Je unbequemer die Zukunftsaussichten, desto kuscheliger kommt uns oft die Vergangenheit vor. Kuschelig – wie eine Diddl-Maus. Objekte der Kindheit und Jugend erleben gerade ein Comeback. Unsere Autorin fragt sich: Verklären wir da nicht etwas?
Den Alltag empfinde ich vor allem dann als furchtbar anstrengend, wenn er gefüllt ist mit Erwachsenen-Tätigkeiten: Belege für die Steuer zusammenkramen, Briefe öffnen, Vorsorge-Termine beim Arzt vereinbaren, Meal-preppen, Müll runterbringen und Müllbeutel nachlegen. Am Ende eines solchen Tages hilft nur eins: eine Reise in die Kindheit, als das alles noch die Sorgen der Großen waren.
Ich liege also auf dem Sofa, im Hintergrund dudelt eine Die-3-???-Geschichte (aus dem Kassettenrekorder, natürlich) oder eine Folge Heidi (die von 1974, natürlich) und ich scrolle durch Instagram – schließlich haben wir dann doch das Jahr 2026. Ich habe meinen Algorithmus bereits so gefüttert, dass ich mich von jetzt auf gleich in meine Kindheit zurückversetzt fühle: In den Videos werden Polly-Pockets gummiartige Kleidchen angezogen, von denen meine Nachbarin früher eine ganze Kiste hatte. Der Plastikgeruch steigt mir sofort wieder in die Nase. Mir werden Clips glitzernder Pokémonkarten reingespielt: Vulpix, Pumeluff, Mewtu. Und ich sehe Zusammenschnitte verschiedener Süßigkeiten, die es so heute nicht mehr gibt – wir Millennials (und sicher auch Ältere) aber scheinbar alle kollektiv vermissen, als würde ein Ed von Schleck wirklich irgendetwas besser machen.
Trotzdem höre ich mir noch mindestens eine Stunde weiteres Geschwafel darüber an, wie leicht früher alles war. Ein Gefühl überkommt mich, als wäre es immer Sommer gewesen. Und am Ende schlafe ich an solchen Abenden besonders selig ein.
Diddl als kollektive Nostalgie
Dass die Diddl-Maus nun tatsächlich zurück ist, zeugt davon, dass ich mit meiner Sehnsucht nicht allein bin. Seit dem 20. Juli sind die Produkte um die kleine Maus mit den großen Füßen wieder im Handel. Das Nostalgische trendet, rettet teilweise, vor allem, wenn die Zukunftsaussichten immer düsterer erscheinen. Auch Tamagotchis, Pokémon-Sammelkarten aus dem Kassenbereich, Y2K-Mode und Benjamin-Blümchen-Torten zum 40. Geburtstag begegnen mir überall im Internet. Die Konsumgüter stehen für viele für eine Zeit ohne Verantwortung, ohne Entscheidungsmöglichkeiten, ohne Überforderung, ohne Druck, ohne Nachrichten, ohne Sorgen. Ohne, ohne, ohne. Wir sehnen uns nach Einfachheit. Nach Tagen, in denen es nur darum ging, Spaß zu haben. Oder darum, das wertvollste Diddl-Blatt zu tauschen.
Süß fand ich die Diddl-Maus allerdings nie. Ehrlich gesagt, fand ich sie schon damals absolut grotesk. Und dennoch stapfte ich mit meinem auch ohne Diddl-Ordner schon viel zu schweren Ranzen jeden Tag in die Grundschule, um auf dem Pausenhof Blätter zu tauschen. Schließlich wollte ich dazugehören. Doch mein Taschengeld für die überteuerten Duftblöcke ausgeben? Da investierte ich lieber in eine süße Tüte «Einmal alles!» am Kiosk. Also fotokopierte ich die Diddl-Blätter meiner Freundinnen einfach zu Hause, sprühte etwas Parfüm meiner Mutter drauf – und schon bald hatte auch ich einen ansehnlichen Diddl-Ordner. Und gehörte dazu.
Kindheitserinnerung oder Kapitalismus?
Die Vertreiber von Diddl hätten meine Vorgehensweise sicher nicht so gut gefunden. Schließlich geht es bei alledem vor allem um eines: Konsum. Es gab Diddl-Tassen, -Bleistifte, -Federmäppchen, -Zeugnisordner, -Rucksäcke – alles, was man ohnehin brauchte, also warum nicht mit Diddl drauf? Und selbst denjenigen, die Diddl so hässlich fanden, wie ich, wurde geholfen: mit Diddls Freund Pimboli, einem kleinen Bären mit normalproportionierten Füßen.
Seit diesem Monat stehen ähnliche Produkte mit dem Werbespruch “Diddl is back” wieder in den Geschäften. Doch es sind die alten, originalen Diddl-Mäuse, die unter den Fans heißbegehrt sind. Manche von ihnen werden auf eBay für mehr als 1000 Euro verkauft. Wie rechtfertigt sich ein solcher Preis? Nur durch Nostalgie. Man kauft eigentlich eine Erinnerung, kein Plüschtier.
Nicht für jeden ist «früher» ein sicherer Ort
Doch wer sich mittendrin befindet, übersieht häufig, dass es nur eine Blase ist, ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft, die den Diddl-Hype feiert. Sowohl damals als auch heute. Denn nicht ansatzweise jedes Kind auf dem Pausenhof konnte sich Diddl-Blätter (oder einen Kopierer) leisten. Nicht ansatzweise jede Mutter konnte ihrem Kind das Stofftier ermöglichen. «Früher» pauschal als einen besseren Ort darzustellen, verklärt die Realität und ist schlicht falsch. Wer sich wirklich in die eigene Kindheit flüchten kann, ist privilegiert. In Deutschland ist jedes siebte Kind von Armut gefährdet. Und auch, wenn das Geld für einen Diddl-Block gereicht hat – vielleicht war das Tauschen der Blätter damals eine kleine Flucht aus dem Alltag zu Hause. Doch das ist heute kein Grund, sich gerne daran zurückzuerinnern.
Meinen Diddl-Ordner von damals besitze ich nicht mehr. Als ich 17 war und viel zu cool für so etwas, habe ich ihn an die zehnjährige Tochter eines Bekannten meiner Eltern verliehen. Und nie wieder gesehen. Manchmal frage ich mich, ob sie ihn noch hat. Oder, ob er bereits für mehrere tausend Euro versteigert wurde. Und irgendein wohlverdienender Millennial jetzt in meinen fotokopierten Diddl-Blättern schmökert.
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