Sexismus im TV der 90er: "Wenn ich das sehe, bleiben mir die Chips im Hals stecken"

Im Unterhaltungsfernsehen der Neunziger hatten Frauen eine einzige Rolle: lächeln und sexy sein. Wenn Witze gemacht wurden, dann gerne auf ihre Kosten. Dass wir das heute doof finden, ist aber ein gutes Zeichen.

Wie viele meiner Altersgenossinnen saß ich samstagabends mit Chips und Familie vorm Fernseher, um die großen Fernseh-Shows zu gucken – «Am laufenden Band» mit Rudi Carell, «Einer wird gewinnen» mit Hans-Joachim Kulenkampff, «Wetten, dass …?» mit Thomas Gottschalk. Samstagabend war was ganz Besonderes.

Vielleicht habe ich sogar mitgelacht

Als ich mir jetzt die Doku «Was haben wir gelacht» der Regisseurinnen Eva Müller und Isabel Schneider angesehen habe, die mit weiblichem Blick auf das Unterhaltungsfernsehen der Neunziger schauen, blieben mir die Chips im Hals stecken. Einerseits. 

Andererseits war mir vollkommen vertraut, was ich da an Archivmaterial zu sehen bekam: Ältere Männer begaffen auf offener Bühne junge Frauen, mustern sie von oben bis unten, reduzieren sie süffisant auf ihre Körper, begrüßen Gästinnen mit den Worten: «Erstmal herzlichen Glückwunsch, Sie haben viel Glück gehabt! Wunderschöne Haare, schöne Zähne, Sie sehen toll aus …» (Rudi Carell). Thomas-übergriffig-Gottschalk legt seine Hand auf jedes Frauenknie in Reichweite und fragt Sarah Connor bedauernd, ob «Mutti» ihr geraten habe, «hochgeschlossen» in die Show zu kommen. All das habe ich damals nicht hinterfragt, vielleicht habe ich sogar mitgelacht. Es war eben ganz normal.

Frauen als Sexobjekt und hübsches Beiwerk

Was ich als Mädchen unkritisch konsumiert habe, finde ich im Rückblick nicht mehr zum Lachen, eher zum Heulen. Erst heute erkenne ich, dass Frauen zur Primetime, wenn ganz Deutschland vorm Fernseher saß, bloß Sexobjekte und hübsches Beiwerk waren. Selbst Giovanni di Lorenzo, heutiger Chefredakteur der «Zeit», ist in der «NDR Talk Show» zu sehen, wie er in einem Katalog blättert, in dem Esther Schweins modelt. Dabei hält er eine Lupe in der Hand – und fragt in die Runde, ob die wohl dafür da sei, um ihr besser in den Ausschnitt schauen zu können.

Was ich heute als ultimativ cringe erlebe, waren keine Ausreißer, es hatte System: «Es war nichts Besonderes. Es ging uns Frauen damals so», resümiert Esther Schweins im Film. Auch ich wurde als Zuschauerin durch diese «Showmaster», Moderatoren und Entertainer sozialisiert. Was dazu beigetragen hat, dass ich es vollkommen normal fand, sexuell belästigt oder bedrängt zu werden. Ich habe das nicht hinterfragt, es war Naturgesetz: Männer sind so! 

Doch der Sexismus im Unterhaltungsfernsehen hat nicht nur uns Frauen geschadet. Schweins sagt in der Doku zutreffend, dass er alle verletzt habe: 

Frauen und Mädchen lernten, dass ihr Wert an ihrem Körper hängt. Jungen und Männer, dass diese Bewertung in Ordnung ist. 

Mit zeitlicher Distanz auf die Dinge zu schauen, tut weh und macht wütend. Aber es bedeutet auch: Es hat sich was getan in den letzten Jahrzehnten. Zwar sind wir immer noch weit davon entfernt, in einer sexismusfreien Gesellschaft zu leben, aber Szenen wie die mit Giovanni di Lorenzo sind undenkbar geworden. Und das ist tröstlich, denn es erinnert mich daran: Wir sind als Gesellschaft lernfähig und machen Fortschritte. Das sehe ich nicht nur an meiner Reaktion auf «Was haben wir gelacht», ich sehe es auch an meinem Sohn. Er ist immer erstaunt, wenn er von sexistischen Übergriffen hört, und sagt dann Dinge wie: «Sowas machen nur alte Männer.» Und das lässt doch hoffen.

Tipp: Die Doku «Was haben wir gelacht» von Eva Müller und Isabel Schneider ist aktuell in Programmkinos zu sehen.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert