Johanna, alleinerziehende Mutter: "Ich war die Hauptverdienerin – und werde jetzt dafür bestraft"

Johanna, 43, ist alleinerziehend mit zwei Kindern. In ihrer zehnjährigen Ehe war sie die Hauptverdienerin. 2023 hat sie sich getrennt – und erlebt seitdem ein Steuer- und Sozialsystem, das für sie keine Antworten hat. Ein Gespräch über Steuerklassen, Rentenpunkte und die Frage, warum sich Mehrarbeit für sie kaum lohnt. 

BRIGITTE: Du bist nach deiner Trennung in die Lohnsteuerklasse 2 gewechselt – die Steuerklasse, die Alleinerziehende entlasten soll. Was hat sich für dich dadurch verändert? 

Johanna: In einer klassischen Familie, in der die Frau weniger verdient als der Mann, hat sie Steuerklasse 5. Wenn sie sich trennt, kommt sie in Steuerklasse 2 – und erlebt dadurch eine deutliche finanzielle Verbesserung. Ich war als Hauptverdienerin aber schon in Steuerklasse 3, also in der für mich günstigsten. Durch den Wechsel verlor ich mehrere hundert Euro netto im Monat. 

Eine Entlastung, die sich für dich als Belastung entpuppte. 

Für mich wäre es besser gewesen, ich hätte in meiner Steuerklasse bleiben können. 

Dazu kam noch der Versorgungsausgleich. 

Die Rentenpunkte, die die Partner in der Ehe erwerben, werden am Ende in einen Topf geworfen und hälftig aufgeteilt. Da ich in den über zehn Ehejahren deutlich mehr Rentenpunkte hatte als mein Mann, hat dieses Verfahren dazu geführt, dass ich davon abgeben musste. Das macht bei mir ungefähr 200 Euro Rente aus, die ich später weniger bekomme.  

Wie fühlt sich das an? 

Ungerecht. Ich habe gearbeitet, mich um Kinder und Haushalt gekümmert – und sogar die Bürgergeld-Anträge gestellt, weil mein Einkommen für unsere Familie nicht gereicht hat. Ich weiß, das ist das Resultat meiner Lebensentscheidungen. Ich habe einen Mann geheiratet, von dem ich hätte wissen können, dass er nicht der Versorger sein wird. Unfair fühlt es sich trotzdem an. 

Was würde passieren, wenn du wieder heiratest? 

Dann hätten meine Kinder keinen Anspruch mehr auf Unterhaltsvorschuss. Das ist vollkommen absurd, weil es voraussetzt, dass mein neuer Partner automatisch mehr finanzielle Verantwortung übernimmt als der Kindsvater. Umgekehrt gilt das nicht: Würde der Vater eine reiche Frau heiraten, hätte das keinerlei Auswirkung auf die Höhe des Kindesunterhalts. Ich finde, die Väter müssen endlich mehr in die Verantwortung genommen werden. 

Du arbeitest aktuell 30 Stunden pro Woche und hast gerade eine Gehaltserhöhung bekommen. Hast du jetzt mehr Geld als vorher oder fressen die Steuern das Plus wieder auf?

Ich habe nicht mehr, weil ich jetzt auf das Wohngeld verzichten muss. Dafür bestraft zu werden, dass ich mich in meinem Job anstrenge, ist unfair. Das sind die falschen Signale, auch für die Kinder – zu sehen, dass Mama immer mehr arbeitet und sich trotzdem nichts zum Guten verändert. 

Was müsste sich politisch für Alleinerziehende noch ändern? 

Es müsste für Alleinerziehende generell einfacher sein, sich finanziell zu verbessern. Alles andere ist ein gefährliches Signal. Wie sollen Frauen sich aus gewalttätigen Beziehungen lösen, wenn sie sich nicht mal eine Wohnung leisten können?

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