Die Moderatorinnen Christine Westermann und Mona Ameziane besprechen in ihrem Podcast «Zwei Seiten» Bücher. Jetzt haben sie selbst eines geschrieben: über die Liebe, das Leben, das Sein und das Werden. Hier ein Auszug.
Mona Ameziane: Hattet ihr im Jahr 1969 so etwas wie eine Abi-Zeitung?
Christine Westermann: Nein.
Mona: Dann stellen wir uns jetzt einfach mal vor, ihr hättet so etwas gehabt, und in dieser Zeitung hätte es Steckbriefe zu jeder Person gegeben, jeweils ausgefüllt von den Mitschülerinnen und Mitschülern. Das heißt: Du musst dir jetzt vorstellen, was in diesem Steckbrief gestanden hätte über dich als Abiturientin, okay? Über Christine sagen alle, dass …
Christine: … dass sie an den älteren Jungs interessiert ist. Und dass sie schon gern mal die Schule schwänzt und morgens ins «Café Knaur» geht, Kakao trinkt und Butterbrötchen isst.
Mona: Du warst bekannt dafür, flirty und faul zu sein?
Christine: Wir waren ja nur zwei Mädchen in der Klasse, da war die Auswahl groß. Und ich war nicht wirklich vom Ehrgeiz getrieben, die Beste zu sein. Ich war nicht besonders fleißig, muss man sagen.
Mona: Nächster Satz: Eine Sache, die Christine sehr mag, ist …
Christine: … den Lateinlehrer im Tischtennis-Match zu schlagen.
Mona: Wieso hast du mit deinem Lateinlehrer Tischtennis gespielt?

© Lena Heckl
Christine: Landschulheim, zwei Mädchen, 20 Jungen, für den Klassenlehrer eine echte Herausforderung. Meine Freundin Ingeborg und ich waren jetzt auch nicht besonders beliebt beim Personal, weil wir den Notendurchschnitt dieser Vorzeigeklasse auf ein vernünftiges Maß heruntergepegelt haben. Herr Hahn, Latein- und Klassenlehrer, war wirklich ein guter Tischtennisspieler, aber ich war einfach besser. Vielleicht ja nicht einmal das. Vielleicht war das auch ein unerwarteter persönlicher Antrieb, der mich da bewegt hat: Dem zeig ich’s. Und das habe ich dann auch gemacht.
Mona: Warum war dir das so wichtig?
Christine: Vielleicht weil ich zeigen wollte, dass ich mehr kann, als Latein und Mathe verhauen. Zu zeigen, wer ich auch bin. Das war Antrieb genug.
Mona: Hatte dieser Ehrgeiz auch damit zu tun, dass du auf dieser Jungenschule warst und dich da behaupten musstest?
Christine: Das war auch anstrengend. Wir waren ja nur zwei. Wenn meine Freundin Ingeborg morgens in der ersten Stunde nicht da war, bin ich in der zweiten gegangen. Sie war eine viel coolere Socke als ich. Die schon wusste, wie Lidstrich und Haare-Toupieren ging. Die Einser- und Zweier-Jungens haben oft gelacht, wenn ich mal wieder was nicht wusste. Wenn ich zum Beispiel in Mathe an der Tafel stand, eine binomische Formel lösen musste, war das für alle ein Spektakel, weil’s halt nicht wirklich gut gelaufen ist.
Ich merke gerade, wie nah ich noch dran bin, wenn ich es erzähle. Und wie stark dort mein Selbstvertrauen gedeckelt worden ist. Wie selten ich Lob gehört habe. Mein Vater war schon tot, konnte mich also nicht auffangen und stark machen. Meine Mutter hatte anderes zu tun. Geld verdienen, drei Kinder großziehen. Ich war auf mich allein gestellt, es gab keinen Antrieb, es war eher ein Suchen. Wer bin ich? Auch das kann ja unbewusst ein Antrieb sein, es allen zeigen zu wollen, die mir nichts zugetraut haben.
