Wegen ihrer Schwangerschaft verlor Schauspielerin Caro Cult eine TV-Rolle. Im Interview mit BRIGITTE spricht sie darüber, warum ihr Fall kein Einzelfall ist und weshalb viele Frauen noch immer Angst haben, dass ein Kind ihrer Karriere schadet – auch außerhalb der Schauspielbranche.
BRIGITTE: Sie haben Ihre Schwangerschaft Ihrer bevorstehenden Produktion mitgeteilt – und daraufhin die Rolle verloren. Was hat diese Erfahrung mit Ihnen gemacht?
Caro Cult: Sie hat mich extrem überrascht. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich mich für feministische Themen engagiere. Natürlich gibt es in der Filmbranche viele Missstände. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Schwangerschaft immer noch so ein großes Problem ist. Dass so etwas tatsächlich passiert, hat mich wahnsinnig enttäuscht und traurig gemacht.
Haben Sie vorher damit gerechnet, dass Ihre Schwangerschaft solche Konsequenzen haben könnte?
Ehrlich gesagt: nein. Ich dachte höchstens, dass man die Kostüme in ein oder zwei unterschiedlichen Größen bestellen muss. Ich wollte die Produktion nach den ersten Wochen informieren, damit sie Bescheid weiß – auch wegen des Caterings. Mehr war in meinem Kopf gar nicht.
Dass sich «Frau-sein» negativ auf den Job auswirkt, das kennen viele Frauen – auch außerhalb der Schauspielbranche.
Mir haben Frauen aus den unterschiedlichsten Berufen geschrieben: Immobilienmaklerinnen, Journalistinnen, ursprüngliche Führungspositionen aus der Wirtschaft, Kolleginnen hinter der Kamera. Alle haben von denselben Erfahrungen berichtet. Eine Immobilienmaklerin hat mir sogar erzählt, dass sie online einen männlichen Namen benutzt, weil sie dann ernster genommen wird. Das zeigt doch, wie tief diese Strukturen sitzen.
Trotz all dem schweigen viele, wenn es darum geht, Missstände aufzudecken. Warum?
Weil sie Angst haben. Angst, als kompliziert zu gelten und keine Jobs mehr zu bekommen.
Hatten Sie keine Angst?
Ich liebe meinen Beruf. Aber ich habe auch gedacht: Wenn das bedeutet, dass ich unter solchen Bedingungen nicht mehr arbeiten kann, dann ist das eben so. Wenn Menschen mich nicht mehr besetzen wollen, weil ich für etwas so Selbstverständliches wie eine Schwangerschaft oder faire Arbeitsbedingungen einstehe, dann möchte ich mit diesen Menschen ehrlich gesagt auch gar nicht zusammenarbeiten.
Ich weiß aber auch, dass viele Frauen diese Freiheit nicht haben. Für sie hängt die Existenz an ihrem Beruf. Deshalb schweigen viele – obwohl ihre Wünsche völlig normal sind. Zum Beispiel, das eigene Kind gelegentlich mit ans Set bringen zu können.
Unter dem Post der Spiegel-Recherche über Ihren Fall gab es Kommentare wie: «Für die Rolle war keine Schwangere vorgesehen, ist doch logisch, dass sie den Job dann verliert.»
Das erschreckt mich. Als würde eine Frau in dem Moment, in dem sie schwanger wird, plötzlich nur noch Mutter sein dürfen. Als hätte sie kein Recht mehr auf ihren Beruf oder auf ein Leben außerhalb ihrer Schwangerschaft.
Die Kommentare selbst habe ich gar nicht so intensiv gelesen. Viel wichtiger war für mich, dass ich innerhalb der Filmbranche unglaublich viel Zuspruch bekommen habe. Die lauteste Kritik kam eher von Männern, die mit der Branche gar nichts zu tun haben und der Meinung waren, Frauen hätten gar nicht das Recht, Ansprüche an ein Leben außerhalb ihrer Mutterschaft zu stellen.
Was müsste sich ändern, damit Schwangerschaft und Familie kein Karrierehindernis mehr sind?
Die Filmbranche ist leider keine familienfreundliche Branche. Dabei wären viele Lösungen gar nicht kompliziert. Ich wünsche mir Förderungen für Produktionen, die Mütter oder Schwangere beschäftigen. Oder Kinderbetreuung am Set. So viele Menschen dort haben Kinder – warum gibt es keine Set-Kita? Für andere Dinge wird unglaublich viel Geld ausgegeben. Deshalb verstehe ich nicht, warum so wenig Energie in Lösungen gesteckt wird, die Familien das Arbeiten erleichtern würden. Eigentlich wäre vieles machbar.
Was wünschen Sie sich – über die Filmbranche hinaus?
Ich habe schon das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Viele Männer denken heute deutlich gleichberechtigter als früher. Trotzdem wünsche ich mir, dass Männer noch mehr Verantwortung übernehmen – für ihre Familien, aber auch für gesellschaftliche Veränderungen. Außerdem wünsche ich mir einen anderen Diskurs. Wir sollten weniger urteilen und mehr miteinander sprechen. Niemand hinterfragt von heute auf morgen alles, was er sein Leben lang für normal gehalten hat. Genau deshalb brauchen wir Räume, in denen wir diese Gespräche führen können.
Und ich finde auch: Wer in der Öffentlichkeit steht, trägt Verantwortung. Ich höre oft den Satz: «Ich habe keinen Erziehungsauftrag.» Das sehe ich anders. Natürlich kann jeder machen, was er möchte. Aber wenn einem so viele Menschen zuhören, sollte man diesen Einfluss auch nutzen. Wenn wir alle ein Stück Verantwortung übernehmen, können wir gesellschaftlich unglaublich viel verändern.
Gibt es etwas, das Sie optimistisch stimmt?
Ja. Es gibt heute immer mehr Regisseurinnen, Produzentinnen und Frauen in Entscheidungspositionen. Das macht Hoffnung.
Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich auch mehr Männer öffentlich an dieser Debatte beteiligen – gerade diejenigen, die Verantwortung tragen. Da ist mir bislang eindeutig zu wenig gekommen.
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