Seit dem Mauerfall hält sich ein verrückter Mythos hartnäckig: David Hasselhoff habe dafür gesorgt, dass die innerdeutsche Grenze nach fast 40 Jahren der Teilung geöffnet wurde. Ok, das glaubt wohl niemand wirklich, aber warum denken viele bei diesem bedeutsamen, historischen Ereignis unwillkürlich an «The Hoff»? Unsere Autorin weiß jedenfalls, warum sie es tut.
Diese Frage kann ich für mich persönlich so beantworten: Kinder bekommen eine Menge mit. Ich war sechs und riesiger David-Hasselhoff-Fan. Mein größter Schatz: die LP von «I’ve Been Looking For Freedom». Jeden Abend vor dem Zubettgehen bekam der Hochglanz-Lederjacken-David auf der Hülle einen Schmatzer verpasst. Der Englischunterricht war noch weit entfernt, ich verstand nicht, wovon der Mann, der meinem ständig abwesenden Vater ziemlich ähnlich sah (da haben wir es doch!), sang. Aber es fühlte sich gut an. Vielleicht kam die Message sogar unterbewusst bei mir an.
Nutella unterm Kindersitz
Eine Ahnung, wie es sein musste, «nach der Freiheit zu suchen», hatte ich nämlich durch die jährlichen Besuche bei den Verwandten in Hoyerswerda nahe der polnischen Grenze irgendwie schon bekommen. Unter meinem Kindersitz im Auto versteckt: Nutella, Duplo, Jacobs Krönung. Ich hatte bei der Grenzüberquerung jedes Mal riesige Angst, erwischt zu werden. Es wurde nicht besser, wenn wir es mit der heißen Ware «rüber» geschafft hatten, denn mein Vater machte sich einen Spaß daraus, mir zu verklickern, dass «Honni» alles sieht, was ich mache, und dass jedes Fehlverhalten direkt hinter Gittern enden würde. Witzig. Besonders den Verwandten gegenüber, die mit unseren Duplos zurückblieben, wenn wir uns wieder gen tatsächlicher Überwachungsfreiheit aufmachten …
Dann wohnte plötzlich eine dieser Verwandten, die Cousine meiner Mutter, mit ihrer Tochter bei uns im Hamburger Norden. Es war der Sommer 1989 und sie schauten den ganzen Tag Fernsehen. Suchten im unscharfen Gewimmel aus Dresden, Ungarn, Prag nach dem Vater und der anderen Schwester. Ich erinnere mich an ihre Tränen – und daran, dass ich abends David seinen Kuss gab.
Wie David Hasselhoff die Mauer niedersang. Nicht.
Die Legende nun aber besagt, Hasselhoff selbst sei der festen Überzeugung, die Mauer zu Fall gebracht zu haben: Er sei der «musikalische Befreier», schließlich habe sein Song überhaupt erst den Freiheitsdrang der Ostdeutschen geweckt, sie befähigt, die Grenze zu stürmen und so auch gleichsam den Kalten Krieg beendet.
Ist natürlich Quatsch. David, (mein David) hat das zu keinem Zeitpunkt gesagt oder gedacht. Es war ein einziger Artikel in der US-Boulevardpresse, der das Bild des größenwahnsinnigen Hollywoodstars ins Rollen brachte. Darin wurde Hasselhoffs Aussage, wie emotional es für ihn sei, dass sein Lied in Ostdeutschland zu einer «Hymne der Hoffnung» geworden war, entsprechend verdreht. Ebenso der tatsächliche zeitliche Ablauf: Im Laufe des Abends und der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurden die Grenzübergänge Berlins geöffnet. Erst an Silvester sang David Hasselhoff an der Mauer «I’ve Been Looking For Freedom».
Dass dazwischen sieben Wochen lagen, nahm man in der «Berichterstattung» nicht so genau. Auch nicht, dass er die Mauer nicht einfach so erklomm und losträllerte. Wie üblich wurde er für diesen Auftritt angefragt und stand auf einer Hebebühne neben der Mauer, keineswegs direkt darauf. Richtig ist jedoch: Er trug eine blinkende Lederjacke, einen Pianoschal – und Hunderttausende sangen mit. Dafür könnte ich ihn noch heute küssen.
Quelle: .



