Newcomerin Greta: "Im Verborgenen war ich drei Jahre lang ein Pflegefall"

Sie war Anfang 20 und praktisch ein Pflegefall – im Verborgenen: Drei Jahre lang litt die junge Hamburger Sängerin Greta unter einem Bandscheibenvorfall, konnte kaum sitzen. Wie sie es trotzdem schaffte, parallel ihre Musikkarriere zu starten und mit Clueso und Cro zu touren, erzählt sie im BRIGITTE-Interview. 

BRIGITTE:Greta, ich erreiche dich in Dänemark, du warst gerade surfen. Wenn man deine Geschichte der letzten fünf Jahre kennt, grenzt das an ein Wunder. Wie fühlt es sich an, diesen ersten schmerzfreien Sommer seit einer Ewigkeit zu erleben?

Greta: Zum ersten Mal seit fünf Jahren bin ich wirklich positiv, dass die Heilung langfristig bleibt. Die letzten zwei Tage war ich surfen – das erste Mal nach der Operation vor fünf Monaten. Ich hatte keine Schmerzen, und das ganz ohne Medikamente. Für mich ist ein ganz normaler Tag heute ein richtig guter Tag. Ich habe eine völlig neue Dankbarkeit für Dinge, die für andere selbstverständlich sind.

Du warst 21, standest am Beginn deiner Karriere. Ein Alter, in dem man sich unbesiegbar fühlt. Was passierte in dem Moment, als dein Körper zum ersten Mal «Stopp» sagte?

Es war ein Morgen wie jeder andere. Ich wollte einfach aufstehen, mich über die Seite aus dem Bett rollen. Und es ging nicht. Ein stechender Schmerz schoss von meinem Rücken bis in den Fuß. Wenn der Nerv so massiv angegriffen wird, ist das nicht einfach nur ein Rückenschmerz. Es sind wahnsinnige Nervenschmerzen, die das ganze Bein beherrschen.

Und wie haben die Ärzte reagiert? Eine junge, sportliche Frau mit solchen Beschwerden – wurde das ernst genommen?

Überhaupt nicht. Mir wurde ständig gesagt: «Du bist zu jung für einen Bandscheibenvorfall. Mach mal ein bisschen ruhig, du bist nur überlastet.» Erst ein MRT brachte die Gewissheit. Aber selbst danach hieß es immer wieder: «Das wird von alleine weggehen, du bist doch jung.» Ich habe jede konservative Therapie gemacht, war in einer Reha mit Menschen, die dreimal so alt waren wie ich. Aber nichts half. Es war zermürbend. Dieser dauerhafte Schmerz schlägt irgendwann massiv auf die Psyche. Man zieht sich sozial komplett zurück, weil man nicht mehr sitzen kann. Ich lag in den letzten Jahren eigentlich fast nur noch, weil das die einzige halbwegs erträgliche Position war.

Ein Leben zwischen angehendem Popstar und, wie du sagst, «Pflegefall» – wie geht das überhaupt? 

Ich hatte diesen wahnsinnigen inneren Antrieb, ich wollte meinen Traum unbedingt leben. Die Musik hat mir das Dopamin gegeben, das ich brauchte, um den Schmerz zu ertragen. Mein Album heißt nicht ohne Grund «Sonne und Schmerz». Aber es hat mich auch zerrissen. Wenn du das Vertrauen in deinen eigenen Körper verlierst, ist das eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt.

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Nach fünf Jahren mit chronischen Schmerzen ist Gretas neue Single «Zen» ein musikalisches «Ja» zum Leben.
© @gretamusic

Gab es einen Moment, der für dich heute im Rückblick am beängstigendsten war?

Es gab diese Phase vor zwei Jahren, als ich anfing, live zu spielen. Ich habe ein Video auf TikTok gepostet, das viral ging. Man sieht mich quer auf der Rückbank eines Autos liegen, während meine Freunde vorne sitzen. Ich konnte die einstündige Fahrt zum Flughafen nach Spanien nicht anders aushalten. Ich stand sogar zwei Stunden lang hinten in der Flugzeugkabine, weil Sitzen unmöglich war. Einmal musste ich für einen Auftritt in Frankfurt auf extremen Schmerzmitteln – Tilidin, Pregabalin, das volle Programm – im Zug dorthin liegen. Ich habe diesen Gig gespielt, aber ich war gar nicht richtig bei mir. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass mein Leben so eingeschränkt ist.

Wer hat dich in dieser Phase vor deinem eigenen Ehrgeiz geschützt –  gesagt: «Greta, bis hierher und nicht weiter»?

Meine Mutter. Sie war eigentlich auf Weltreise, lebte in Thailand und Indien. Aber als es mir so schlecht ging, kam sie zurück. Sie hat mir die Entscheidung abgenommen, die ich selbst nie getroffen hätte. Sie sagte: «Du machst jetzt einen Cut. Du wirst jetzt gesund.» Ich wollte mir die Niederlage nicht eingestehen, aber der Körper lässt dir irgendwann keine Wahl mehr. Anfang dieses Jahres war ich an einem Punkt, an dem gar nichts mehr ging. Nach meiner ersten eigenen Tour im Dezember lag ich drei Wochen später im Bett und habe mein ganzes Leben hinterfragt.

Schließlich kam es doch zur Operation. Ein Eingriff, vor dem viele in deinem Alter zurückschrecken. 

Es war ein Notfall. Ich war bei der Vorbesprechung beim Chefarzt, bin auf Krücken dorthin gelaufen. Während ich vor ihm saß, bekam ich einen unkontrollierbaren Muskelkrampf im Rücken und lag fast auf dem Boden. Er sah mich an und sagte: «Okay, ich schaue, was ich in drei Tagen machen kann.» Er hat mich vorgezogen und operiert. Danach kam er zu mir und meinte: «Oh mein Gott, der Vorfall war viel größer, als wir im MRT sehen konnten.» In dem Moment war ich einfach nur unendlich glücklich, dass mich endlich jemand ernst genommen hat.

Du bist eine junge Frau in einem harten Business. Hat dich diese Erfahrung mit dem chronischen Schmerz resilienter gemacht für die Kämpfe, die man in der Musikbranche ohnehin ausfechten muss – Stichwort: Gender-Pay-Gap? 

Absolut. Ich lerne gerade, dass man in diesem Business extrem bei sich bleiben muss. Es treffen zwei Welten aufeinander: wirtschaftliches Interesse und Kreativität. Das schließt sich oft fast aus. Als junge Frau kriegst du sowieso ständig Gegenwind. Aber wenn du gelernt hast, mit einem Körper umzugehen, der dich im Stich lässt, dann erschüttern dich die konservativen Strukturen der Industrie nicht mehr so leicht. Ich habe heute klare Regeln, auch privat. Auf meinem Merch steht nicht umsonst: I don’t date rappers. Man muss auf sich aufpassen.

Was möchtest du anderen Menschen mitgeben, die vielleicht gerade an einem ähnlichen Punkt der Verzweiflung stehen wie du vor einem Jahr?

Es gibt in meinem neuen Song «Zen» eine Zeile: «Ich bin endlich happy und ich muss nicht mehr nur so tun.» Das ist es, was ich fühle. Schmerz ist ein Thema, in das man sich sehr einsam hineinfallen lassen kann. Man fühlt sich machtlos, wenn selbst Ärzte einem nicht helfen können. Aber es gibt einen Weg zurück. Heute weiß ich: Wenn es gesundheitlich nicht läuft, läuft es in keinem Bereich. Ich bin dankbar für diese neue Leichtigkeit und will jetzt einfach mehr Sonne zulassen als Schmerz.

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