Unser Deutschlehrer zum Beispiel. Er hatte Stalingrad überlebt, war mit verkrüppelten Füßen zurückgekommen, einen Arm hatten sie ihm weggeschossen. Er hatte natürlich keine Motivation mehr, pubertierende 16-Jährige für Hölderlin zu begeistern. Ich konnte in den Aufsätzen schreiben, was ich wollte, es war immer eine Zwei minus. Irgendwie blöd, zu merken, dass einer einen gar nicht richtig wahrnimmt. Zu spüren, dass man nicht richtig gesehen wird.
Mona: Was hätten deine Mitschülerinnen und Mitschüler hinter den Satzanfang geschrieben «Nach der Schule wird Christine mal …»?
Christine: Keine Ahnung, kann ich echt nicht beantworten.
Mona: Also hätte niemand auf «Journalistin» gewettet?
Christine: Glaube ich nicht. Ich wusste ja selber nicht, wo es langgehen könnte. Als ich die «Aktuelle Stunde» moderiert und dort mein erstes Interview mit Willy Millowitsch geführt habe, bin ich vor Aufregung fast gestorben. Den kannte ich noch aus Kindertagen aus dem Fernsehen, große Samstagabendunterhaltung. Und jetzt saß ich ihm gegenüber. Der große berühmte alte Mann hat vermutlich gedacht, das Kind ist doch höchstens 20, was will die von mir. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das mit den Interviews ganz gut mache. Anders als die anderen. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas richtig mache.
Mona: In welcher Lebensphase hast du dich am erfolgreichsten gefühlt?
Christine: Jetzt. Weil ich jetzt ein- und abschätzen kann, welchen Weg ich gegangen bin. Jetzt kann ich sagen, mein lieber Mann, Westermann, ganz schön weiter Weg, viele Irrwege und Holzwege auch. Aber irgendwie gab es wohl immer den leisen inneren Antrieb: «Komm, das kriegst du hin.» Dieses vage Wissen gab die Richtung vor.
Als ich bei «Zimmer frei» angefangen habe, gab es vernichtende Kritiken für mich. Am Tag nach der ersten Sendung stand in einer Boulevardzeitung: «Götz Alsmann, brillanter Entertainer, genialer Musiker! Christine Westermann, hausbacken, provinziell, Drehscheibe eben.» Das liest du morgens, und abends machst du wieder eine Sendung. Und weißt schon, dass diese Sendung nicht viel besser werden wird als die, die du am Vorabend abgeliefert hast.
Mona: Mit Blick auf deine restliche Karriere muss man sagen: Du hattest und hast ja auch sehr, sehr viele Fans.
Christine: Was ich irgendwann auch im Studio gemerkt habe. Ich konnte ja wirklich nicht singen und trete neben einem wirklich genialen Musiker wie Götz Alsmann auf. Die Leute haben einfach schon mal applaudiert, weil ich mich überhaupt getraut habe, zu singen. Auch wenn ich die Nummer jedes Mal komplett versemmelt habe. Das war ein Antrieb, das hat mich stark gemacht.

© Lena Heckl
Mona: Du hast mir vor Kurzem von einer Situation erzählt, in der du es eilig hattest, weil du zu einem Termin musstest, aber plötzlich Lust bekommen hast, dich in die Eisdiele zu setzen und Obstsalat zu essen. Du hast es gemacht, und als du mir davon erzählt hast, klang es so, als wäre das etwas sehr Verrücktes gewesen, das du dir da gegönnt hast. Ich dachte mir: So könnte ihr gesamtes Leben aussehen. Nur noch das tun, worauf sie jetzt gerade Lust hat. Hast du keine Angst davor, eine Zeit zu verpassen, in der du frei bist von beruflichen Verpflichtungen?
Christine: Nein, jeden Tag Eisdiele und Obstsalat – das würde mir Angst machen.
Mona: Stellst du dir nie vor, wie dein Leben ohne Arbeit wäre?
