Moderatorin und Finanzbuch-Autorin Janin Ullmann war schon als Kind klar, dass sie später keine Geldsorgen mehr haben will. Ein Gespräch über Sparpläne und Grundsätze.
BRIGITTE: Sie sprechen seit Jahren in eigenen Podcasts wie «Female Finance» oder «Investiert!» mit Expertinnen und Prominenten über Themen von Altersvorsorge bis Schulden. Warum müssen wir mehr über Geld reden?
Janin Ullmann: Für uns Frauen ist es existenziell wichtig, dass wir uns mit unseren Finanzen auskennen, das ist unser Sicherheitsnetz. Allerdings wissen wir oft nicht einmal, was die beste Freundin verdient oder unsere Partner. Wir werden dazu erzogen, bescheiden zu sein. Und nehmen schon in der Kindheit Glaubenssätze auf, die uns später im Weg stehen.
Über Geld spricht man nicht? Damit muss Schluss sein!
War das auch bei Ihnen so?
Wir haben zu Hause nie über Geld gesprochen. Vielleicht auch, weil nicht viel da war. Ich bin in Erfurt im Plattenbau aufgewachsen, mit meiner Schwester und unserer alleinerziehenden Mutter. Ich habe oft gehört: «Wir müssen jeden Groschen dreimal umdrehen.» Oder: «Über Geld spricht man nicht.» Das begleitet mich bis heute.
Inwiefern?
Ich bin ein Sicherheitsfreak. Ich schlafe besser, wenn ich weiß, dass ich meine Finanzen im Griff habe.
Ist das denn schlimm?
Keineswegs, aber aus Mangel ist Kompensation geworden. Und später Motivation. Ich wusste schon als Kind, dass ich irgendwann nicht mehr jeden Groschen umdrehen will. Mit 14 habe ich angefangen, kleinere Jobs zu machen. Ich bin etwa als Villeroy-&-Boch-Tasse verkleidet durch die Fußgängerzone gelaufen und habe Flyer verteilt. Von da an bin ich jahrelang durch mein Leben gesprintet. Fast schon exzessiv. Es ist mir lange schwergefallen, Nein zu sagen, und ich wollte alle Chancen mitnehmen, auch wenn andere das nicht nachvollziehen konnten.
Nennen Sie uns bitte ein Beispiel.
Viele aus meinem Umfeld haben mich gefragt, warum ich zusätzlich zu meinem Job als Moderatorin auch noch eine journalistische Ausbildung mache. Dass ich damit doch fünf Schritte zurückgehe. Für mich war es die smarteste Investition in mich selbst.
Wir erklären Sie sich diesen Antrieb? Dieses Exzessive?
Ich glaube, es ist Existenzangst. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenig zu haben. Ich konnte früher beim Einkaufen nicht die Schokolade in den Einkaufswagen werfen, die ich lecker fand. Oder einfach mal zur Tüte «Nimm 2» greifen. Das hat mich geprägt. Ein ehemaliger Partner hat mich oft gefragt: «Warum stresst du dich immer so?» Er konnte das nicht nachvollziehen, er ist mit wohlhabenden Eltern aufgewachsen und hatte dadurch dieses Urvertrauen, das mir fehlte.
Wann ist Ihnen das erste Mal bewusst geworden, wie unterschiedlich Startvoraussetzungen sein können?
Das war mit 14. Ich kam auf eine neue Schule und habe dort ein Mädchen in meiner Klasse kennengelernt, die mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Leni. Ich stand zum ersten Mal in meinem Leben in einem Einfamilienhaus. Da gab es so viel Platz, dass ich es nicht glauben konnte.
Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Der Besuch hat mir eine neue Welt eröffnet, zum ersten Mal habe ich gedacht: Was könnte für mich alles drin sein?
Haben Sie sich im Vergleich mit Ihrer Freundin arm gefühlt?
Nein. Die Platte war mein Leben. Das mochte ich dort unheimlich gern! Und ich habe immer noch viel Platte in mir, worauf ich stolz bin. Außerdem entsteht aus Mangel oft viel Positives.
Zum Beispiel?
Ich war viel auf der Straße unterwegs und Teil einer Hip-Hop-Clique. Der Musiker Clueso hat mich damals mit reingeholt. Ich war 13, er 15. Er ist Familie für mich. Wir haben gebreakt, gerappt, gesprüht. Da war viel Freiheit. Ich bin ganz sicher, dass das nur entstehen konnte, weil wir alle nicht aus wohlhabenden Elternhäusern kamen. Mangel ist wie Langeweile.
Das müssen Sie erklären.
Beides lässt dich kreativ werden, nachdenken, handeln. Ich wusste, wenn ich etwas erreichen will, muss ich das selbst in die Hand nehmen.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Mit 16 war das ein Urlaub auf Gran Canaria. Dafür habe ich angefangen zu kellnern. Die Uniform musste ich mir selbst kaufen, und die Schichten waren teilweise elf Stunden lang. Aber jede einzelne hat sich gelohnt! Auch wenn das Hotel auf Gran Canaria nichts Besonderes war, ein Kasten, in dem abends Miss und Mister gekürt wurden – ich fand es großartig. Ich hatte mir meinen ersten eigenen Urlaub finanziert. Das hat mir einen Kick und Selbstvertrauen gegeben.
