Ex-Rennradprofi Clara Koppenburg: "Ich wollte einfach wieder gesund werden" – Magerwahn im Leistungssport

Über der Tour de France Femmes liegt ein Schatten: Viele erfolgreiche Radsportlerinnen leiden unter einer Essstörung, ihre Magersucht wird durch Leistungsdruck befeuert. Auch Clara Koppenburg, 31, war jahrelang betroffen. Im BRIGITTE-Interview berichtet sie von den dunklen Seiten des Profiradsports.  

BRIGITTE: Liebe Clara, sportliche Höchstleistung verbindet man in der Regel mit kräftigen, gesunden Körpern – anstatt mit abgemagerten. Im Radsport ist das anders. Warum?

Clara Koppenburg: Radsport ist eine Sportart, bei der es auf Watt pro Kilogramm Körpergewicht ankommt. Das heißt, man versucht, bei möglichst geringem Körpergewicht möglichst viel Power zu generieren. Dann kommt man einfach viel schneller den Berg hoch. Deswegen versucht fast jede Athletin, an ihre Grenze des Untergewichts zu gehen. Die Krux ist, dass das bis zu einem gewissen Punkt auch etwas bringt: Der Körper befindet sich in einem Ausnahmezustand und produziert so viel Adrenalin und Cortisol, dass man extrem hohe Leistungen erzielen kann. Man wird als Sportlerin also darin bestärkt, weiter abzunehmen. Dadurch gerät man in einen Teufelskreis.

Worin liegt die Gefahr?  

Wenn wir zu wenig essen oder einfach nicht genug Energie haben, dann priorisiert der Körper gewisse Dinge: den Herzschlag, die Atmung, warm zu bleiben. Aber alles andere fährt er komplett runter. Bei uns Frauen zuerst unseren Zyklus, ganz viele Radsportlerinnen bekommen ihre Periode seit Jahren nicht mehr. Der ganze Hormonhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht.

Viele Ausdauersportlerinnen leiden deshalb unter dem RED-S Syndrom, dem Relative Energy Deficit Syndrome.  

Und das Energiedefizit hat auch langfristige Auswirkungen, vor allem die Abnahme der Knochendichte. Das ist extrem gefährlich, denn wenn wir stürzen, ist die Gefahr, sich die Knochen zu brechen, viel höher. Man erholt sich auch viel schlechter, ist ununterbrochen müde, gestresst. Und am Ende ist es dann einfach auch lebensgefährlich.

Im vergangenen Jahr hat deine französische Kollegin Pauline Ferrand-Prévot die Tour de France Femmes gewonnen, unmittelbar zuvor hatte sie noch einmal vier Kilo abgenommen. Sie selbst beteuert in Interviews, sie habe ihr Gewicht unter Kontrolle. Wie siehst du das?

Bei Pauline hat man jede Vene an Armen und Beinen gesehen und auch ihr Gesicht war schon eingefallen. Und sie hat das größte Rennen der Welt für Frauen gewonnen, sie ist einfach ein Riesen-Weltstar, auch für junge Mädchen. Ich fand das die falsche Message. Auch, wenn ich ihr glaube, dass sie das Ganze professionell angeht. Sie macht das ja auch nicht zum ersten Mal. Bei ihr wirkt der Jojo-Effekt und sie kommt aus dem Untergewicht bisher immer wieder raus. Aber bei vielen Fahrerinnen ist das eben ganz anders. 

Sieht man den Fahrerinnen eine Essstörung immer an?  

Starkes Untergewicht sieht man natürlich, aber das RED-S nicht. Es kann auch sein, dass der Körper anders als erwartet auf das Energie-Defizit reagiert und anfängt, wie ein Hamster Energie zu horten. Dann nimmt man vielleicht sogar etwas zu, lagert Wasser ein, ist müde oder wird ständig krank. Das Immunsystem fährt runter. Gleichzeitig haben die Fahrerinnen das Gefühl, noch weniger essen zu müssen, weil sie ja nicht abnehmen. Und dann wird es nur immer schlimmer.

