Keine Autorin gräbt sich so in ihre historischen Figuren wie Jarka Kubsova. Nach dem Bestseller «Marschlande» widmet sie sich nun der Dichterin Božena Němcová, bekannt für «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» – und erzählt ihre eigene Fluchtgeschichte.
Jarka Kubsova steckt der neue Roman noch in den Knochen: «Das war die wildeste, härteste, emotionalste und persönlichste Reise, die ich mit einem Buch erlebt habe», sagt sie. Dabei hat sie auch bisher schon immer alles gegeben: Für ihren Debütroman «Bergland» zog sie für sieben Monate ins Gebirge, lebte und arbeitete bei einer Bauernfamilie. Und bei ihrem Bestseller «Marschlande» ließ sie sich mit so viel Empathie und akribischer Recherche auf das Schicksal von Abelke Bleken ein, dass sie der Frau, die 1583 in Hamburg auf dem Scheiterhaufen starb, ein literarisches Denkmal gesetzt hat.
Abelke konnte nach der großen Allerheiligenflut von 1570 angeblich ihre Deichpflicht nicht mehr erfüllen. Sie wurde verleumdet, verlor ihren Hof, den sie als Bäuerin ohne Mann bewirtschaftete – und am Ende als «Hexe» ihr Leben. Auch in Jarka Kubsovas aktuellem Roman «Im Licht des neuen Tages» gibt es eine Figur, deren wahrer Geschichte sie unbedingt nachgehen wollte, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: die «verrückte Viktorka».

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In Tschechien, Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Herbst, ist das ein fester Begriff. «Wenn eine Frau ein bisschen verwildert ist oder auch nur unangepasst, sagt man: Die siehst aus wie die verrückte Viktorka», erzählt Jarka Kubsova. Viktorkas tragische Geschichte ist allen bekannt durch einen Roman der Nationaldichterin Božena Němcová von 1855: «Babička» («Die Großmutter»), der in Tschechien wohl populärste, oft verfilmte Klassiker, von dem laut Statistik jeder Haushalt sogar zwei Exemplare hat.
Eigentlich ist das Werk eine Idylle, mit der die Dichterin ein nostalgisches Bild der eigenen Kindheit bei ihrer Großmutter zeichnet. Viktorka ist die einzige düstere Figur – und es gab sie wirklich. Im Roman stirbt sie jung, nachdem sie als „gefallenes Mädchen“ im Wald leben muss. Im wahren Leben war sie eine Ausgestoßene, die über 50 Jahre lang in der Wildnis zu Hause war. «Vielleicht war der Wald nicht nur eine Zuflucht. Vielleicht war er ein Ort, am dem sie endlich frei sein konnte», heißt es bei Jarka Kubsova.
Wie ihr Schicksal wirklich war und welches Unrecht ihr geschehen ist, das versucht in Kubsovas neuem Roman die Schriftstellerin Elli herauszubekommen. Eigentlich ist sie in eine Hütte tief im Wald gezogen, um eine Sinnkrise samt Schreibblockade zu überwinden. Aber dann drängt sich die Erinnerung an Viktorka, von der ihr schon die eigene Großmutter immer erzählt hat, vehement in ihr Leben, und mit der Ruhe ist es vorbei.
Ellis Nachforschungen führen sie in ihre alte Heimat Tschechien, aus der sie als Kind mit ihren Eltern fliehen musste. Und dort immer tiefer in den böhmischen Märchenwald – und in die eigene Seelenlandschaft, zu lange Verdrängtem, was nun mit magisch anmutender Macht und märchenhaften Helferfiguren ans Licht drängt. Dass Jarka Kubsova eine kundige Märchen-Kennerin ist, verleiht ihrer Geschichte einen ganz eigenen Zauber. Viele Gestalten aus dem tschechischen und deutschen Märchenschatz haben Eingang gefunden in ihren Roman.

