Zeit für sich, einfach mal hinter sich die Tür zumachen, Ruhe – schwierig, wenn man auf engstem Raum lebt. Diese drei Paare haben sich trotzdem dafür entschieden.
Im Urlaub ein paar Tage lang auf kleinem Raum zusammenleben – das klingt für viele reizvoll. Aber zehn Jahre lang? Imke Liebau und Tobias Hluchnik, beide 33, haben genau das gemacht. 2015 lernten sie sich in Australien als Backpacker kennen. Seitdem waren sie gemeinsam auf Reisen. Mit diversen selbst ausgebauten Campern haben sie fünf Kontinente besucht, waren in Asien, Mittelamerika, Australien, Kanada und vielen Ländern Europas unterwegs. Auf rund sechs Quadratmetern.
«Nicht finanziell reich, aber reich an Erlebnissen und Erfahrungen.»
«Vermutlich spielt eine entscheidende Rolle, dass wir wissen, wofür wir das machen», fasst Tobias zusammen. «Die Freiheit beim Reisen, die Begegnungen mit anderen Menschen und die Möglichkeit, Länder und Kulturen kennenzulernen, begeistern uns einfach. Dazu das selbstbestimmte Leben.» Imke ergänzt: «Wir sind nicht finanziell reich, aber reich an Erlebnissen und Erfahrungen.»

Schritt für Schritt haben sich Sascha Weisel, 56, und Iris Przybille, 40, an ihr Leben auf engstem Raum herangetastet. Seit mittlerweile zwei Jahren leben sie in einem 40 Quadratmeter großen Tiny House in der Nähe von Karlsruhe. «Vor zehn Jahren war das noch nicht absehbar», erinnert sich Sascha. «Wir hatten ein großes Haus, rund 220 Quadratmeter, und jede Menge Zeug. Wir arbeiteten den ganzen Tag lang, um das Ganze zu finanzieren. Eigentlich waren wir so richtig im Hamsterrad.»
2019 dann der harte Cut: Sascha und Iris verkauften das Haus, kündigten ihre Jobs und bereisten Europa. Rund vier Jahre lang waren sie wie Imke und Tobias in Camper und Wohnmobil unterwegs. Die Erkenntnis: «Eigentlich brauchen wir nicht viel, um wirklich glücklich zu sein.» Daraus entstand der Wunsch, dauerhaft auf kleinem Raum zu leben.
Auch Julia-Janine Bressem, 30, Social Media Managerin in Elternzeit, und ihr Mann Max, 31, leben mit ihren zwei Kindern seit sieben Jahren auf gerade mal 58 Quadratmetern in Braunschweig. Geplant war das zunächst nicht: Bis 2021 wohnten die beiden zu zweit in der Dreizimmerwohnung. Dann kamen ihr mittlerweile vierjähriger Sohn und vor rund einem Jahr noch ihr zweites Kind zur Welt. Die kleine Wohnung blieb, zunächst aus Kostengründen.

Wie lebt man auf kleinsten Raum?
Dreimal Leben auf engstem Raum. Was ist das Rezept, damit das funktioniert? «Das Leben anzunehmen, wie es kommt, und dabei weniger Wert auf materiellen Wohlstand zu legen als auf einen Schatz an Erfahrungen. Das verbindet uns», stellen Imke und Tobias fest. «Wir sind beide selbstständig, essen, schlafen und arbeiten während unserer Reisen im Van ganz normal wie andere Leute auch in ihrem Heim», erzählt Tobias. «Manchmal sitzen wir von morgens bis abends am Laptop. Dafür können wir den aber auch spontan zuklappen und an einem schönen Spot erst mal eine Runde schwimmen gehen.»
Auch Sascha und Iris schätzen ihre Freiheit: «Unser Tiny House ist energieautark, die laufenden Kosten sind gering», sagt Sascha. «Dadurch bleibt mehr Geld und Zeit für die Dinge, die uns wirklich glücklich machen.» Iris ergänzt: «Toll ist, dass das Leben im Tiny House viel mehr Nähe schafft zwischen uns. In unserem großen Haus haben wir uns manchmal den halben Tag nicht gesehen. Hier kommen wir automatisch immer wieder ins Gespräch.»
«Eigentlich brauchen wir nicht viel, um wirklich glücklich zu sein»
«Freunde, die uns besuchen, sind oft überrascht, wie großzügig das Ganze wirkt», betont Sascha. Es gibt drei Räume auf zwei Etagen: ein Schlafzimmer, ein Büro im ersten Stock, das sich mit einer Tür verschließen lässt, das Wohn-Esszimmer mit Küche im Erdgeschoss, dazu ein kleines Bad. Möbel bieten versteckten Stauraum oder lassen sich auf verschiedene Weise nutzen. «Wir sind schon sehr ordentlich», sagt Iris lachend. «Anders geht das auf so engem Raum auch gar nicht.» Das erfordert natürlich Kompromissbereitschaft.

