Fast jede zweite Frau verliert ungewollt Urin. Möglichkeiten zur Behandlung gibt es viele. Welche ist die richtige?
Geburten, eine Senkung der Genitalorgane, bestimmte Krankheiten, Übergewicht oder altersbedingte Veränderungen: Die Gründe, warum die Blase schwächelt, sind vielfältig. Außerdem gibt es verschiedene Formen der Harn-Inkontinenz. Die Belastungs- oder Stressinkontinenz, bei der etwa beim Lachen, Hüpfen oder Heben unkontrolliert Urin abgeht, ist mit Abstand die häufigste. Um die 40 Prozent aller Frauen zwischen 40 und 59 Jahren sind davon betroffen.
Zwar leiden über zwei Drittel von ihnen unter dieser Situation, aber nur etwa die Hälfte traut sich, darüber zu reden. Jede zehnte Frau braucht sogar mehrere Jahre, bis sie mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt spricht. Zu schambehaftet ist das Thema immer noch.
Endlich etwas ändern
«Und genau das wollen wir ändern», sagt Dr. med. (Univ. Pécs) Zsofia Danckwardt, Leitende Oberärztin und Sektionsleiterin Urogynäkologie am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg. Sie rät Frauen, frühzeitig ärztliche Hilfe zu suchen, und zwar immer dann, «wenn sich die Patientinnen durch den Urinverlust in ihrem Alltag eingeschränkt fühlen».
Gerade jüngere Frauen, die beispielsweise vor Kurzem entbunden haben, werden dann manchmal mit «Das ist ganz normal» vertröstet. «Ist es aber nicht», entgegnet Zsofia Danckwardt. «Dieses Problem muss schon frühzeitig ernst genommen werden und der erste Schritt sollte ein physiotherapeutischesBeckenbodentraining sein, das von der Ärztin oder dem Arzt verschrieben wird. Die geschwächte Beckenbodenmuskulatur kann so nachhaltig auftrainiert und gekräftigt werden. Urinverluste können in einem frühen Stadium wieder komplett verschwinden.»
PaulineSchmoock, Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Beckenbodentherapie, beobachtet, dass viele Patientinnen bereits nach wenigen Terminen über eine verbesserte Wahrnehmung und Steuerung des Beckenbodens berichten: «Das hat auch damit zu tun, dass wir eingangs durch ein ausführliches Anamnesegespräch und eine Untersuchung des Beckenbodens, manchmal auch über die Vagina, die geschwächten Bereiche identifizieren und dann genau daran arbeiten können.» Nachweislich messbare Erfolge stellen sich nach etwa drei Monaten ein, wenn die Patientinnen an fünf Wochentagen etwa zehn bis 15 Minuten trainieren.
Beckebodenmuskulatur trainieren
Um diesen Effekt noch zu steigern, kann man Biofeedback-Geräte einsetzen, die in die Vagina eingeführt und über ein kleines Extra-Tool oder das Handy gesteuert werden. Über gezieltes An- und Entspannen wird die Beckenbodenmuskulatur damit zusätzlich trainiert.
Es gibt frei verkäufliche Geräte, die oft eher wie Sex-Toys aussehen. «Der Effekt der Biofeedbacktherapie kann durch eine kombinierte Elektrostimulation verstärkt werden. Dabei werden vaginal oder über Hautelektroden Stromimpulse appliziert, die die Beckenbodenmuskulatur stimulieren. Diese Geräte sind aber leider immer verschreibungspflichtig», erklärt die Gynäkologin.
Eine Operation ist dann sinnvoll, wenn der Leidensdruck zu groß wird. «Und dieser ist sehr individuell, denn jede Frau hat ihr eigenes Empfinden und dieses hängt nicht von einem bestimmten Grad der Inkontinenz ab», so die Ärztin. «Normalerweise empfehlen wir allen, erst einmal Beckenbodentraining auszuprobieren. Wenn das nicht funktioniert und die subjektive Belastung nach wie vor hoch ist, raten wir zur OP.»
Für diese stehen verschiedene Verfahren zur Auswahl. Als «Gold-Standard» gilt das Einsetzen eines TVT-Bandes (kurz für «Tension-free vaginal Tape») um die Harnröhre. «Man kann sich das so vorstellen, dass dort eine kleine Hängematte aus Kunststoff angebracht wird, die ungewollten Harnabgang auffängt», so die Expertin. «Das Band funktioniert allerdings nur gut, wenn keine Blasen- oder Gebärmuttersenkungen vorliegen. Im Zweifel muss man diese vorab operieren.»
Minimal-invasiv oder Antidepressivum
Alternativ bieten einige Kliniken die minimal-invasive Bulkamid-Methode an. Hier wird eine erbsengroße Menge eines Gels aus Wasser und Polyacrylamid in drei bis vier Zonen der Harnröhrenwand gespritzt, um diese aufzupolstern. Die Muskulatur wird so gestärkt. «Dieses Verfahren ist eine gute Option für junge Frauen mit bestehendem Kinderwunsch, für Patientinnen nach misslungenen Voroperationen oder Frauen mit hohem Narkose-Risiko», sagt Zsofia Danckwardt.
Auch die intravaginale Lasertherapie könne bei leichter Belastungsinkontinenz als therapeutische Möglichkeit angeboten werden, so die Medizinerin. Sie wird nicht in der Klinik, sondern in der Praxis durchgeführt und soll durch die Erhitzung von Kollagenfasern das Gewebe festigen: «Aktuell fehlt jedoch eine ausreichende Datenlage hinsichtlich der Effektivität, zudem handelt es sich nicht um eine Kassenleistung.»
Und Patientinnen, die nicht operiert werden können oder schon mehrere Eingriffe hinter sich haben? «Dieser kleinen Gruppe können wir zusätzlich zur Beckenbodenphysiotherapie Inkontinenzpessare oder das Antidepressivum Duloxetin anbieten. Der Wirkstoff stärkt den Harnröhrenschließmuskel und erhöht das Fassungsvermögen der Blase, kann aber Nebenwirkungen haben und ist deshalb nicht unsere erste Behandlungswahl», sagt die Ärztin und resümiert: «Wir haben viele unterschiedliche Möglichkeiten, eine Blasenschwäche zu bekämpfen. Keine Frau sollte sich damit abfinden. Und keine Frau sollte sich dafür schämen.»
Mehr Infos findet man bei der Deutschen Kontinenz Gesellschaft (kontinenz-gesellschaft.de) und der Gesellschaft für Beckenbodengesundheit (beckenboden-gesundheit. org), dazu gibt’s Adressen speziell geschulter Ärztinnen und Physiotherapeuten, von Beckenbodenzentren und Beratungsstellen.
Wie stark Betroffene eine schwache Blase belastet, ist sehr individuell. Denn jede Frau hat ihr eigenesEmpfinden.
Quelle: .