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Auch die Heldin aus «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel», dem vielleicht schönsten tschechisch-deutschen Märchenfilm, der seit 1973 alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit ein Millionenpublikum begeistert, kommt darin vor. Denn die literarische Vorlage des Kult-Wintermärchens stammt ebenfalls aus der Feder der Dichterin Němcová. Sie hat aus dem biederen Aschenputtel diesen rebellischen Wildfang gemacht, der durch den Wald reitet, besser schießt als jeder Kerl und sich am Ende ihren Prinzen selbst jagt. Ein Role Model für Generationen. Was in Deutschland kaum jemand weiß: «Aschenbrödel» Libuše Šafránková, in Tschechien ebenfalls wie eine nationale Ikone verehrt, hatte ihre erste Rolle als Schauspielerin auch schon in einer Němcová-Verfilmung – als Enkelin und Alter-Ego der Dichterin in «Babička».
Auch über Božena Němcovás Leben weiß man in Deutschland bislang wenig. Das könnte sich nun durch Jarka Kubsovas Roman ändern. Denn neben ihrer Heldin Elli und der historischen «Viktorka»-Figur ist sie die dritte Frau, deren Lebensgeschichte in diesem Buch erzählt wird. Und wie Kubsova das macht, ist noch kunstvoller als in «Marschlande», wo auch schon auf zwei Zeitebenen mit einer Perspektive von heute erzählt wird: «Es ist wie bei einer Babuschka-Puppe, bei der sich die Geschichte der einen Frau in der Geschichte der anderen versteckt», sagt Kubsova.
Am Ende hätte sie wohl fast eine Doktorarbeit über die Dichterin schreiben können, so tief hat sie sich in deren Biografie gegraben. Ihr Schicksal hat sie nicht mehr losgelassen. Božena Němcová, um 1820 unehelich in Wien geboren, wurde mit 17 zur Heirat mit einem später gewalttätigen Mann gedrängt, bekam in den ersten fünf Jahren vier Kinder, verlor ihren Ältesten an Tuberkulose und starb mit Anfang 40 völlig verarmt in Prag.

Noch in ihren letzten Tagen versuchte sie bis zur völligen Erschöpfung, ihren Roman «Babička» zu überarbeiten, oft am Boden kniend, weil sie so weniger Blut verlor, bevor sie den Kampf gegen Krebs oder womöglich Tuberkulose verlor. «Was hätte sie noch alles schreiben können, hätte sie bessere Bedingungen gehabt?», fragt Jarka Kubsova. Vor rund 175 Jahren schrieb die Dichterin in einem Brief: «Wenn ich wählen könnte, würde ich mir wünschen, noch einmal geboren zu werden – dann wohl erst in 200 Jahren oder später. Denn ich weiß nicht, ob es bis dahin eine solche Welt geben wird, in der ich mit Freude leben möchte.»
Dieses Zitat berührt Jarka Kubsova besonders – sie hätte ihr dieses Leben sehr gewünscht. Ein Leben, wie ihre Romanheldin, die Schriftstellerin Elli, und sie selbst es bei aller Mühsal, die das Schreiben auch für sie mit sich bringt, führen können. «Das kann man nicht annähernd vergleichen“, sagt Jarka Kubsova. „Das wäre Jammern auf sehr hohem Niveau.»
Was die Schriftstellerinnen von heute ebenfalls gemeinsam haben, ist ihre Fluchterfahrung: Wie ihre Romanfigur Elli wurde auch Jarka Kubsova als Zehnjährige auf einen Schlag aus ihrem bisherigen Leben gerissen. Eine traumatische Erfahrung, an die sie lange nicht rühren wollte, bis sie sich gegen ihren ursprünglichen Willen als starker Erzählstrang durch diesen Roman zog.
Jarka Kubsova wurde als Kind erzählt, die Familie fahre in den Skiurlaub, um ihre Flucht geheim zu halten. Sie verlor ihre Freundinnen, ihre Katze, den Familienhund – und die geliebte Großmutter. Sie hat sie erst wiedergesehen, als sie erwachsen war. Ihr hat sie den Roman gewidmet: «Für dich, Babi».
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