Klug fürs Alter investieren: "Du kümmerst dich heute um dein zukünftiges Ich"

Rente? Irgendwann. ETFs? Klingt kompliziert. Altersvorsorge? Kommt später. Viele Frauen schieben das Thema Finanzen immer wieder auf – mit Folgen, die erst spät spürbar werden. Finanzexpertin Marzena Hofrichter von Franklin Templeton erklärt, wie der Einstieg mit ETFs gelingt – und warum jetzt der beste Zeitpunkt ist, sich auf das Altersvorsorgedepot vorzubereiten, die neue, ab 2027 staatlich geförderte Altersvorsorge.

BRIGITTE: Warum wird ETF-Wissen mit Blick auf das Altersvorsorgedepot wichtig?

Marzena Hofrichter: Weil das Altersvorsorgedepot (AV-Depot) die private Vorsorge näher an den Kapitalmarkt rückt. Wer über ein AV-Depot langfristig für das Alter spart, tut das über den Kapitalmarkt und das wiederum über das Vehikel ETF. Unsere Studie zeigt genau diese Wissenslücke: ETFs haben viele schon einmal gehört oder gelesen, aber sie werden nicht automatisch verstanden. Drei Viertel der Deutschen kennen ETFs, bewerten ihr Wissen darüber aber nur mit 4,5 auf einer Schulnotenskala von 1 bis 6. Für Frauen ist das besonders relevant, weil sie im Durchschnitt häufiger Erwerbsunterbrechungen, Teilzeitphasen und damit auch Rentenlücken haben. Finanzwissen sollte deshalb nicht als optional angesehen werden, sondern als ein Mittel zur Selbstbestimmung. Man muss keine Börsenexpertin werden. Aber man sollte die Grundregeln kennen, um nicht aus Unsicherheit gar nichts zu tun oder aus Überforderung unpassende Produkte zu wählen.

Warum einfach mal starten der erste Schritt ist

Die wenigsten Frauen würden sich gute ETF-Kenntnisse zuschreiben. Wie kann man starten?

Am besten nicht mit der Frage: «Welcher ETF ist der beste?». Vielmehr mit der Frage: «Wofür möchte ich investieren?» Für Anfängerinnen reicht zu Beginn ein sehr einfaches Grundgerüst. 

  1. Ein ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der oft einen Index abbildet, zum Beispiel einen globalen Aktienindex.
  2. Ein breit gestreuter ETF investiert nicht in eine einzelne Aktie, sondern in sehr viele Unternehmen und streut damit das Risiko, dass einer einzelnen Aktie beiwohnt, sehr breit. Mit anderen Worten, das Risiko wird reduziert.
  3. Die Kosten sind wichtig, weil sie langfristig die Rendite beeinflussen.
  4. Kursschwankungen gehören dazu.
  5. Je länger der Anlagehorizont, desto besser kann man solche Schwankungen in der Regel aussitzen. 

Ich würde Anfängerinnen raten, sich zunächst mit drei Begriffen vertraut zu machen: Streuung, Kosten und Anlagehorizont. Wer diese drei Dinge verstanden hat, ist schon viel weiter, als viele glauben. Danach kann man sich einen einfachen, breit gestreuten ETF aussuchen und prüfen, ob ein Sparplan zur eigenen finanziellen Situation passt.

Drei Viertel der ETF-Anleger:innen investieren über einen Sparplan: Ist das der einfachste Einstieg?

Ja, ein ETF-Sparplan ist für viele der einfachste Einstieg. Er nimmt die große Frage nach dem «richtigen Zeitpunkt» aus der Entscheidung heraus, weil regelmäßig investiert wird, zum Beispiel jeden Monat. Das passt gut zum Alltag: Man legt einmal den Betrag fest, richtet den Sparplan ein und lässt ihn laufen. 

Mit wie viel Geld im Monat kann man sinnvoll starten?

Wichtig: Starten kann frau bereits mit kleinen Beträgen. Viele Anbieter ermöglichen Sparpläne ab 25 Euro, teilweise sogar darunter. Entscheidend ist nicht, sofort viel zu investieren, sondern regelmäßig – und idealerweise sehr früh im Leben – damit zu beginnen. Wer 25, 50 oder 100 Euro monatlich investieren kann, baut eine Routine auf. Und genau diese Routine ist beim langfristigen Vermögensaufbau oft wichtiger als der Startbetrag.

