Silvia über ihre Spielsucht: "Ich hatte in drei Jahren irgendwann 130.000 Euro verspielt"

Silvia gewann bei ihrem ersten Besuch in einer Spielhalle 1.600 Euro. Aus dem vermeintlich schnellen Glück entwickelte sich eine Abhängigkeit, die bald ihren gesamten Alltag bestimmte. Im Interview spricht sie über die besondere Gefahr des Onlineglücksspiels, den langen Weg in die Spielfreiheit und die schmerzhafte Erfahrung, heute die Spielsucht ihres Sohnes mitzuerleben.

BRIGITTE: Silvia, Du hattest durch Deinen Bruder bereits erlebt, welche Folgen eine Glücksspielsucht haben kann. Wie bist du trotzdem selbst zum Spielen gekommen?

Silvia: Die Spielsucht meines Bruders war irgendwann aufgeflogen, nachdem er die Ersparnisse der Familie verspielt hatte. Das war damals etwas ganz Schlimmes für mich. Ich dachte: Das dürfte mir nie passieren.

Später arbeitete ich in einer Kneipe. Mein Chef spielte nach Feierabend regelmäßig und nahm mich irgendwann zum ersten Mal mit in eine Spielhalle. Ich war damals ungefähr 30 Jahre alt und hatte vorher noch nie eine Spielhalle betreten. An diesem ersten Abend gewann ich 1.600 Euro. Das war unglaublich: Wie lange hätte ich dafür arbeiten müssen? Und hier ging es scheinbar ganz einfach. Es war auch überhaupt nicht so unangenehm oder peinlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Gegenteil: Es fühlte sich einfach toll an.

Wie ging es nach diesem ersten Gewinn weiter?

Danach besuchte ich fast täglich Spielhallen. In der Gastronomie hat man durch das Trinkgeld häufig Bargeld dabei. Wann immer ich Geld hatte, ging ich spielen – und ließ schließlich mein ganzes Geld dort.

Mit der Coronapandemie schlossen dann die Spielhallen. Dadurch entdeckte ich das Onlinespiel. Ich probierte es aus, meldete mich bei einem Anbieter an und merkte schnell: Das ist noch viel einfacher als das Spielen in der Halle.

Was machte das Onlinespiel für dich so gefährlich?

Es war vollkommen anonym und jederzeit verfügbar. Ich musste nirgendwo hinfahren und keine Ausreden erfinden. Ich konnte mein Gehalt direkt auf ein Spielkonto einzahlen. Natürlich buchte ich nicht das gesamte Gehalt auf einmal ein, sondern immer nur kleinere Beträge. Gerade deshalb verlor ich so schnell den Überblick.

Bei einem einzigen Anbieter konnte ich später meinen Spielverlauf über knapp drei Jahre nachvollziehen. In diesem Zeitraum hatte ich dort ungefähr 130.000 Euro eingesetzt.

Wie sah dein Alltag auf dem Höhepunkt der Sucht aus?

Ich stand morgens um halb fünf auf und trank mit meinem Mann Kaffee. Sobald er kurz nach fünf zur Arbeit ging, begann ich online zu spielen – oft bis sechs Uhr, wenn die Kinder aufstanden und zur Schule mussten. Manchmal spielte ich sogar weiter, während sie noch da waren. Sie konnten schließlich nicht sehen, was ich auf meinem Handy machte. Sie merkten nur, dass ihre Mutter gedanklich nicht richtig anwesend war.

Nachdem die Kinder in der Schule waren, erledigte ich schnell den Haushalt. Auf dem Weg zur Spielhalle spielte ich im Auto online weiter. Das konnte man auf Automatik stellen. Anschließend blieb ich bis mittags in der Halle, fuhr nach Hause, machte Essen, kümmerte mich um die Kinder und ging am Nachmittag arbeiten. Nachts spielte ich wieder – entweder online oder in einer Spielhalle. Das Glücksspiel bestimmte wirklich mein ganzes Leben.

Wie konntest du die Sucht vor Deinem Umfeld verbergen?

Mein Partner fragte damals immer wieder: «Wie kann das sein? Du arbeitest 60 Stunden in der Gastronomie und hast trotzdem nie Geld?“ Ich wich solchen Fragen aus.

Einmal hatten wir zu Hause einen großen Streit. Während wir miteinander redeten, saß ich mit dem Handy da und spielte einfach weiter. Als es erneut um das Geld ging, wurde mir alles zu viel. Ich stand auf, wollte gehen und sagte zu ihm, er solle seine Sachen packen. Daraufhin sagte er nur: «Du spielst doch.“

Das hat mich eiskalt erwischt. Wir setzten uns zusammen und redeten lange und ruhig miteinander. Danach rief ich eine Selbsthilfegruppe in Bremen an. 
 

