Die Kleinfamilie ist immer noch die gefragteste Lebensform, hat aber auch ihre Schattenseiten. Die Soziologin Andrea Newerla erklärt, wie alternative Lebensmodelle aussehen könnten.
BRIGITTE: «Wie Familie, nur besser» lautet der Titel Ihres letzten Buches. Wieso glauben Sie, dass wir andere Formen des Zusammenlebens brauchen?
Andrea Newerla: Wenn wir uns die Zahlen ansehen – zu Trennungsraten, häuslicher Gewalt und wie es vor allem Frauen und Kindern in diesen Konstellationen geht –, können wir uns schon mal fragen, warum wir an der Kleinfamilie so festhalten. Alternative Modelle erachte ich schon deswegen für besser, weil sie nicht den normativen Vorstellungen und Skripten folgen. Sie lassen viel mehr Spielräume zu, um das Zusammenleben zu gestalten.
An welche Formen des Zusammenlebens denken Sie da?
Wenn wir uns die Menschheitsgeschichte anschauen, sehen wir, dass wir meist in größeren Gruppen gelebt haben. Heute gibt es fast nur noch die Kleinfamilie, und ich glaube, es würde Menschen zufriedener machen, wieder in größeren Kontexten zu leben. Ich kann zum Beispiel ein Kind bekommen mit einer Person, mit der ich nicht verpartnert bin, aber die ich schon sehr lange kenne und von der ich weiß, dass wir gut als Team funktionieren. Wir wohnen nicht zusammen, sondern ich wohne mit anderen Personen, die zum Beispiel eine Tanten- oder Onkel-Funktion für das Kind übernehmen können. Es gibt viele Möglichkeiten, zu bekommen, wonach Menschen sich sehnen: Verbundenheit, Geborgenheit, Verbindlichkeit und Sicherheit. Die Frage ist nur, wie wir das erreichen können, jenseits der Normen, die uns vermitteln: Das gibt es nur in der Familie.
Es gibt viele Möglichkeiten, zu bekommen, wonach Menschen sich sehnen: Verbundenheit, Geborgenheit, Verbindlichkeit und Sicherheit.
Haben die klassische Paarbeziehung und die Kleinfamilie also ausgedient?
So weit würde ich nicht gehen. Aber ich frage mich schon, warum wir uns immer wieder neu auf die Suche nach einem Ersatzpartner oder einer Ersatzfamilie machen, wenn wir schon mehrmals gescheitert sind. Warum besinnen wir uns stattdessen nicht auf enge Freund:innen, die wir vielleicht schon 15, 20 Jahre an unserer Seite haben? Wieso gestalten wir unser Zusammenleben mit ihnen nicht verbindlicher, bewusster, aktiver? Das würde unsere Liebesbeziehungen auch weniger überfrachten. In Partnerschaften gibt es oft nur noch ein Wir, doch Menschen sehnen sich auch nach Raum für Selbstentfaltung.
Ich fand es selbst sehr schade, als meine WG sich aufgelöst hat, weil ab 30 alle angefangen haben, sich zu zweit zusammenzutun. Warum ist das Ideal der Paarbeziehung derart wirkmächtig?
Zum einen wird uns von klein auf vermittelt: Wenn du Glück hast, findest du diese eine richtige Person für dich. Das nenne ich das «Romantikdiktat«. Zum anderen ist es schwieriger, das Zusammenleben in anderen Kontexten zu organisieren, weil der Staat Ehe und Kleinfamilie immer noch durch Gesetze bevorzugt. Dabei sollten wir als Gesellschaft dringend über neue Formen der Vergemeinschaftung nachdenken.
Warum das?
Das Konstrukt der Kleinfamilie mit Mutter-Vater-Kind basiert nur auf zwei erwachsenen Menschen. Wenn die Beziehung in die Brüche geht – jede dritte Ehe wird geschieden –, stehen viele vor einem Scherbenhaufen. Deshalb halte ich es für sinnvoll, Verbindlichkeiten auf mehrere Menschen zu verteilen. Das muss natürlich übersichtlich bleiben, jede:r muss für sich selbst entscheiden: Wie viele enge Beziehungen kann ich pflegen?
Es geht also weniger ums Zusammenleben, als darum, in irgendeiner Form verlässlich füreinander da zu sein.
Auch mit Freund:innen, die nicht in meiner Nähe wohnen, kann ich eine Solidargemeinschaft organisieren. Eine meiner Workshop-Teilnehmenden hatte diese tolle Idee: Sie regte im Freundeskreis an, eine Testament-Party zu machen, bei der alle zusammenkommen und darüber reden, ob sie sich gegenseitig berücksichtigen wollen. Man kann auch gemeinsam überlegen, ob man sein Geld zusammenschmeißt oder einen Notfall-Fonds einrichtet, falls jemandem etwas zustößt. Oder man setzt eine gemeinsame Rentenversicherung auf. Beim Thema Finanzen denken wir immer nur an die Familie – selten an Freund:innen, die uns vielleicht schon lange begleiten.
Geld ist selbst in manchen Partnerschaften ein Tabu.
Das stimmt. Viele Menschen können sich eher vorstellen, ein gemeinsames Kind als ein gemeinsames Konto zu haben. Dabei können wir aus einem finanziellen Konstrukt jederzeit aussteigen, wenn wir das vorher besprechen oder vertraglich festhalten – beim Elternsein geht das nicht.
Wenn ich mir vorstelle, harte Verbindlichkeiten mit mehreren Menschen zu organisieren, habe ich sofort das Gefühl, nicht die Zeit dafür zu haben. Ist das auch ein Grund, warum wir uns eher auf eine einzige Person fokussieren?
Ich glaube, dass wir uns damit teilweise selbst betrügen. Wenn ich ein Kind mit einer einzigen Person erziehe, oder wenn ich alleinerziehend bin, weil die Beziehung gescheitert ist, habe ich noch viel weniger Zeit für mein Leben.

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Das Zusammenleben in Familie oder Partnerschaft fühlt sich dennoch am verbindlichsten an. Wie lässt sich das ändern?
Die Sorge, ich kann meine Freund:innen doch nicht fragen, eine verbindliche Beziehung einzugehen, bekomme ich oft in meinen Workshops und Beratungen mit. Aber wenn Menschen es einfach mal ausprobieren und sagen: ‚Ich würde mir wünschen, unsere freundschaftliche Beziehung ein bisschen verbindlicher zu gestalten, kannst du dir das auch vorstellen?‘, ist das ein guter Anfang.
Und das klappt?
Aus Erfahrung kann ich sagen: Diese Frage kann schöne Gespräche und eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Thema anstoßen. Und wenn jemand kein Interesse hat – einfach die nächste Person fragen und hoffen, dass sich etwas ergibt. Manchmal ergeben sich die schönsten Lösungen auch bei einem Spieleabend oder einem schönen Essen. Und nicht verzagen: Solche Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Alles muss sich entwickeln dürfen.
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