Neue Liebe nach der Trennung: "Man muss den Kindern nicht von jedem Date erzählen"

Die Paar- und Sexualtherapeutin Nele Sehrt erklärt im BRIGITTE-Interview, wie Frauen nach einer langjährigen Beziehung wieder mit dem Dating starten können. Und welche Sorgen die meisten von ihnen teilen.

BRIGITTE: Frau Sehrt, kürzlich kündigte Angelina Jolie an, zehn Jahre nach der Trennung von Brad Pitt erstmals wieder zu daten – er lebt seit längerem wieder in einer Beziehung. In Filmen wird oft ein ähnliches Klischee reproduziert: Männer stolpern nach der Trennung in die nächste Bar, Frauen bleiben bei sich  oder den Kindern. Entspricht das der Realität?  

Nele Sehrt: Gesellschaftlich werden Mütter oft als etwas Heiliges betrachtet.  Dadurch haben Mütter aber auch mehr mit dem schlechten Gewissen zu kämpfen und mit dem Gefühl, sie seien gescheitert. Und auch mit der Sorge, eine Mutter mit Kindern möchte niemand mehr haben. Da prasselt ganz viel auf eine Frau ein.

Reagieren die meisten Frauen deshalb erstmal mit Rückzug?  

Nach einer Trennung wird häufig das gelebt, was man innerhalb der Beziehung vermisst hat. Wenn das Leichtigkeit gewesen ist oder sexueller Kontakt, möglicherweise beim Mann, dann wird das nach der Trennung vielleicht stärker gesucht. Bei Frauen mit hoher Care-Last  ist es oft Ruhe: Ich muss nicht die ganze Zeit diskutieren, ich kann meine Abläufe so machen, wie sie für mich gut passen. Das ist für viele Frauen ein Aufatmen, weil plötzlich nicht mehr gekämpft wird, weil man nicht mehr abhängig davon ist, dass jemand mitarbeitet. Das kann dazu führen, dass man erst mal nicht datet. Immer in Abhängigkeit, welche Bedürfnislöcher entstanden sind. 

Spielt es dabei auch eine Rolle, ob man sich getrennt hat oder verlassen wurde?  

Die Person, die sich trennt, hat oft mit Schuldgefühlen zu tun, fühlt sich aber meist insgesamt freier, weil ihr Trennungsprozess schon während der Beziehung angefangen hat. Wurde man gegen den Willen getrennt, ist da oft noch viel Sehnsucht, dass der Kopf immer wieder in die Vergangenheit möchte und sich ständig fragt: Warum ist das passiert?

Kann «Revenge Dating» da helfen, also Dating als Racheakt?  

Das führt meistens nur zu nichts. Denn das macht man ja, um bei der anderen Person Gefühle hervorzurufen. Und das ist dann ein Dating-Verhalten, das nicht aus mir selbst kommt, weil ich neugierig bin oder weil ich bereit für was Neues bin. Das neue Dating bezieht sich immer noch auf den alten Partner – was dadurch selten zu einer stabilen und erfüllten neuen Beziehung führt. Denn der Fokus liegt dann auf: Kriegt er was mit oder nicht? Könnte er auch an diesem Ort sein? Dann bin ich ja gar nicht wirklich offen und bereit, eine neue Person kennenzulernen.

Woher weiß man denn, ob die Lust auf ein neues Date aus einem selbst kommt?

Wenn man das aus einer Neugierde macht und nicht, weil man es muss, und wenn das Date nur gegen die Einsamkeit helfen soll. Sondern, wenn ich weiß: Es geht mir gut, so wie es ist, und mein Wohlbefinden ist von dem Date nicht abhängig. Das ist, glaube ich, ein ganz wesentlicher Part.  

Also sollte man schon geheilt sein, bevor man wieder datet – oder heilt einen das Dating?  