Die brauchen auch Julia-Janine, Max und ihre zwei Kinder im Alltag. «Man rückt auch im übertragenen Sinn näher zusammen. Klar ist das manchmal herausfordernd, aber letztlich tut es uns als Paar gut. Außerdem gibt uns unsere Wohnung auch Freiräume, schlicht, weil wir durch sie weniger Dinge anschaffen und auch geringere Kosten haben. Unser Leben ist dadurch unbeschwerter.»
Jedes ihrer drei Zimmer hat mehrere Funktionen: Das Wohnzimmer ist auch Arbeitsbereich plus Kinderspielecke. Im Schlafzimmer schlafen alle zusammen, gleichzeitig dient es tagsüber als Rückzugsraum. Der kleine Balkon ist im Sommer eine Art viertes Zimmer.
Aber gibt’s bei so viel Nähe nicht auch Konfliktpunkte? «Wir verschaffen uns gegenseitig Auszeiten, indem jeder von uns mal allein zum Sport gehen oder etwas mit Freunden unternehmen kann», berichtet Julia-Janine. Max ergänzt: «So haben wir nicht das Gefühl, zu eng aufeinander zu leben.» Außerdem genießen beide ihren inzwischen recht minimalistischen Lebensstil. «Jedes Ding in unserer Wohnung hat seinen festen Platz, und was wir nicht regelmäßig brauchen, leihen wir uns, oder wir verleihen unsere Besitztümer an andere.»
«Im Bezug auf die Ordnung hatten wir am Anfang schon Reibungspunkte», gibt Sascha zu. «Aber mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Jeder hat seine Aufgaben und Bereiche.» Und wenn es doch mal knallt? «Ich gehe dann meist mit unserer Hündin Angel spazieren», erklärt Iris. «Sascha schaltet eher beim Fernsehen ab. Denn, klar, wenn man sich mal wirklich streitet, kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Zum Glück ist das bei uns nicht oft der Fall.»
Nicht für alle geeignet

© Imke Liebau und Tobias Hluchnik
Das Camper-Paar Imke und Tobias ist sich einig, dass sein Leben nicht für alle taugt. «Aufgaben wie das Wasserauffüllen und Ablassen der Abwässer, die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz oder das Wäschewaschen füllen manchmal ganze Tage. Außerdem ist es nicht wirklich ein Vergnügen, unterwegs krank zu sein. Ehrlich gesagt, fehlt in solchen Momenten auch etwas die Sicherheit«, fasst Imke zusammen. «Und ist das Auto mal kaputt und muss zur Reparatur, verlierst du quasi dein Zuhause. Und du bist bei aller Unabhängigkeit natürlich auf die entsprechende Infrastruktur und die Hilfe anderer angewiesen.»
Iris und Sascha genießen es, mehr unter Menschen zu sein, seit sie im Tiny House leben. «Wir sind viel draußen, dadurch ergeben sich ganz natürlich Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen, auch mit den anderen Tiny-House-Besitzern, die dasselbe Gelände wie wir nutzen. Nicht zuletzt besuchen uns unsere Freunde jetzt häufiger als früher. Viele finden unsere Art des Lebens faszinierend. Selbst wagen sie den Schritt aber dann nicht. Vielleicht in der Rente – so äußern sich viele.»
«Ein Leben wie eures kann ich mir nicht leisten: Das hören wir oft», berichtet Sascha. «Aber so teuer ist das gar nicht. Natürlich hat unser Haus, wie es jetzt da steht, eine Stange Geld gekostet, insgesamt rund 250.000 Euro. Aber unsere Lebenshaltungskosten sind eben auch weitaus geringer. So, wie wir heute leben, haben wir zwar weniger Platz, aber viel mehr Freiräume – und damit auch viel mehrLebensqualität. Das hätten wir nicht herausgefunden, wenn wir es nicht einfach ausprobiert hätten.»
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