Christine: Das ist gar kein Szenario. Ich hab auch nie auf die 65 hingearbeitet, um den Griffel fallen zu lassen. Ich hab ein Buch geschrieben übers Älterwerden, «Mit 65 in die Kurve». Heute, mehr als zehn Jahre später, denke ich, da war ich doch noch so jung.
Mona: Wir beide haben in den vergangenen Jahren sehr viel zusammengearbeitet, teilweise haben wir drei Podcast-Folgen an einem Tag aufgenommen. Danach habe ich mir mein niedriges Energielevel angeschaut und mich gefragt, wie viel anstrengender das für dich sein muss. Kann dein Motor noch Turbogang oder ist er mittlerweile eher ein schnurrender Oldtimer mit weniger Power?
Christine: Irgendwann läuft der Turbo nur noch stotternd, dann braucht es eine Pause. Als wir diese drei Podcasts an einem Tag gemacht haben, war ich hinterher fertig, aber es war auch ein schönes Fertigsein. Eine gute Erschöpfung.
Mona: Du hast, im Vergleich zu anderen in deinem Alter, überdurchschnittlich viel Energie. Woher kommt die?
Christine: Das ist keine Körperenergie. Das ist eine Kopfsache. Mein Körper ist alt, mein Kopf ist jung.
Mona: Ich weiß. Wie schaffst du das?
Christine: Weiß ich nicht. Ich bin so. Wenn wir nachher die Dürener Straße hochlaufen, ein attraktives Klingelschild sehen und du mich fragst: Wollen wir mal? Will ich. Mit der ganzen Hand auf alle Klingeln und dann nix wie weg. Du wirst natürlich schneller weglaufen können als ich. Ich bin theoretisch natürlich viel zu alt für so ’nen Scheiß … aber praktisch eben nicht.

Es gibt die Geschichte aus der Zeit, als ich die «Drehscheibe» moderiert habe. Da war ich mit Freunden in Heidelberg in einer Kneipe, habe mich spontan in einen Mandolinenspieler verknallt, der zur Tür reinkam. Es war ein amerikanischer Musikstudent auf Europatour, er hat sich mit seiner Musik die Kohle für die Reise verdient. Wir haben miteinander geflirtet und sind nach Mitternacht gemeinsam nach Paris gefahren.
Mona: Weißt du noch, mit wie vielen Männern du verknallt in Paris warst?
Christine: Manchmal waren die Parisreisen auch nur unerwartet schöne kleine Abenteuer. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit einer Freundin nach Paris, mitten in der Champagne hatten wir morgens um sechs eine Autopanne. Und dann standen wir ziemlich ratlos da. Bis ein Auto hielt, uns zwei junge Typen zur nächsten Werkstatt schleppten. Um uns dann zu einem Champagnerfrühstück mit anschließender Führung durch eine Kellerei einzuladen. Sie waren die Söhne eines Winzers.
Mona: Da ist deine Liebe zu Champagner geboren?
Christine: Ich weiß es nicht, aber normalerweise steigst du nicht morgens um sechs in das Auto von zwei Typen, die du gar nicht kennst.
Mona: Nein, normalerweise nicht. Habe ich zum Beispiel noch nicht gemacht. Warst du in Beziehungen eher der antreibende Part oder der Part, der sich treiben lässt?
Christine: Beides. Also ich bin ein sanft-aggressiver Flirter. Heißt, ich kann das ganz gut. Bin erfindungsreich, jemandem zu zeigen, dass ich ihn mag. Meine erste Reise nach Paris habe ich übrigens mit einem Kameramann gemacht. Ziemlich spontan nach Ende der Dreharbeiten. Er kannte Paris sehr gut, weil er mehr als fünf Jahre dort gearbeitet hatte. Ich habe mich sofort in diese Stadt verliebt, weil ich Paris nicht wie eine Touristin erlebt habe, sondern eher wie eine, die dort zu Hause ist.