Wichtig ist aber: Geld, das in den nächsten ein bis drei Jahren sicher gebraucht wird, gehört nicht in Aktien-ETFs. Ein ETF-Sparplan eignet sich vor allem für langfristige Ziele, etwa Altersvorsorge oder Vermögensaufbau über zehn Jahre und mehr.

Die meisten ETF-Anleger:innen investieren in passive ETFs. Wo liegt der größte Unterschied zu aktiven ETFs?

Der Unterschied liegt vor allem in der Anlagestrategie. Ein passiver ETF bildet in der Regel einen Index, zum Beispiel den deutschen Aktienindex DAX, ab. Ein Index wird nach fest definierten Regeln von Indexanbietern zusammengestellt und ist damit sehr transparent. Man kann auch genau sehen, welche Aktien mit welchem Gewicht im Index vertreten sind. Der passive ETF versucht nicht, besser zu sein als der Index, sondern möglichst nah zu bleiben. Das ist einfach, transparent und häufig sehr kostengünstig. 

Was sollten Anleger:innen beachten?

Ein aktiver ETF wird dagegen nach einer aktiven Strategie gesteuert. Das Fondsmanagement entscheidet also bewusst, welche Werte stärker oder schwächer gewichtet werden. Ziel kann sein, eine bessere Rendite zu erzielen, Risiken gezielter zu steuern oder bestimmte Anlagechancen zu nutzen. Wichtig ist: «ETF» bedeutet nicht automatisch «passiv». Der ETF ist zunächst ein Vehikel, also eine börsengehandelte Fondsstruktur. Darin kann eine passive oder aktive Strategie stecken. Unsere Studie zeigt, dass aktiv verwaltete ETFs noch deutlich weniger bekannt sind als klassische passive ETFs. Nur ein Teil der ETF-affinen Anlegerinnen und Anleger ist mit aktiv verwalteten ETFs vertraut.

Für Anlegerinnen heißt das: Passive ETFs können ein sehr guter Baustein für einen einfachen, breit gestreuten Einstieg sein. Aktive ETFs können interessant sein, wenn man gezielter investieren möchte. Dann sollte man aber besonders auf Strategie, Kosten, Risiken und die Rolle im Gesamtdepot achten.

So helfen dir ETFs für deinen Vermögensaufbau im Alter

Viele Frauen fühlen sich von der wachsenden ETF-Auswahl überfordert. Wie viele ETFs braucht es wirklich?

Viele Anlegerinnen brauchen deutlich weniger ETFs, als sie denken. Für einen langfristigen Einstieg kann schon ein einziger breit gestreuter globaler Aktien-ETF ein sinnvoller Kern sein. Wer etwas differenzierter vorgehen möchte, kann später weitere Bausteine ergänzen, zum Beispiel für Anleihen, Geldmarkt oder bestimmte Regionen. Aber gerade am Anfang ist Einfachheit von Vorteil. 

Welche Fehler lassen sich für eine langfristige Anlagestrategie vermeiden?

  • Ein häufiger Fehler ist, zu viele ähnliche ETFs zu kaufen. Dann wirkt das Depot breit gestreut, ist es aber oft gar nicht, weil viele ETFs dieselben großen Unternehmen enthalten.
  • Ein zweiter Fehler ist, Modethemen hinterherzulaufen: Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Gaming, erneuerbare Energien. Solche Themen können spannend sein, sollten aber nicht den Kern der Altersvorsorge bilden.
  • Ein dritter Fehler ist, bei fallenden Kursen panisch auszusteigen. Gerade bei langfristiger Vorsorge ist Durchhalten wichtig. Die beste Strategie ist oft unspektakulär: breit streuen, Kosten niedrig halten, regelmäßig investieren, lange dabeibleiben und nicht ständig umschichten.

Was würden Sie einer Frau sagen, die schon seit Jahren «irgendwann mal» mit dem Investieren in ETFs anfangen wollte und es immer wieder aufgeschoben hat? 

Ich würde sagen: Warten Sie nicht darauf, dass Sie sich irgendwann perfekt vorbereitet fühlen. Dieser Moment kommt oft nicht. Der Einstieg muss nicht groß, kompliziert oder perfekt sein. Ein guter erster Schritt kann sein, sich einen festen Termin zu setzen: eine Stunde, ein Ziel, ein Betrag. Zum Beispiel: „Ich informiere mich über einen breit gestreuten ETF und prüfe, ob ich 25 oder 50 Euro im Monat investieren kann.“ Mehr muss es am Anfang nicht sein.