Eine erschöpfte, sehr dünne Rennradfahrerin nach dem Rennen auf dem Asphalt sitzend
In den schlimmsten Zeiten wog Clara 42 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,70 m.

Du selbst hast mehrere Jahre unter einer Essstörung gelitten, bedingt durch das Training. Wie hast du gemerkt, dass dein Essverhalten nicht mehr gesund ist?

Ich habe versucht, Situationen zu vermeiden, in denen ich mit anderen Leuten essen muss. Ich habe angefangen, meine Freunde und Familie anzulügen. Und ich habe das Training immer genutzt, um mich fünf Stunden lang komplett leerzufahren, um mir danach dann wenigstens ein bisschen Essen erlauben zu können. Ich glaube, wenn man merkt, dass man sich vom Thema Essen ununterbrochen gestresst fühlt, wenn man sich selbst auch so ein bisschen belügt, dann ist man schon tief in der Essstörung.

Wie hast du es geschafft, sie zu überwinden?

Für mich war dann der entscheidende Faktor, dass ich später eine Familie gründen möchte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt für sechs oder sieben Jahre keine Menstruation mehr. Ich wusste, dass ich so nicht fähig sein würde, Mutter zu werden. Deshalb habe ich dann irgendwann die Verantwortung mir und meinem Körper gegenüber realisiert. Aber erst dann bin ich wirklich durch die Hölle gegangen.  

Was meinst du damit?

Ich habe mich komplett neu entdecken müssen. Bei 170 cm Körpergröße lag mein niedrigstes Gewicht bei 42 Kilogramm. Später habe ich 15 Kilo mehr gewogen. Plötzlich haben mir meine Kleider nicht mehr gepasst, ich musste alles aussortieren. Das tut einer Frau im Herzen weh. Man identifiziert sich nicht mehr mit sich selbst. Meine Periode habe ich relativ schnell wiederbekommen. Aber selbst das war Freude und Leid zugleich, ich war maßlos überfordert. Ich hatte sehr viel Bauchweh, weil mein Magen nicht mehr an viel Essen gewöhnt war. Und natürlich ging meine sportliche Leistung den Bach herunter.

Wie hat dein sportliches Umfeld darauf reagiert?

Clara Koppenburg während eines Gravel-Radrennens
Nach Ende ihrer Rennrad-Karriere ist Clara Koppenburg seit 2026 im Gravel-Racing aktiv.

Ich bin direkt aus zwei Teams geflogen. Ich verstehe schon, dass man auf die Leistung schauen muss. Aber bei mir hatte das ja Gründe, ich wollte einfach gesund werden. Und da hätte ich mir wirklich mehr Rückhalt von den Teams gewünscht. Ich habe immer offen kommuniziert, dass es mein Ziel ist, meine Krankheit loszuwerden, aber trotzdem weiterhin Radsportprofi zu bleiben. Nur auf einem gesunden Weg. Darin wurde ich zwar auch bestärkt und mir wurde gesagt, ich solle mir Zeit nehmen – aber sie hätten diese Zeit nicht. Das ist natürlich abschreckend für andere Frauen in der Situation.

Was müsste sich in dieser Hinsicht im Profiradsport ändern?  

Viele Fahrerinnen äußern sich inzwischen öffentlich, aber an wen sollen sie sich wenden? Diese Anlaufstellen gibt es für mich noch zu wenig. Wo man begleitet wird und einem erklärt wird, wie so eine Gewichtszunahme abläuft, womit zu rechnen ist. Die Frauen, die gesund werden wollen, sollten mental betreut werden. Und geschützt: Wie kann die Karriere weitergehen? Denn am Ende sollte Sport gesund sein und Spaß machen. Und uns nicht in die Krankheit treiben.  

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