Mona: Deine Liebesbiografie klingt auf jeden Fall … dynamisch.
Christine: Danke. Dynamisch ist ein sehr schönes Wort. Das gefällt mir.
Mona: Was hat dich in deinem Leben so lange von einem Mann zum nächsten getrieben?
Christine: Was da mein Antrieb war? Ich glaube schon auch, ich brauchte eine Bestätigung, was ich für eine tolle Frau bin, weil ich mir dessen gar nicht so sicher war. Bis ich jemanden hatte, habe ich ihm die Sterne vom Himmel geholt. Danach war es eher uninteressant und trudelte langsam aus.
Mona: Du warst im Prinzip ein toxischer Mann. So einer, von dem man seiner besten Freundin eher abraten würde.
Christine: Toxisch. Das Wort gab’s damals natürlich nicht. Aber ich habe ein paar Menschen unglücklich gemacht. Ein paar Herzen gebrochen, und das bedauere ich. Aber wie es mit dem Karma so ist, mein Herz hat auch ein paar Mal einen Knacks abbekommen.
Mona: Warum hast du mit über 50 dann entschieden, zu heiraten?
Christine: Vielleicht weil ich erwachsener war. Besser wusste, was und wer mir guttut. Auch deshalb habe ich es mit meinem späteren Mann langsam angehen lassen. Es hat also eine Weile gedauert, bis wir richtig eng waren. Aber zu wissen, das könnte es sein, er könnte es sein, hat mich beflügelt, auf eine sehr behutsame Art angetrieben. Ich war 52, er ein paar Jahre jünger, wir waren zwei autonome Typen. Haben uns beide zu einer Zeit in unserem Leben kennengelernt, in der wir beide ungebunden waren. Was einem kleinen Wunder gleichkommt. Und weil ich wirklich gespürt habe, mit ihm würde ich gern die Zeit verbringen, bis dass der Tod uns scheidet, habe ich ihm einen Heiratsantrag gemacht. Das war nach drei Monaten. Geheiratet haben wir ein halbes Jahr später.
Mona: Dann könnt ihr euch ja gar nicht so viel Zeit gelassen haben …
Christine: Doch, bis wir endlich miteinander geschlafen haben, hat es länger gedauert als sonst. Nach unserem ersten Kennenlernabend in Münster musste ich am nächsten Tag nach Amerika fliegen, weil ich damals dort gewohnt habe. Wir haben erst mal oft und lange telefoniert. Um sich noch mehr zu verlieben, ist Telefonieren perfekt. Wir haben dann den Millenniums-Jahreswechsel gemeinsam in San Francisco gefeiert. Was eigentlich ziemlich unspektakulär war. Bis auf den Umstand, dass die Feuerwehr anrückte, weil mir die Schnitzel in der Pfanne verbrannt waren und der Rauchmelder Alarm geschlagen hat. Wir haben bei unseren schwulen Freunden gefeiert, um Mitternacht ging es sehr ruhig zu. Es gab offiziell kein Feuerwerk, das war verboten, auch zum Jahrtausendwechsel. Um zwölf haben sie uns ein paar Wunderkerzen in die Hand gedrückt, Happy New Year, das war unser Millennium. Unvergesslich.
Mona: Für mich war das damals der erste Silvesterabend, den ich bewusst erlebt habe. Ich war sechs Jahre alt, habe bei meinen Großeltern übernachtet, weil meine Eltern auf einer großen Party waren, und meine Oma hat mich kurz vor Mitternacht geweckt. In einem viel zu großen Strickpulli von Opa stand ich an einem schrägen Dachfenster und habe mir mit ihr das Feuerwerk angesehen, während du in Amerika Schnitzel verbrannt hast. Das ist doch absurd, oder?
Christine: Ja, beim Zurückblicken spürt man den Altersunterschied an den Jahreszahlen. Du warst sieben, als ich geheiratet habe.
Mona: Wann lernt dein Mann Mandoline spielen?
Christine: Ich frag ihn mal.
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