War der Besuch der Selbsthilfegruppe für dich bereits der unmittelbare Ausstieg aus dem Glücksspiel?

Nein. Beim ersten Besuch hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl. Ich dachte: Was soll ich hier? Die können mir doch ohnehin nicht helfen, die reden doch alle nur.

Ich ging trotzdem weiter zu den Treffen – und spielte während des ersten Jahres noch immer. Gleichzeitig lernte ich in der Gruppe sehr viel. Nach etwa einem Jahr war ich schließlich so weit, dass ich sagen konnte: «Okay, jetzt höre ich auf.»

Wie reagierte die Gruppe, als du erzählt hast, dass du die ganze Zeit weitergespielt hattest?

Ich hatte Angst, dass die anderen böse sein würden. Aber niemand sagte: „Du hast uns betrogen“ oder „Du hast uns angelogen“. Stattdessen sagten sie: „Schön, dass Du da bist. Und schön, dass Du jetzt so weit bist.“

Das ist das Unglaubliche an einer solchen Gruppe: Du sitzt dort, erzählst von einem Problem – und 20 Menschen nicken und sagen: „Kenne ich.“ Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer glauben oft, sie würden gerade ihr ganzes Leben offenlegen. Dann erleben sie, dass die anderen genau diese Probleme und Gefühle ebenfalls kennen.

Welche Folgen hat deine Sucht bis heute für deine Beziehung?

Das verlorene Vertrauen ist nicht vollständig zurückgekommen. Mein Partner und ich sind seit sieben Jahren zusammen, und seit drei Jahren spiele ich nicht mehr. Trotzdem fällt es ihm teilweise bis heute schwer, mir zu vertrauen. Eine Sucht endet nicht automatisch in dem Moment, in dem man aufhört zu spielen. Ihre Folgen bleiben auch für die Menschen im Umfeld spürbar.

Auch dein Sohn spielt. Wie gehst du damit um?

Mein Sohn spielt online und an Automaten. Das ist überhaupt nicht schön. Ich weiß nicht, ob eine solche Sucht vererbbar ist. Ich versuche jedenfalls, ihn aufzuklären, und er kennt meine Geschichte. Aber solange er nicht selbst sagt, dass er aufhören möchte, bin ich machtlos. Ich kann immer wieder mit ihm reden – aber ich kann die Entscheidung nicht für ihn treffen.

Gibst du ihm finanzielle Unterstützung?

Ich gebe ihm kein Geld. Das fällt mir besonders schwer, weil er selbst ein kleines Kind hat. Wenn jemand anruft und sagt: „Mama, wir brauchen Windeln oder Essen“, möchte man natürlich helfen. Aber das sind genau die Geschichten, die ich früher ebenfalls erzählt habe – und mit denen ich Erfolg hatte.

Ich weiß: Von 50 Euro wären vielleicht zehn Euro für das Kind und 40 Euro für andere Dinge. Deshalb funktioniert das bei mir heute nicht mehr.

Hilft dir Deine eigene Erfahrung dabei, seine Situation zu verstehen?

Natürlich verstehe ich, was er tut. Gleichzeitig hat er meine Suchtgeschichte miterlebt. Deshalb hoffe ich immer wieder, dass es bei ihm irgendwann klickt. Ich frage ihn: Musst Du wirklich so lange süchtig sein, bevor Du Dein Leben in den Griff bekommst? Nein, das musst Du nicht.

Ich selbst habe mit 50 Jahren aufgehört. Mein Sohn ist noch jung und hat sein ganzes Leben vor sich. Es tut mir weh, ihn so zu sehen. Aber ich kann nichts für ihn entscheiden. Wir reden offen miteinander, und er erzählt mir auch, wenn er wieder Geld verspielt hat. Mehr kann ich im Moment kaum tun.

Was hat sich durch die Spielfreiheit für dich verändert?

Seit ich aufgehört habe, ist mein Leben wirklich schön. Die Spielfreiheit hat mir Stärke und Selbstbewusstsein gegeben. Ich habe wieder Zeit, und ich habe wieder Geld.

Ganz verschwunden ist die Sucht trotzdem nicht. Ich habe noch immer Schwierigkeiten mit dem Gefühl, dass mein Geld nicht reichen könnte. Und ich habe Angst davor, rückfällig zu werden. Diese Angst gehört für mich zur Spielfreiheit dazu.

Unsere Serie «Stärker als die Sucht» zeigt Frauen, die sich ihrer Erkrankung gestellt haben. Sie erzählen davon, wie sie in die Sucht gerutscht sind und wie sie ihren Weg herausgefunden haben. Teil 5 folgt in Kürze …

 
 

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