Anna Osicki, 29, verbrachte mehrere Jahre fast durchgehend im Krankenhaus, nachdem sie sich 2017 bei einer Kniespiegelung mit einem multiresistenten Krankenhauskeim infizierte. Ende 2021 entschied sie sich dazu, das Bein amputieren zu lassen. Hier erzählt sie, warum dieser Schritt ihr Weg zurück ins Leben war.
Ich liege auf der Intensivstation, in meinen Ohren erklingt Sarah Connors zarte Stimme: «Wenn der Tag gekommen ist. Und ich meine Augen schließe. Und mich mein Löwenmut verlässt. Wenn der Tag gekommen ist. Und ich mit dem Wasser fließe, Hoffe ich, dass ihr mich nicht vergesst.»
Meine Familie wurde schon angerufen. Sie sollen sich verabschieden, es könne sein, dass ich die Nacht nicht überlebe. In all diesem Gefühlschaos denke ich: «Wenn ich morgen nicht mehr lebe, hatte ich ein gutes Leben. Hauptsache, ich war glücklich.»
Dass ich einmal mit diesen Gedanken in einem Krankenhausbett liegen würde, hätte ich Jahre vorher nie gedacht.
Der Tag, an dem alles begann
Es war 2017, ich arbeitete in der Pflege und diese Arbeit lag mir sehr am Herzen. Vor mir lag mal wieder eine Spätschicht, aber schon morgens spürte ich einen leichten Druck im Knie. Daraus wurden Schmerzen, die von Stunde zu Stunde schlimmer wurden. Als ich die Schicht geschafft hatte, schaute ich deshalb in der Notaufnahme vorbei. Dort hieß es: «Wir sehen uns um 0:00 Uhr im OP» – es sollte eine Kniespiegelung gemacht werden.
Was daraus alles noch folgen würde, konnte niemand ahnen. Zum Arzt habe ich noch im Spaß gesagt: «Mach das gescheit, ich will morgen wieder arbeiten.» Schließlich war es nur ein kleiner Eingriff – ein paar Tage Ruhe, und dann ist alles wieder gut. Bei der Spiegelung kam dann auch nichts heraus. Es wurden Gewebeproben genommen, um eine Infektion auszuschließen, aber sie waren unauffällig.
34 Operationen
Zu Hause merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmt. Mein Puls und mein Blutdruck waren hoch, und das Atmen fiel mir schwer. Mein Hausarzt vermutete eine Blutvergiftung und schickte mich sofort zurück ins Krankenhaus. Damit begann die Odyssee.
Der Laborbefund deckte auf, was in meinem Knie wütete: Ein multiresistenter Krankenhauskeim, gegen den vier Antibiotikagruppen wirkungslos waren. Alle zwei bis drei Tage wurde ich operiert, da der Wundschlamm gewechselt werden musste, der die Sekrete ableitete. Nach einigen Monaten atmete ich etwas auf, meine Lage hatte sich stabilisiert und ich konnte endlich nach Hause. Doch mein Bein blieb weiterhin steif, mein Knie schwoll wieder an und die Schmerzen kamen zurück.
Ein halbes Jahr später landete ich wieder im Krankenhaus, diesmal aufgrund eines septischen Schocks – es drohte ein Multiorganversagen: akute Lebensgefahr! Dieser Kreislauf von Infektionen schien nicht zu enden, fast durchgängig nahm ich Antibiotika. All die Jahre habe ich eigentlich nur im Krankenhaus gelebt.
Der Keim und ich
Es muss ein Krankenhauskeim gewesen sein, denn vor der Kniespiegelung waren sie ja noch nicht da. Rechtlich dagegen vorgegangen bin ich aber nie. Ich kann zu niemandem sagen: «Du bist schuld.» Das will ich auch nicht, Fehler passieren. Was mich im Nachhinein wütend gemacht hat, war der Umgang damit. Es hieß sinngemäß: «Der Patient ist schuld, der bringt die Keime mit, tschüss, schönes Leben.»
