Im Corona-Lockdown hatte unsere Kollegin Gelegenheit, mit der kürzlich verstorbenen Schriftstellerin zu sprechen. Meike Schnitzler bedauerte sehr, dass sie Monika Helfer nicht vor Ort in Österreich treffen konnte. Doch selten fand sie ein Skype-Interview so herzlich.
Der erste Skype-Anruf geht ins Leere. Am Handy geht Monika Helfer ran: «Ich dachte, wir sprechen am Dienstag?» Es ist Dienstag. Aber in Lockdown-Zeiten verschwimmen die Wochentage, besonders wenn man wie Monika Helfer zu Hause in der Dachstube eines Hauses im ländlichen Vorarlberg arbeitet.
Dabei wäre 2020 wohl eines der aufregendsten Jahre im Leben der österreichischen Schriftstellerin gewesen. Ihr Roman «Die Bagage», der im Februar kurz vor der ersten Corona-Welle erschien, war der Überraschungserfolg der deutschsprachigen Literatur. Über 150.000 verkaufte Exemplare, und das zu Zeiten, in denen gerade die besonderen und feinen Bücher, die Buchhändler:innen-Lieblinge, eher das Nachsehen hatten, weil der persönliche Kontakt, das Gespräch im Laden, wegfallen musste.
Um die 40 Lesungen hätte Monika Helfer mit ihrer 160 Seiten umfassenden Familiengeschichte absolvieren sollen – alle abgesagt. «Das hat mir schon sehr leidgetan», sagt Helfer mit ihrer angenehmen, leicht heiseren und warmen Stimme (mittlerweile hat sie den Rechner angeworfen, ihr Gesicht wird von der Lampe im Schreibzimmer sanft erleuchtet), «ich hatte Lust, etwas herumzureisen.»
Sie schreibt seit ihrer Jugend
Seit sie 14 Jahre alt ist, schreibt Monika Helfer, ihre erste Erzählung veröffentlichte sie mit Anfang 30, Ende der 70er-Jahre. Es folgten Romane, Kinderbücher, Theaterstücke. 2017 sogar eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis für «Schau mich an, wenn ich mit dir rede». Es gab auch zuvor bereits Preise, Stipendien, 2016 das österreichische Ehrenkreuz. Aber der ganz große Publikumserfolg, der kam nicht. Wurde aber auch nicht vermisst, Monika Helfer hatte genug zu tun mit vier Kindern, mit ihrem Haus, in dem sie Erinnerungsstücke wie Figürchen, Bilder, Gefäße, Pflanzen zu installationsartigen Kunstwerken arrangiert, ihrem Garten, ihrer konstanten Arbeit als Autorin und mit ihrem zweiten Mann, dem international erfolgreichen Schriftsteller Michael Köhlmeier («Das Mädchen mit dem Fingerhut»).
«Er ist ja auch ein toller Autor, mein Mann», sagt Helfer stolz. Hat sie angesichts des schreibenden Partners nicht doch manchmal den Gedanken, die Erfolgsverteilung sei ein wenig ungerecht? «Hat man», sagt Monika Helfer gelassen, «aber der Micha hat immer gesagt: ‚Schau, bei jedem Buch werden die Karten neu gemischt.‘ Und er hatte recht. Ich dachte, ich schreib halt so vor mich hin. Aber jetzt bin ich schon richtig übermütig geworden mit dem Erfolg von der ‚Bagage.»
Monika Helfer schreibt über ihre eigene Verwandtschaft, es ist ihre Bagage, eine bitterarme Familie in einem Dörfchen im Bregenzer Wald, die sie zum Leben erweckt hat. Ihre Großmutter Maria, eine schöne Frau, die im Dorf bei den Frauen Neid, bei den Männern Lust auslöst. Ihr Großvater, ein stolzer Einzelgänger, der seine Armut nicht als Demütigung empfindet, sondern sich und seine Familie wortkarg durchschlägt. Doch als der Erste Weltkrieg kommt, muss er ins Feld, seine Frau Maria bleibt zurück, und schon bald gibt es böses Blut, weil ein junger Deutscher auf dem Hof gesehen wurde.
«Bagage»: Liebe, Hass und Begehren
In einer schnörkellosen Prosa erzählt Helfer auf wenig Raum eine Geschichte von Liebe, Hass, Begehren und Unabhängigkeit. Wie erklärt sie sich den grandiosen Erfolg dieses Stoffes?
