher, umso besser, das leuchtet ein. Ist der Zug irgendwann abgefahren? Nein, beruhigt mich Annette Oschmann. Auch pubertierenden Mädchen sollten wir Mütter zeigen, wie man zu sich steht, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Gerade in der Pubertät sei es wichtig, seine eigenen Grenzen zu vertreten.
Es kommt nicht auf die Lautstärke an
Konflikte auszuhalten ist jedoch anstrengend und unbequem. Ich verkneife mir die Wut oft, um mein Gegenüber nicht zu verärgern. Lohnt sich nicht, deshalb die Stimmung zu verderben, beschwichtige ich mich dann. «Kurzfristig kann das von Vorteil sein, aber man muss auch immer hinterfragen, was sich mittelfristig oder langfristig ändern könnte», erklärt mir Franca Cerutti. Zudem könne man Wut einen «sozial angemessenen Ausdruck» verleihen, fügt sie hinzu. Also nicht unbedingt zum Rumpelstilzchen mutieren und zu einem Rundumschlag ausholen, sondern erstmal tief durchatmen. Es komme dabei auch nicht auf die Lautstärke an, manchmal reiche es auch, einfach zu sagen: «Ich bin verärgert» und dann ruhig den Standpunkt darzulegen.
Anfangs fühlt es sich an, wie durch einen Feuerring zu springen
Wer regelmäßig seine Grenzen aufzeigt, bei dem staut sich auch gar nicht erst so viel an, dass es zur Explosion kommt. Es fühle sich am Anfang an, wie durch einen Feuerring zu springen, gesteht Annette Oschmann ein: «Aber wenn man es einmal gemacht und das Nicht-Gefallen riskiert hat, wird es mit jedem Mal einfacher werden.»
Also besser eindeutig reagieren als passiv-aggressiv vor sich hin zu wurschteln, wird mir klar. Auch mein Freund sagte nach meinem Weinanfall neulich zu mir: «Sei doch einfach mal richtig wütend, statt irgendwelche versteckten Botschaften an mich zu senden.» Sehe ich ein und beschließe: Verdammt, ja, darauf kann er sich das nächste Mal gefasst machen!
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