Gender Pay Gap: Janin Ullmann über ihre Erfahrungen
Hat Ihnen dieses Selbstvertrauen auch geholfen, als Moderatorin beim Musiksender Viva zu landen?
Als ich den Aufruf bei Viva gesehen habe, dachte ich einfach: Das hört sich nach Spaß an. Das war kurz nach meinem Abitur. Also habe ich mich beworben – und wurde zum Casting eingeladen. Auf dem Weg dorthin habe ich mich dreimal übergeben, so aufgeregt war ich.
Geschafft haben Sie es trotzdem.
Was dann kam, war verrückt. Auf einmal habe ich Stars wie Beyoncé und Britney Spears interviewt. War eine von denen, deren Lifestyle ich früher bestaunt hatte. Ich fühlte mich reich. Zum ersten Mal.
Wie viel haben Sie verdient?
3.000 DM brutto. Das war für mich der Jackpot. Meinen ersten Lohnzettel hat mir gleich mein Kollege Oliver Pocher weggeschnappt. Nach einem Blick darauf meinte er nur: «Du verdienst ja fast so viel wie ich. Da muss ich wohl nachverhandeln.»
Hat Sie das geärgert?
Ich war erst irritiert. Dann hat es mir die Augen geöffnet: Ich wusste bis dahin nicht, dass man über Geld verhandeln kann. Am meisten ärgert mich im Nachhinein, dass ich mich nicht getraut habe, ihn nach seinem Gehalt zu fragen. Das habe ich Jahre später nachgeholt.
Jetzt sind wir neugierig.
Der Sender hat ihm 2.000 Mark mehr pro Monat gezahlt. Für den gleichen Job, bei gleicher Qualifikation. Das war mein persönlicher Gender Pay Gap. Ich hoffe, dass die EU-Entgelttransparenzrichtlinie es jetzt endlich schafft, unfaire Strukturen zu verändern. Sie verpflichtet Firmen, Gehälter offenzulegen.
Was haben Sie für sich daraus gezogen?
Dass ich mutig sein und für mich einstehen muss. Aber auch, dass es wichtig ist, den eigenen Wert und den Markt zu kennen. Wir Frauen müssen lernen, selbstbewusst zu verhandeln. Übrigens ganz egal, ob im Job oder in einer Partnerschaft. Auch Care-Arbeit ist Arbeit, die bezahlt werden muss. Eine Frau ohne Geld ist eine Frau ohne Macht.
«Sich mit Finanzen auszukennen, ist sexy»
Wann haben Sie beschlossen: Ich muss mich mehr um meine Finanzen kümmern?
Ein Wendepunkt war sicherlich meine Scheidung (Anm. d. Red.: 2018 von Schauspieler Kostja Ullmann). Ich wusste überhaupt nicht, wie sich das alles regeln lässt. Jeder, den ich gefragt habe, hat mir etwas anderes erzählt. Ich wollte unbedingt, dass wir beide gut aus der Sache rauskommen.

Hatten Sie einen Ehevertrag?
Nein, das fand ich zu unromantisch. Heute sehe ich das anders. Ich halte es für absolut notwendig, sich mit seinem Partner auch in finanzieller Hinsicht im Klaren zu sein. Zumal man so oder so einen Vertrag schließt, wenn man heiratet. Nur eben keinen personalisierten. Und das finde ich nicht klug.
Was war der zweite Wendepunkt?
Die Pandemie. Auf einmal brachen kurzzeitig alle Aufträge weg. Das hat mir deutlich gemacht, dass ich mich finanziell noch besser aufstellen muss. Deswegen habe ich nach einem Podcast gesucht, der mir Finanzen so erklärt, dass ich Lust habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Gefunden habe ich dann Krypto-Bros, die über Krypto-Bro-Sachen gesprochen haben. Deswegen habe ich meinen eigenen Finanz-Podcast gestartet.
Was haben Sie daraus gelernt, und was können Sie anderen Frauen mitgeben?
Einfach machen! Sich mit Finanzen auszukennen, ist sexy und macht sogar Spaß! Die Frage, die mir am meisten gestellt wird: Wann ist der perfekte Zeitpunkt anzufangen? Meine Antwort: heute! Am besten mit einem Kassensturz. Schau dir einfach mal deine letzten drei Monate an. Ich mach das einmal im Jahr. Ich gucke, wofür ich unnötig Geld ausgebe, kündige Abos oder vergleiche meinen Stromanbieter. Und dann siehst du, wie viel Geld im Monat übrig ist, um zu investieren. So macht man sich Schritt für Schritt ein großes Geschenk: finanzielle Freiheit.
Was bedeutet diese Freiheit für Sie?
Immer die Chance zu haben, Nein zu sagen – egal, ob zu einem Job oder zu einer Beziehung. Es bedeutet aber auch: Ja sagen zu können. Zu den guten Dingen. Gerade war ich mit einer Freundin in Portugal. Wir sind hingefahren, wohin wir wollten, haben gemacht, was wir wollten, gegessen, was wir wollten. Auch das ist finanzielle Freiheit.
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