Ich glaube, es geht nicht darum, geheilt zu sein, sondern darum, dass Verletzungen ausreichend versorgt sind. Was beim Neustart ins Dating Sinn macht, ist, eine gute Balance zu haben. Wenn man also nicht mehr in der Klage gegen die gescheiterte Beziehung ist, sondern für sich selbst eine gewisse Stabilität erreicht hat. Dating kann grundsätzlich etwas Hilfreiches sein, weil ich merke: Ich bin doch liebenswert, ich bin doch interessant. Es kann sehr selbstwirksam und stärkend sein. Wenn ich dabei aber vergesse zu reflektieren, was mir in der vorigen Beziehung gefehlt hat, dann kann es sein, dass ich in ähnliche Muster und Strukturen reinrutsche und Fehler wiederhole. Es geht um Reflexion der alten Beziehungen, aber auch darum, sich Gutes zu tun.

Kann man da einen zeitlichen Rahmen abstecken?  

Der Organismus braucht je nach Verarbeitung oft mehrere Monate, um sich nachhaltig an eine neue Situation zu gewöhnen. Bei einer Ernährungsumstellung, zum Beispiel, werden oft drei Monate angegeben. Das heißt aber nicht, dass man nach 18 Jahren Beziehung pauschal nach drei Monaten wieder daten sollte. Es kommt auch immer darauf an, wie die Beziehung gelaufen ist. Das Elementare ist also nicht, wie viel Zeit verstrichen ist, sondern, wie man während der Zeit mit sich selbst umgeht.

Warum fühlen sich Frauen nach dem ersten Date nach einer Trennung oft schuldig?  

Wenn jemand Neues ins Leben tritt, ist das wie Brief und Siegel, dass es wirklich vorbei ist. Das hat eine ganz andere Intensität. Vor allem den Kindern gegenüber kommen dann Schuldgefühle hoch. Oder sich selbst gegenüber, weil man sich vorwirft, an einem klassischen Familienmodell gescheitert zu sein. Das sind internalisierte gesellschaftliche Normen, die Auswirkungen haben.  

Was würden Sie einer Klientin deshalb raten?  

Man muss den Kindern nicht von jedem Date erzählen. Man sollte sich vorher fragen, ob der neue Mensch im Leben wirklich emotional relevant ist. Bei uns ist die serielle Monogamie durchaus üblich. Aber die Beziehung sollte schon eine gewisse Stabilität haben, bevor Kindern ein neuer Partner vorgestellt wird. Idealerweise stellt man den neuen Partner nicht aus einem Gefühl der Sehnsucht nach einer stabilen Partnerschaft vor, sondern aus dem Gefühl der Gewissheit. Auch hier darf man sich also selbst fragen: Geht es mir wirklich gut damit?

Was ist die größte Unsicherheit bei Frauen, die aus einer langen Beziehung kommen?  

Man ist dann aus der Übung. Wie flirtet man nochmal? Wie komme ich jemandem näher? Der Körper hat sich möglicherweise verändert. Wie möchte ich Intimität leben? Wo finde ich überhaupt jemanden? Das ist ein bisschen, wie in der Pubertät: Man ist wieder neu auf dem Markt und muss sich erst mal orientieren. Das schafft häufig große Unsicherheiten. Und da gilt es, dass man mit der Unsicherheit datet und nicht von sich verlangt, wieder genauso kompetent zu sein, wie man es früher mal war.  

Also Schocktherapie?  

Eher Ziele setzen, die erreichbar sind. Und, dass man es offen kommuniziert: Du, ich komme aus einer superlangen Beziehung, ich weiß gar nicht mehr, wie das hier geht. Und auch für sich zu überlegen, wie weit man eigentlich gehen möchte und wo die Grenzen sind. Ein Date darf gern unruhig machen, aber es sollte nicht überfordern. 

Was hilft vor dem ersten Date?

Radikale Akzeptanz der eigenen Unsicherheit. Danach aber auch nochmal zu prüfen: Hab ich mir als Datepartner jemanden ausgesucht, der dafür auch Verständnis haben könnte? Vor allem hilft es aber, sich zu erinnern, dass es unglaublich vielen Frauen so geht: Du bist damit nicht alleine. 

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