Kaulitz-Brüder: Wie spreche ich problematisches Verhalten bei Menschen, die ich liebe, an?

In der neuen Staffel von «Kaulitz & Kaulitz» eskaliert ein Streit um Bills chaotisches Liebesleben. «Alle haben sich auf mich eingeschworen», klagt der Sänger und zeigt sich emotional aufgewühlt sowie stark angetrunken. Auch Bruder Tom und Freunde sorgen sich, weil Bill aus ihrer Sicht die falschen Männer datet und häufig exzessiv feiert. Doch wie spricht man problematisches Verhalten an, ohne zu verletzen? Wir haben die psychologische Psychotherapeutin Katharina Müller-Pohle gefragt.

BRIGITTE: Frau Müller-Pohle, wie kann man einen erwachsenen Menschen auf problematisches Verhalten ansprechen, ohne ihn sofort in eine Verteidigungshaltung zu bringen?

Katharina Müller-Pohle: Menschen mögen es allgemein nicht gerne, kritisiert oder auf Fehlverhalten hingewiesen zu werden, nehmen dann teilweise eine Abwehrhaltung ein. Das dient erstmal dem Selbstwertschutz. Die Art und Weise der Gesprächsführung kann einen Unterschied machen. Nehmen wir mal das Beispiel Alkohol: «Du trinkst zu viel» klingt ganz anders, als «Ich mache mir Sorgen um dich, mir ist aufgefallen, dass du seit einer Weile sehr viel feierst und konsumierst. Gibt es dafür einen Grund?». Das eigene Gefühl zu benennen und Veränderungen aufzuzeigen, funktioniert häufig besser. Sorge auszudrücken und einzelnes Verhalten zu benennen, statt die Person insgesamt zu kritisieren, ist ein Zeichen von Interesse und Wichtigkeit. So entsteht ein Gespräch auf Augenhöhe. 

Viele Betroffene reagieren mit Wut, Trotz oder dem Gefühl, kontrolliert zu werden. Wie sollte man darauf reagieren?

So eine Reaktion kann verschiedene Ursachen haben. Fehlende Einsicht, Selbstwertschutz, Verteidigung der eigenen Autonomie, Angst vor dem Eingeständnis. Verständnis zu zeigen kann ein Türöffner für ein Gespräch sein. Wenn es trotzdem zu solch einer Reaktion kommt, sollte man sich besser aus der Situation zurückziehen und der Person Raum geben. Vielleicht bietet sich zu einem anderen Zeitpunkt nochmal ein Gespräch an, wobei das Gegenüber offener reagiert.

Porträt von Psychotherapeutin Katharina Müller-Pohle
Katharina Müller-Pohle ist psychologische Psychotherapeutin (VT) und Psychologische Leitung auf den Stationen für Affektive Störungen und Abhängigkeitserkrankungen im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin.
© Helene Harms

Wenn Prominente gleichzeitig Spirituosen vermarkten, Cocktailbücher veröffentlichen oder einen Drink zum festen Bestandteil ihrer Shows machen – wo endet der Fun und wo beginnt eine problematische Verharmlosung von Alkohol? 

Das ist eine spannende Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt. Alkohol ist unsere gesellschaftlich akzeptierte Droge, wodurch sie verharmlost wird. Trägt jetzt die vermarktende oder bewerbende Person die Verantwortung? Oder unsere Gesellschaft, die Alkoholkonsum normalisiert bis feiert? Jedenfalls so lange, bis jemand ein Problem damit entwickelt. Die eigene Haltung zu Alkohol und die gesellschaftliche Anerkennung beeinflussen sich gegenseitig, daher ist Aufklärungsarbeit essenziell. Hier sehe ich auch die Politik in der Verantwortung.

Bill Kaulitz entscheidet sich bewusst dafür, sich in seiner Netflix-Dokuserie auch in verletzlichen, emotional aufgewühlten sowie stark alkoholisierten Momenten zu zeigen. Dafür lieben ihn seine Fans. Und viele fühlen mit ihm, wenn er sich etwa enttäuscht und verletzt zeigt, weil ihn sein «Plus Eins» für die Hochzeit seines Bandkollegen versetzt hat. Was sagt das über ihn aus? Zeigt er damit nicht sogar Stärke? 

Dass Bill Kaulitz sich so unzensiert zeigt, ist wahnsinnig mutig und ehrlich. Ich glaube, dass dadurch genau solche Debatten wie hier eröffnet werden können. Die kritische Auseinandersetzung mit Alkoholkonsum und die Frage, ab wann Konsum auch zum Problem werden kann, die wir uns vielleicht nicht stellen würden, wenn nur die glamourösen, exzessiven Partynächte gezeigt würden.

Tom und Bill Kaulitz mit Georg Listing mixen Drinks mit eigenem Tequila
Trinken als lustiger (Luxus-)Lifestyle? Tom und Bill Kaulitz mit Bandkollege Georg Listing im Juni beim Launch ihrer eigenen Tequila-Marke «Kaa Dos» in München. Zudem brachte Bill die Anti-Kater-Pille «Bill Pill» und das Cocktailbuch «Cheers Maus» auf den Markt.
© Gisela Schober

Viele Menschen trinken regelmäßig oder feiern exzessiv, ohne abhängig zu sein. Welche Veränderungen im Verhalten sind Warnsignale? 

Menschen haben sich schon immer berauscht und werden sich immer berauschen. Viele Personen können – auch mal exzessiv – feiern, ohne dabei gleich in ein problematisches Konsummuster zu rutschen. 

Aufmerksam sollte man jedoch werden, wenn das Suchtmittel eine Funktion einnimmt – zum Beispiel in einer schwierigen Lebensphase immer zu feiern oder zu konsumieren und keine anderen Strategien zu haben, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Viele Menschen beginnen, durch den Konsum andere Lebensbereiche zu vernachlässigen, Hobbys nicht mehr nachzugehen und mehr Gelegenheiten aufzusuchen, bei denen Konsum eine Rolle spielt. Wenn einem die Kontrolle über den Konsum entgleitet, man sich zum Beispiel fest vornimmt, nur ein Glas Alkohol zu trinken, dann aber nach mehreren Gläsern einfach nicht aufhören kann. Das kann natürlich mal vorkommen, wenn es aber regelmäßig passiert, sollte man hellhörig werden. Eine Suchterkrankung entwickelt sich schleichend und mehrere Kriterien müssen zusammenkommen. Diese Veränderungen fallen Angehörigen meist vor den Betroffenen selbst auf.

Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Sorge und dem Versuch, das Leben eines anderen kontrollieren zu wollen? Was können Geschwister, Partner oder Freunde überhaupt leisten – und wo müssen sie akzeptieren, dass sie einen Menschen nicht gegen seinen Willen verändern können?

Viele Angehörige sehen die Veränderungen und beginnen zuerst, die betroffene Person zu beschützen, ihr gut zuzureden, sich um sie zu kümmern. Ändert sich das Verhalten nicht, fangen Kontrollversuche an, die bei weiterhin fehlender Einsicht am Ende in Frustration und Resignation münden. Diese Abfolge lässt sich so oder so ähnlich fast immer erkennen. Das ist für die meisten Angehörigen die schwerste Einsicht. Man kann dabei unterstützen, dass Betroffene sich Hilfe suchen, wenn sie so weit sind. Ansonsten geht es darum, sich gut um sich selbst zu kümmern.

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