Seit die Taliban wieder die Herrschaft im Land übernommen haben, lebt Fatima* in ihrer Heimat Afghanistan unter unvorstellbaren Bedingungen. Ihr Mann Karim* ist in Deutschland. Wie es dazu kam und was ihr größter Wunsch ist, davon hat sie BRIGITTE erzählt.
Fatima* (der Name liegt der Redaktion vor, wurde aber aus Sicherheitsgründen geändert) lebt in Afghanistan, ihr Mann Karim* musste – weil er als Journalist über die Taliban berichtete – vor zehn Jahren nach Deutschland fliehen. Unzählige Versuche, sie nachzuholen, scheiterten bislang.
Gegenüber BRIGITTE berichtet Fatima nicht nur von ihrem Leben unter den Taliban, sondern auch wie es sich anfühlt, eine Ehe auf Distanz zu führen:
«Was ich sah, war für mich unvorstellbar und grauenvoll»
«Als die Taliban 2021 Afghanistan übernahmen, lebte ich im Iran. Ich verfolgte aber alles in den Nachrichten. Was ich sah, war für mich unvorstellbar und grauenvoll. Ich hörte von Frauen, die verschleppt wurden, von Familien, die ihre Töchter aus Angst vor den Taliban zwangsverheirateten. Manche Frauen waren sogar bereit, sich das Leben zu nehmen, nur um nicht in die Hände der Taliban zu fallen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass Angst bald mein eigenes Leben bestimmen würde.
Im Iran, wo ich jahrelang lebte, waren Frauen vergleichsweise frei. Doch die Machtübernahme der Taliban hatte bald auch Auswirkungen auf Afghaninnen im Iran. In der afghanischen Botschaft wurden die Regeln immer strenger: Frauen durften ihre Angelegenheiten nicht mehr ohne einen Mahram, einen männlichen Vormund, erledigen. Irgendwann konnte ich mein Visum nicht mehr verlängern. Ich hatte keine Wahl: Ich musste nach Afghanistan zurückkehren.
«Die Realität ist zehnmal schlimmer, als alles, was ich aus den Nachrichten kannte»
Als ich hier ankam, habe ich erst verstanden, wie anders die Realität ist als alles, was ich zuvor aus den Nachrichten kannte. Was ich hier mit eigenen Augen sehe, ist zehnmal schlimmer!
Seit drei Monaten lebe ich wieder in Afghanistan. Die Situation ist katastrophal, besonders für Frauen und Mädchen. Wenn ich auf die Straße gehe, sehe ich Frauen nur noch vollständig verschleiert. Fast alle tragen Masken. Taliban patrouillieren bewaffnet zwischen den Menschen, manche sind gerade einmal 14 oder 15 Jahre alt. Sie kontrollieren genau: Wird die Maske richtig getragen? Ist auch wirklich kein Haar zu sehen?
Alle paar Schritte steht eine dieser Gruppen. Sie weisen Frauen zurecht und drohen ihnen. Eine solche Erfahrung, eine solche Angst, habe ich nie zuvor erlebt.
«Mein Leben spielt sich nur noch drinnen ab»
Ich verlasse das Haus kaum noch. Wenn ich etwas einkaufen muss, gehe ich nur in Begleitung von Freunden oder Bekannten. Allein hinauszugehen ist zu gefährlich. Man weiß nie, ob man wieder nach Hause kommt. Die Taliban können Frauen wegen angeblich unvollständiger Verschleierung festnehmen und verschleppen. Manche sind auf diese Weise verschwunden – und niemand weiß, was mit ihnen passiert ist.
Wenn ich raus muss, trage ich einen vollständigen Hidschab, eine Maske oder einen Gesichtsschleier (Nikab). Nicht, weil ich das möchte, sondern aus Angst, dass mich das Sittenministerium oder eine Taliban-Patrouille schikaniert. Mein Leben spielt sich nur noch drinnen ab.
Auch sonst gibt es für Frauen kaum noch Orte, an denen sie sich aufhalten können. Parks und Freizeitorte sind geschlossen, Arbeitsplätze, Schulen und Universitäten ebenfalls. Jede Frau ist in den eigenen vier Wänden wie in einem Gefängnis eingesperrt.
«Ich bin seit Jahren von meinem Mann getrennt»
Aber der härteste und bitterste Teil meines Lebens ist: Ich bin seit Jahren von meinem Mann getrennt. Wir konnten bisher nicht gemeinsam leben, unsere Jugend nicht miteinander verbringen. Durch die Distanz entstehen so viele Probleme, Entmutigungen und tiefe Traurigkeit. Die schönsten Jahre unseres Lebens vergehen, ohne dass wir unseren Alltag miteinander teilen können.
Trotzdem bin ich froh, meinen Ehemann an meiner Seite zu wissen. Auch wenn er weit weg ist, unterstützt er mich bedingungslos. Gerade jetzt, wo ich in Afghanistan völlig allein bin, gibt er mir Kraft. Er baut mich mit seinen Worten auf und schenkt mir Lebensmut.
In dieser schweren Zeit ist er mein einziger Halt und meine einzige Hoffnung. Mein größter Wunsch ist deshalb, dass diese Trennung so schnell wie möglich endet. Ich möchte endlich mit meinem Mann unter einem Dach leben – nicht nur miteinander telefonieren, sondern einen gemeinsamen Alltag haben.
Wenn dich Karims Geschichte interessiert, dann findest du sie hier:
«Ich wünsche mir, dass ich eines Tages wieder frei vor die Tür gehen kann»
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass sich das Leben für die Frauen in Afghanistan verändert. Ich möchte, dass Schulen und Universitäten wieder öffnen, dass Frauen arbeiten dürfen und Freizeitorte wieder zugänglich sind. Mädchen sollen lernen können, ohne Angst vor ihrer Zukunft haben zu müssen. Denn wenn es so weitergeht, wird es in Afghanistan irgendwann keine Ärztinnen oder Lehrerinnen mehr geben.
Ich appelliere an die Regierungen dieser Länder: Bitte schauen Sie bei den Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht weg. Lassen Sie sie nicht allein, während ihnen das Recht auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben genommen wird. Unterstützen Sie sie, damit sie eines Tages wieder lernen, arbeiten und ihrem Land dienen können.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier leben muss. Aber ich hoffe, dass sich etwas ändert. Für die Frauen und Mädchen, die heute in ihren Häusern eingeschlossen sind. Und für mich ganz persönlich: Ich wünsche mir, dass ich eines Tages wieder frei vor die Tür gehen kann. Und vor allem wünsche ich mir, dass mein Mann und ich endlich das Leben beginnen können, auf das wir schon so lange warten.
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