Was, wenn die beste Serie übers Erwachsenwerden eine ist, in der die Erwachsenen am wenigsten erwachsen sind? Unsere Autorin über ihre neue Lieblingsserie «Sterling Point», die sie zurück in die eigene Jugend katapultiert hat.
Dieses nostalgische Sommergefühl, die großen Geheimnisse, die kanadischen Inseln – «Sterling Point» fühlt sich an wie eine Liebeserklärung an «Gossip Girl» und «The O.C.». Kein Wunder, mit Josh Schwartz und Stephanie Savage saßen die Macher:innen genau dieser beiden Kultserien als Produzent:innen im Boot.
Trotzdem kopiert die Serie kein altes Rezept. Statt Romantik stehen Themen wie Identität, Familie und Freundschaft im Zentrum des Plots: die Trauer um den verstorbenen Großvater, den Annie nie kennenlernen durfte, abwesende Mütter, Elternschaft und die Frage, wohin man eigentlich gehört.
Die Serie kippt bewusst die «Erwachsene-wissen-es-besser-Dynamik» und zeigt: Reife hat nichts mit dem Alter zu tun. Da ist der Vater, der um ein ehrliches Gespräch bittet – um dann selbst als erster die Beherrschung zu verlieren. Oder Rorys Mutter, deren Verhalten eher an ein trotziges Kind erinnert als an eine erwachsene Bezugsperson. Erschreckend: Wie oft die Jugendlichen mit herausfordernden Situationen alleingelassen werden. Beeindruckend: Wie sie sich dabei gegenseitig begleiten, bestärken und gemeinsam Konflikte bewältigen.
Authentisch, ungefiltert und nahbar
Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Annie, die sich auf die Suche nach ihrer Herkunft begibt, nachdem der mysteriöse Großvater ihr und ihrem Zwillingsbruder Connor eine Insel in Kanada vererbt. Ihre Reise ist Abnabelung und Ankommen zugleich. Vom Sleepover am Strand bis zum ersten Sex – all das wird auf eine so ehrlich, ungefilterte und nahbare Art gezeigt, wie ich es selten bei Serien erlebt habe.
Zudem bietet die Serie den perfekten Mix aus Sehnsucht und Realität, zwischen «das hätte ich gerne gehabt» und «das habe ich selbst erlebt». Sie ist auf angenehme Weise nostalgisch, weil sie weder die Machtspiele noch die Intrigen zeigt, die in den Serien der 90er üblich waren. Sie löst in mir die Sehnsucht nach einem Sommer aus, wie Annie ihn mit ihren neuen Freund:innen erlebt. Und hinterlässt eine Abneigung gegen Überreiche, die sich in Urlaubsorte einfach einkaufen.
Die Nebenschauplätze machen die Serie authentisch und vielschichtig
Klar, auch Annie muss sich zwischen zwei Jungs entscheiden – wie wir das aus «The Summer I Turned Pretty» oder «Mein Leben mit den Walter-Jungs» kennen. Doch es ist kein Ping-Pong Spiel mit Gefühlen, nichts fühlt sich konstruiert an. Ich wurde zurückversetzt in meine eigene Jugend, in diesen Hormon-Cocktail, der dazu führt, dass man sich oft selbst nicht mehr versteht.
Es sind die vermeintlichen Nebenschauplätze, die die Geschichte vielschichtig machen und den Fokus weg von der heterosexuellen Liebesgeschichte lenken. Die Queerness von Ramona und Oohna wird nie als Add-on hervorgehoben, sondern selbstverständlich eingewebt – ohne Klischees, dafür mit queeren Codes, die spüren lassen: Hier hat sich jemand wirklich damit auseinandergesetzt. Ebenfalls berührend: Als Oonas kleine Schwester Maple von ihrer ersten Periode erzählt und Oohna ihr eine Blumenkrone bastelt, um diesen Meilenstein zu feiern. Kein Drama, nur Zärtlichkeit.
Ja, man verliert zwischenzeitlich fast den Überblick, wer wessen Vater, Bruder oder Schwester ist. Doch statt verwirrt zu sein, habe ich mich gefragt: Wie fühlt sich Familie wirklich an? Die Art, wie Ramona und Annie von Fremden zu Schwestern werden, zeigt: Echte Schwesternschaft braucht keine Blutsverwandtschaft.
Die Serie lebt auch davon, dass die Dialoge sich so echt anfühlen. Der Cast durfte frei agieren und musste nicht auf künstliche Teenie-Sprache setzen. Nostalgie, echte Themen, Dialoge ohne Drehbuchgeruch: Sterling Point ist kein Sommerflirt zum Nebenbeischauen. Es ist die Serie, die ich schon in meiner Jugend gebraucht hätte (auf Amazon Prime).
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