«Die Leute erzählen mir, wenn sie das Buch lesen, denken sie an ihre eigene Kindheit. Das kennen wir doch alle: Ein Nachmittag im Sommer, ein langer Tisch, alle Verwandten sind da, einer beginnt zu erzählen. Jemand sagt: Weißt du noch, wie das mit dem Onkel war … Und dann kommen diese ganzen Geschichten.»
Tatsächlich beginnt man beim Lesen von Helfers Texten bei sich selbst nachzuspüren, wie war das mit meinen Vorfahren – wie sehr haben sie mich geprägt? Auch wenn man mit einer mittellosen Familie aus den Bergen nichts gemein hat, treffen Helfers Schilderungen wie ein Pfeil ins eigene Erinnerungszentrum.
«Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste.» Das ist der Anfang von Helfers neuem Roman. «Vati» knüpft an die Geschichte ihrer Familie an. Diesmal geht es um die unmittelbare Verwandtschaft, den Vater, Josef, einen leidenschaftlichen Buchliebhaber, der – selbst durch ein amputiertes Bein eingeschränkt – ein Kriegsversehrtenerholungsheim auf der Tschengla, einem Hochplateau nahe Bludenz, leitet. Die Mutter, Grete, ein Kind von Maria aus der «Bagage» – an die deren Vater nie das Wort richtete, da er bis zu seinem frühen Tod glaubte, sie sei die Frucht einer Liaison seiner Frau während seiner Abwesenheit.
Helfer ist in diesem Roman selbst eine handelnde Person, sie schreibt aus ihrer kindlichen Erinnerung, von der überwältigenden Natur oben auf der Tschengla, von dem unersättlichen Bücherhunger des Vaters, der ihn an einem Punkt fast das Leben kostet. Und von dem frühen Tod ihrer Mutter, der die Familie auseinanderreißt, denn die vier Kinder werden auf verschiedene Verwandte verteilt; der Vater kann in seiner unermesslichen Trauer nicht mehr für die drei Töchter und den kleinen Sohn da sein.
So frei die Zeit in den Bergen anmutet, so hart liest sich das Leben der Kinder bei der Tante, wo die Schwestern in der Stube schlafen, die nie geheizt wird, und wo man nachts nicht mehr aufs Klo darf, weil der Onkel in der Küche sitzt und wütend wird, wenn sich dort ein Kind zur Toilette durchschleicht. Fühlte sich die Tochter nicht bitter alleingelassen vom Vater?
Monika Helfer sagt lapidar: «Er hat sich auch sonst nicht so sehr um uns gekümmert. Er hat uns Bücher gezeigt, das schon, aber gespielt – niemals. Ich glaube, wenn man ihn gefragt hätte, gibst du deine Bibliothek her oder deine Kinder, er hätte gesagt: ‚Die Kinder!'»Die große, unersättliche Liebe zu den Büchern hat der Vater seiner Tochter vererbt. Auch den unerfüllten Traum, später noch ein Studium nachzuholen. Dem Vater nahm der Zweite Weltkrieg die Bildungschancen, Monika Helfer begab sich nach der Schule mit 19 Jahren in eine frühe Ehe und Mutterschaft.
«Ich hatte immer wenig Zeit zum Schreiben, da gewöhnt man sich an die kurze Form»
Der Wunsch zu schreiben, blieb. «Der einzig gültige Beruf, weil ich sonst nichts kann, ist naheliegend gewesen», sagt Monika Helfer mit Selbstverständlichkeit. Dabei ist es durchaus ganz und gar ungewöhnlich, dass eine Mutter und Hausfrau, zeitweise alleinerziehend, in den 70er-Jahren ohne höhere Bildung eine Karriere als Autorin anstrebt.
Die mangelnde Zeit als Mutter von zwei Söhnen und zwei Töchtern (zwei der Kinder stammen aus der ersten, zwei aus der zweiten Ehe) ist unter anderem ein Grund, warum Monika Helfers Romane so knapp sind. «Ich hatte immer wenig Zeit zum Schreiben, da gewöhnt man sich an die kurze Form.» Auf Zetteln notierte sie sich tagsüber nebenher ihre Gedanken, um sie dann zweimal die Woche mit der Schreibmaschine und später im Computer festzuhalten. Manchmal mussten die Kinder auch zurückstecken, «dann hab ich gesagt, geht raus, lasst mich in Ruhe – ich konnte nicht anders.»
