Ende August ist «Trennungssaison»: Laut einer Studie finden ein Drittel aller Trennungen direkt nach dem Urlaub statt. Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger erklärt, was viele Paare im Urlaub so triggert und wie sich das Schlimmste vermeiden lässt – denn die meisten bereuen das Liebes-Aus hinterher.
Endlich Zeit füreinander, ausschlafen, Strandspaziergänge, Sonnenuntergänge. Viele Paare träumen davon, im Urlaub die große Nähe zu genießen – und erleben stattdessen ihr erstes böses Erwachen. Denn ausgerechnet in der «schönsten Zeit des Jahres» kracht es besonders oft. Kein Wunder: Im Alltag sehen sich viele nur kurz am Abend, im Urlaub dagegen hocken sie plötzlich 24/7 aufeinander. Erwartungen prallen auf Realität, Konflikte werden endlich auf den Tisch gepackt – und manchmal eskaliert es schneller, als man «Sundowner» sagen kann.
Endlich Urlaub, plötzlich Krise
Ich habe es selbst erlebt. Vor zwei Jahren flog ich mit meinem Mann nach Goa, Indien. Für mich ein ganz besonderer Ort. Ich wollte ihm den Ort zeigen, an dem ich mit Mitte zwanzig eine Weile gelebt und zu mir selbst gefunden hatte. Für ihn klang die tropische Stranddestination nach Erholung pur.
Doch schon die Anreise verlief chaotisch: Ich flog über Delhi, er über Mumbai – durch die Namensänderung bei der Hochzeit war sein Ticket ungültig geworden, er musste ein neues buchen. Dann Goa: Für mich immer noch ein magischer Ort – musizierende Hippies, endlose Sandstrände, der Duft von Räucherstäbchen … Klitzekleines Problem: Unsere luftige Bambushütte lag direkt neben einer Partylocation, in der allabendlich völlig irre Mondanbetungszeremonien mit Techno, Trommeln und «Wolfsgeheul» abgehalten wurden – bis in die frühen Morgenstunden.
Mein Mann fluchte wie ein Rohrspatz («Ätzende Instagram-Hippies!»), verkroch sich nach 36-stündiger Anreise direkt ins Bett. Ich schaute mir allein den Sonnenuntergang an, ärgerte mich über seine unentspannte Art. Die ersten paar Tage (mit Jetleg) waren kein Zuckerschlecken, auch, weil mein Mann gerade mit dem Rauchen aufhörte: Wir schliefen schlecht, diskutierten viel, und irgendwann saß ich in unserer Bambushütte und fragte mich, ob wir überhaupt zueinander passten.
Zwei Wochen später, als wir lachend mit dem Roller durch den Dschungel fuhren und mein Mann mir glücklich über die Schulter zurief: «Ich liebe Indien, ich will hier nie wieder weg!», konnte ich über unseren holprigen Start schon wieder lachen. Aber damals habe ich gespürt: Urlaube haben Sprengkraft und können ein krasser Stresstest für Beziehungen sein. Das erleben viele so.
Ferien sind «Trennungssaison»
Laut einer repräsentativen ElitePartner-Studie haben sich 25 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Deutschland schon einmal während oder unmittelbar nach dem Urlaub getrennt. Psychotherapeut und Beziehungsexperte Dr. Wolfgang Krüger («So gelingt die Liebe – auch wenn der Partner nicht perfekt ist») weiß, warum: «Ein Urlaub ist für viele Paare eine gute Gelegenheit, entspannt mehr Zeit miteinander zu verbringen. Sie kommen sich näher, reden mehr miteinander und es gibt mehr Sex. Wenn es aber gravierende Realkonflikte gibt, kochen diese im Urlaub stärker hoch.»
Tatsächlich gibt es sogar klassische «Trennungssaisons»: Ein Drittel aller unglücklichen Paare zieht nach den Sommerferien die Reißleine, ein weiteres Drittel nach Weihnachten oder dem Winterurlaub, der Rest verteilt sich über das Jahr. In Japan gibt es dafür sogar einen Begriff: «Narita-Scheidung», benannt nach dem internationalen Flughafen bei Tokio – dort, wo frisch verheiratete Paare nach der Hochzeitsreise manchmal direkt zum Scheidungsanwalt fahren.
Dauer-Nähe überfordert viele
Aber warum sind ausgerechnet die Ferien für so viele Paare der Anfang vom Ende? Dr. Krüger kennt die Hauptgründe: zu hohe Erwartungen («Wenn wir erst im Urlaub sind, dann …»), plötzliche Dauer-Nähe und kleine Macken, die plötzlich eine Hauptrolle spielen. «Im Hotelzimmer ‚eingesperrt‘ neigt man eher dazu, alles genervt auf den Tisch zu legen, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann.» Dabei neigen viele dazu, Dinge zu dramatisieren. Dinge, über die sie zu Hause gelacht hätten. Deshalb trennen sich auch so viele nach (vermeintlich) heftigen Konflikten im Urlaub. Das sogenannte «Kreta-Phänomen».
Aber: «Fast die Hälfte aller Paare stellt nach einiger Zeit fest, dass man noch viel füreinander empfindet und nähert sich wieder an», sagt Dr. Krüger.
Das «Kreta-Phänomen» umgehen
Vielleicht ist das die wahre Kunst des Urlaubs: zu wissen, dass man nicht nur die Landschaft, sondern auch die Eigenarten des anderen bereist. Manchmal entpuppt sich eine Reise als Stresstest für die Beziehung – manchmal als Ort der Wiederannäherung. Mein Mann und ich haben in Goa beides erlebt. Und: Wir wollen unbedingt bald wieder hin.
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