Während Corona wurde Franzi, 20, magersüchtig – wie so viele während der Pandemie. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen.
«Ich erinnere mich noch, wie ich 2022 im Italien-Urlaub am Buffet bei jedem Essen ausrechnete, wie vieleKalorien ich mir erlauben darf: Ist die Pasta okay? Oder lieber doch nur Salat? Es gibt ein Bild von mir im Bikini aus dieser Zeit. Heute finde ich, dass ich schlank darauf aussehe, aber damals fühlte ich mich viel zu dick. 16 war ich damals und hatte schon einige Monate hinter mir, in denen ich immer weniger aß.
«Ich war nie zufrieden mit mir»
Morgens versteckte ich mein Müsli in einer blickdichten Schale, damit meine Mutter nicht sah, dass ich kaum Haferflocken genommen und die Milch durch Wasser ersetzt hatte. Abends log ich, dass ich bei Freundinnen gegessen hatte, und ging mit leerem Bauch ins Bett. Warum? Durch die Pandemie hatte ich plötzlich viel Zeit und stürzte mich voll ins Lernen. Gute Noten gaben mir Bestätigung und ein Gefühl von Kontrolle in dieser Phase, als wir nichts unter Kontrolle hatten. Das Essen ging damit Hand in Hand – noch etwas, das ich kontrollieren konnte, wo ich sehr diszipliniert war.
Ich war nie zufrieden mit mir. Bei einer 2 rannte ich aufs Klo und heulte heimlich. Wenn ein Löffel Öl zu viel am Essen war, stritt ich mit meinen Eltern. Wenn ich für die Schule lernte, konnte ich nicht so viel ans Essen denken, also lernte ich noch mehr. Gespräche mit meiner Mutter blockte ich ab und ich war stolz, dass ich das Nicht-Essen so durchzog.
Irgendwann wurde mir schwindelig beim Aufstehen, beim Handball fehlte mir die Kraft, schnell zu laufen. Und ich konnte anderen nichts mehr geben, weil ich selbst nichts mehr gespürt habe. Als ich nur noch 45 Kilo wog bei 1 Meter 70, nahm mich mein Mathelehrer zur Seite und schickte mich zur Schulpsychologin. Die verwies mich weiter an eine Psychotherapeutin. Das war meine Rettung.
54 % mehr Essstörungen bei zwölf bis 17-jährigen Mädchen gibt es heute als vor zehn Jahren. Am häufigsten ist Magersucht.
Ein Jahr lang kämpfte ich mich mit ihr zusammen durch die Krankheit langsam wieder zurück zu mir selbst. Ich durfte keinen Sport treiben, lernte, wieder zu essen: streng nach Plan, abgezählte Löffel Haferflocken unter Tränen. Es war richtig schwer, aber ich habe mir mein normales Leben so sehr zurückgewünscht, dass ich mich da durchgebissen habe. Gemeinsam haben wir die Auslöser für die Anorexie gesucht. Die Krankheit ist ja ein Symptom für etwas, das tiefer liegt – in meinem Fall mein Perfektionismus und es allen recht machen zu wollen. Aber wenn man nur noch tut, was andere von einem erwarten, verliert man die Kontrolle über sein Leben. Leider sind das Charakterzüge, die man nicht so einfach los wird. Genauso wenig wie die Krankheit.
Ich denke immer noch viel an Essen. Feste Essenspläne geben mir Struktur und Sicherheit. Aber ich verbiete mir nichts mehr. Und ich esse jeden Tag ein Eis – das ist meine Me-Time und meine Art, der Krankheit die Zunge rauszustrecken.»
Braucht mein Kind Hilfe?
Essstoerungen.bioeg.de
Info-Portal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit zu Essstörungen, Diagnose und Behandlung sowie Hilfsangeboten. Es gibt auch eine telefonische Beratung für Betroffene und Angehörige.
Ich-bin-alles.de
Info-Portal für Eltern und Jugendliche zu Depressionen und psychischer Gesundheit mit u. a. Erklärvideos, Tipps für Betroffene und Familien sowie einer Übersicht von Hilfsangeboten.
Fuerstenberg-foundation.de
Mental Health Guide für Eltern mit u. a. Infos zu Warnsignalen psychischer Erkrankungen und Tipps, wie man Probleme anspricht. Kinder- und Jugendärzt*innen Erste Ansprechstation in Sachen psychische Gesundheit.
Quelle: KKH
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