Überhaupt sei sie der Meinung, «dass es das Beste für Kinder ist, wenn man sie liebevoll verwahrlosen lässt.» Eltern, die ihren Kindern auf dem Spielplatz am liebsten einen Helm aufsetzen würden, verstehe sie nicht. Man kann seine Kinder nicht in Watte packen – auch wenn man das vielleicht ein Leben lang gern tun würde.
Was Verlust bedeutet, wissen Monika Helfer und Michael Köhlmeier genau. Ihre Tochter Paula, geboren 1982, starb 2003 bei einem Ausflug mit einer Freundin zu einer Burgruine in der Nähe ihres Elternhauses in Hohenems. «Die Freundin konnte klettern und hat Paula überredet, dort hochzuklettern. Sie ist ausgerutscht, und ein Stein ist ihr auf den Kopf gefallen. Und dann war sie tot.»

© Sebastian Gollnow
Die Schlichtheit von Helfers Worten unterstreicht die Unglaublichkeit, die Monstrosität dieses Unfalls. Die Tochter, selbst schriftstellerisch begabt und seit Kurzem Studentin auf der Filmhochschule, praktisch vor der Haustür bei einem Spaziergang aus dem Leben gerissen. Schreiben war für Monika Helfer danach einige Jahre nicht mehr möglich. «Das war so unnötig und unwirklich – ich dachte, wer liest das überhaupt?» Michael Köhlmeier arbeitete weiter: «Er musste die Familie ernähren und hat gearbeitet, aber es war unglaublich hart.» Der Tod der Tochter, er kommt auch in «Die Bagage» und «Vati» vor, es sind nur kurze, aber unfassbar eindringliche Passagen.
Sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart
Die Vergangenheit, die Helfer in ihren Romanen heraufbeschwört, hat immer auch etwas mit der Gegenwart zu tun. Ihre Romane als Memoirs zu betrachten, wäre allerdings falsch. Auch wenn sie in «Vati» in der ersten Person vorkommt. «Beim Schreiben geht’s dann mit mir durch», sagt Monika Helfer mit einem leisen Lachen. «Wenn Sie einer Freundin was erzählen, da dichten Sie doch auch mal was dazu, das ist doch normal.» Erinnerungen seien nie verlässlich, was aber gut fürs Schreiben sei.
Sie habe lange gewartet, bis sie ihre Familie in Romane gepackt hätte, «ich hatte schon immer Notizen gemacht, aber gedacht: Die werden sich aufregen! Und als sie gestorben waren, dachte ich: Ich mach’s!» Ihre zwei Schwestern hätten das Buch über den Vater noch nicht gelesen. «Wahrscheinlich werden sie sagen, da hast du wieder was erfunden oder weggelassen – aber das ist mir egal!»
Monika Helfers Gesicht leuchtet. So wie sie in ihrer Schreibstube sitzt, die Wand hinter ihr voller Bilder und Erinnerungsstücke, wirkt sie immer noch wie das junge, etwas ungestüme Mädchen, das in ihrem Roman vorkommt. Das Mädchen, das unter dem Pult in der Schule lieber las, das Regenwürmer in der Mitte durchschnitt, weil angeblich beide Teile weiterleben, und das mit der Lastenseilbahn über die Schlucht fuhr, zum Grausen der Schwester.
Auch für ihr nächstes Projekt wird sie bei der Familie bleiben. Ein Roman über den kleinen Bruder Richard, der sich mit 30 Jahren das Leben nahm. «Das ist ein verrückter Kerl», sagt sie, im Präsens, «wir haben uns immer gut verstanden.» So viel Tod, aber auch so viel Leben – wer Monika Helfers Bücher liest, begegnet dem Erdendasein in seiner ganzen Wucht, und doch steigt man aus ihren Romanen nie mit einem deprimierenden Gefühl aus. Genau wie man im Gespräch mit der Autorin immer ein warmes, aufgehobenes Gefühl bekommt, wenn sie an verschiedenen Stellen sagt: «Es ist alles gut.»
Nach dem Roman über Richard (Anm. d. Red.: «Löwenherz» erschien 2022) plant die Autorin noch, einen Band mit den besten ihrer rund 600 Erzählungen herauszugeben, «und dann kann ich sterben. Das wäre so mein Plan.»
Wenn man bedenkt, dass Helfers Tante um die hundert Jahre alt wurde, macht man sich Hoffnung, dass dieser Plan in seiner Knappheit nicht aufgeht.
Es kam anders: Am 2. August 2026 starb Monika Helfer nach einem tragischen Sturz. Zuvor veröffentlichte sie noch mehrere Romane und Erzählungen.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals in BRIGITTE 4/2021.
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