So ein Taschendiebstahl geht ganz schnell und unbemerkt. Und dann? Steht man plötzlich ohne alles da. Was unsere Autorin daraus gelernt hat.
Es passierte gleich am ersten Abend: In Marseille saß ich mit meinem Freund auf dem Place Jean Maures auf einer Bank. Als wir aufstanden, um weiterzuziehen, war meine Tasche weg. Au revoir, liebes Handy, liebes Portemonnaie! Adieu, liebe Plastikkarten, Mails, Buchungen, Kontakte, Fotos, Apps!
Irgendwas sagte mir, dass wir der Polizei einen Besuch abstatten sollten, um Anzeige zu erstatten. Dies erwies sich später auch als sinnvoll: So konnte ich beweisen, dass meine Karten ab circa 21 Uhr nicht mehr in meinem Besitz waren, und bekam von meiner Bank das Geld erstattet, das die Diebe ausgegeben hatten.
Beim Warten auf der Wache zunächst aber die bittere Erkenntnis: Auf dem Handy meines Freundes komme ich an nichts ran. Nicht an meine Mails, wo unsere Buchungen lagen. Genauso unerreichbar waren meine Apps von Airbnb und Co.: Da ich mich auf einem Fremdgerät einloggen wollte, wollte man mir eine SMS schicken, aber die konnte ich ohne mein Handy nicht abrufen. Mein Mail-Anbieter bot mir als Alternative an, ein Foto meines Ausweises hochzuladen, aber den hatte ich ja auch nicht mehr.
Alles Wichtige war futsch
Ich hatte nichts mehr: keinen Cent, keinen Ausweis, keine Kontakte. Wäre ich allein gereist, wäre ich mittellos und ab dem nächsten Morgen obdachlos gewesen, weil wir um 10 Uhr aus unserem Zimmer mussten.
Eigentlich wollten wir mit dem Mietwagen die Côte d’Azur entlangfahren. Den bekamen wir aber nicht, weil ich ihn gebucht hatte, und beim Abholen weder Kreditkarte noch Führerschein vorlegen konnte. Die Bahntickets für die Rückfahrt hatte zum Glück mein Freund.
Wir hingen tagelang am Telefon
In den kommenden Tagen führten wir gefühlt Hunderte, zunehmend hitzige Telefonate: Bankkarten unter dem Notruf 116 116 sperren? Ging nicht, weil ich meine IBAN nicht wusste. Erst an Tag zwei kam ich auf die Idee, meine Bank anzurufen. Sie sperrte meine Karten, aber nur, weil ich meine Zugangsdaten zum Online-Banking im Kopf hatte. Am Telefon bei Airbnb war man zwar bemüht, konnte aber nicht helfen – weil ich eben keine SMS empfangen konnte.
Damit ich nach meiner Rückkehr schnell wieder in mein digitales Leben starten kann, rief ich meinen Telefonanbieter an, damit er mir eine neue SIM-Karte nach Hause schickt. Um mich am Telefon zu identifizieren, brauchte ich die vier letzten Ziffern meiner IBAN, die ich mir zusammenrätseln musste. Zum Glück half mir die empathische Dame am Telefon … «Ja, so ähnlich, und jetzt sagen Sie bitte nochmal die zwei Ziffern, die Sie vorhin schon genannt hatten … ja, fast … fast … richtig!».
Wir opferten fast einen Tag, um einen Vermieter zu finden, der uns ohne Kreditkarte ein Auto überlässt (mein Freund besitzt keine). Einem genügte es, dass ein Freund meines Freundes seine Kreditkartendaten zur Verfügung stellte. Das Auto war teuer und gab’s nur mit Eigenbeteiligung. Logisch, dass wir einen Kratzer reinfuhren.
Den größten Stress hatten wir mit den Unterkünften. Irgendwann buchten wir über die Airbnb-App meines Freundes eine andere Wohnung bei der Frau, bei der ich schon vor dem Urlaub eine Unterkunft gebucht hatte, um ihr mitzuteilen, was passiert war. Nach einigem Hin und Her klappte es und wir kamen bei ihr unter, ohne nochmal bezahlen zu müssen.
Was ich aus alldem gelernt habe? Meine 3 Tipps:
- Alle Mitreisenden beteiligen sich am Buchen, damit nicht alles bei einer Person liegt (reduziert auch den Mental Load). Buchungen grundsätzlich allen Mitreisenden zugänglich machen oder sie möglichst einbeziehen – bei Airbnb kann man sie zum Beispiel «einladen».
- Auch wenn das Internet über ausdruckwütige Deutsche spottet: Do it! Alle Buchungen und Tickets ausdrucken und in den Koffer legen (oder zusätzlich noch in die Jacken- oder Hosentasche). IBAN, Kartennummern, Passwörter (die Bahn-App meckert zum Beispiel nicht, wenn man sich auf einem Fremdgerät einloggt) und die Telefonnummern der wichtigsten Kontakte dazulegen, damit sie einem im Notfall Geld schicken oder sonstwie helfen können.
- Portemonnaie und Handy nicht in dieselbe Tasche packen – sonst ist beides weg. Auch der Gurt einer Bauchtasche kann durchgeschnitten werden, das ist einer Frau passiert, die wir kennenlernten. Sonst Brustbeutel unter die Kleidung, wenn einen das nicht stört.
Wie fast alles im Leben hatte auch der Diebstahl etwas Gutes
Aus der Not heraus buchten wir uns zwischendurch in ein Hostel ein, was wir sonst nie getan hätten. Es war ein Highlight: eine Villa mit netten Leuten und einem Infinity-Pool mit Blick auf Berge und Meer plus schöne Strände, die man zu Fuß erreichen konnte. Mit unserer Bettnachbarin, einer jungen Koreanerin, hatte ich spannende Gespräche. Ich erfuhr zum Beispiel, dass viele Frauen in Korea weniger aus feministischer Überzeugung Single blieben, wie es hier oft dargestellt wird, sondern weil sie keine geeigneten Partner finden.
Dank des erzwungenen Digital Detox habe ich in diesem Urlaub fast 800 Seiten gelesen, weil ich nichts zum Scrollen hatte.
Vor allem bin ich froh, dass wir nicht überfallen, sondern dermaßen sanft bestohlen wurden, dass wir es nicht mal bemerkt hatten.
Nun habe ich fast alles wieder beisammen. Ich warte noch auf meinen Personalausweis, auf eine Erstattung des ersten Autovermieters, die uns vor Ort in Aussicht gestellt wurde, und ich muss hier nochmal Anzeige erstatten, damit ich einen neuen Führerschein bekomme. Und vor meiner nächsten Reise will ich noch herausfinden, wie man sein eigenes Handy orten kann. Aber dazu hatte ich noch keine Lust.
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