Nächster Artikel: Altersvorsorgedepot Teil 1 – So sorgst du mit 50+ fürs Alter vor!

Wie kann der Einstieg in ETFs einfach gelingen? 

Viele Frauen unterschätzen, wie wertvoll der erste Schritt ist. Sobald der Sparplan eingerichtet ist, wird Investieren vom großen Projekt zur Gewohnheit. Und Wissen kann parallel wachsen. Man darf klein anfangen, Fragen stellen und später nachjustieren. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen. Mein Motto: Der beste Einstieg ist nicht der perfekte Einstieg – der beste Einstieg ist der, den man wirklich macht.

Viele schieben das Thema Altersvorsorge immer wieder auf. Was würden Sie einer Freundin raten, die das auch tut?

Ich kenne dieses Aufschieben sehr gut aus Gesprächen mit Frauen. Altersvorsorge ist für viele kein reines Rechenthema, sondern ein Gefühlsthema. Man denkt: Das ist kompliziert. Ich verdiene nicht genug. Ich müsste mich erst richtig auskennen. Oder: Ich mache das, wenn ich mehr Zeit habe. Nur kommt dieser perfekte Moment meistens nicht. Einer Freundin würde ich sagen: Du musst nicht dein ganzes Finanzleben an einem Wochenende sortieren. Fang kleiner an. Schau dir an, was monatlich reinkommt, was rausgeht und welcher Betrag wirklich übrig bleibt. Dann legst du einen Notgroschen zur Seite und startest mit einem Betrag, der sich nicht nach Verzicht anfühlt. Ich würde ihr auch den Druck nehmen. Niemand muss zur Börsenexpertin werden, um Altersvorsorge anzugehen. Aber jede Frau sollte so viel verstehen, dass sie gute Fragen stellen und selbst entscheiden kann. Für mich ist finanzielle Vorsorge Selbstfürsorge. Du kümmerst dich heute um dein zukünftiges Ich.

Hilft das Altersvorsorgedepot gegen Altersarmut?

Wie viel kann das AV-Depot gegen Altersarmut bei Frauen bewirken?

Das Altersvorsorgedepot kann ein wichtiger Schritt sein, weil es langfristiges Investieren mit attraktiver staatlicher Förderung verbindet. Gerade für Frauen ist das relevant: Viele arbeiten zeitweise in Teilzeit, unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit für Kinder oder Pflege und bauen dadurch geringere Rentenansprüche auf. Die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern lag laut Statistischem Bundesamt 2023 bei rund 27 Prozent. Frauen ab 65 waren zudem häufiger armutsgefährdet als Männer, nämlich etwa 21 Prozent gegenüber rund 16 Prozent. Das AV-Depot kann helfen, weil es einen niedrigschwelligen Zugang zu kapitalmarktorientierter Vorsorge schafft. Es ist also eine Möglichkeit, langfristig stärker an den Renditechancen der Kapitalmärkte teilzuhaben. Und die Beiträge werden staatlich gefördert. 

Wo liegen die Grenzen des Altersvorsorgedepots?

Es ist kein Allheilmittel. Das AV-Depot kann keine niedrigen Löhne, keine unfaire Verteilung von Care-Arbeit ausgleichen und keine lückenhafte Erwerbsbiografie vollständig reparieren. Wer sehr wenig verdient und kaum Geld zum Sparen übrig hat, braucht mehr als ein gutes Vorsorgeprodukt. Dann geht es auch um faire Bezahlung, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, Kinderbetreuung, Partnerschaftsmodelle und politische Rahmenbedingungen. Aber es kann eine Lücke kleiner machen. Wenn Frauen das Thema Finanzen dauerhaft nicht angehen, passiert zwar nicht sofort etwas Dramatisches. Aber genau das ist das Problem. Die Konsequenzen zeigen sich meist erst später. Dann fehlt Geld für Spielräume: für eine Wohnung, Gesundheit, Reisen, Hilfe im Alltag. Nichtstun ist bei Geld leider auch eine Entscheidung. Und je länger man wartet, desto mehr muss man später aufholen.

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