Lange habe ich mich gefragt: Warum liege ich hier? Warum passiert mir das? Eine Antwort darauf bekam ich nie. Irgendwann hörte ich damit auf, weil mich die Frage so unglücklich machte. Manchmal ist die Antwort auf «Warum» einfach ein «Darum».
Amputation – warum eigentlich nicht?
Als ich über Social Media einen Freund kennenlernte, der kurz zuvor sein Bein verloren hatte, änderte sich meine Perspektive auf das Thema Amputation und ich erkannte, dass das die Lösung für mich sein könnte. Als ich das meinen Ärzten gegenüber ansprach, hörte ich Sätze wie «Lieber Stock als gar kein Bein» oder «Wenn du 80 wärst, würden wir amputieren». Meine Antwort war immer: Ich bin jung, ich will mein Leben leben.
Denn mittlerweile war ich zwar wieder zu Hause, aber verbrachte teilweise zwölf Stunden am Stück in der Badewanne, weil ich die Schmerzen sonst nicht aushielt. Was ist das für ein Leben? Ich war gefangen in meinem eigenen Körper.
Der Arzt, mit dem sich alles änderte
Ich kam eher per Zufall auf ihn, wegen einer anderen Sache. Doch er zeigte Interesse an meinem Bein, nahm sich Zeit und vereinbarte den Termin im Krankenhaus für mich. Er hat mich als Menschen gesehen und gesagt: «Du brauchst Hilfe, und ich helfe dir. Aber ich will, dass du eine Nacht darüber schläfst.» Er wollte mich nicht zu einer Entscheidung drängen.
Am 28. September 2021 wurde mein Bein amputiert und zu Weihnachten hielt ich zum ersten Mal meine Prothese in der Hand. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk überhaupt. Zum Glück hatte ich keine Probleme, direkt loszulaufen. Aber ich auch wollte sofort mehr, als die Prothese hergeben konnte. Ich dachte: Jetzt bin ich wieder am Leben, jetzt will ich alles auf einmal. Am besten morgen Marathon und Bungee Jumping.
Die Realität bremste mich schnell aus, so einfach war es eben doch nicht. Der schwierigste Teil ist der Schaft, in dem der Stumpf steckt. Er musste von einem Techniker zunächst mühsam angepasst werden, ich verbrachte viele Stunden dort, an einigen Tagen sogar bis Mitternacht.
Spüre ich mein Bein? Es gibt zwei Dinge, die ich klar voneinander trennen kann: Phantomschmerzen und Phantomgefühl. Das Phantomgefühl habe ich eigentlich immer, und ich mag es. Da ist ein Bein, das spüre ich, auch wenn ich mir das vorher nicht vorstellen konnte. Ich kann genau beschreiben, wo der kleine Zeh ist und wo die Fußsohle. Beim Laufen denke ich manchmal, ich spüre den Boden. Ob dieses Gefühl immer bleibt, weiß ich nicht, aber ich würde es mir wünschen.
Das Glück fand ich in mir

Ich glaube, ich verarbeite immer noch, was passiert ist. Es gibt Momente, in denen ich darüber nachdenke, aber eher im positiven Sinne, weil ich jetzt an einem Punkt bin, an dem es mir gut geht. Manchmal kommt es mir vor, als gäbe es zwei Personen: die Anna von damals und die von heute. Wenn ich zurückblicke, fühlt es sich an, als schaue ich einen Film. Ich weiß, dass es mir passiert ist. Aber ich begreife es nicht immer.
Heute ist mein Alltag unvorhersehbar, ich kann einfach nichts mehr planen. Ich weiß nie, wie es mir an dem Tag geht und wie die Prothese passt, denn daran hängt alles. Aber ich bin glücklicher denn je. Glück bedeutet für mich, frei zu sein und mich frei zu fühlen. Deswegen trägt mein Buch den Titel: «Komme, was wolle, ich gehe weiter.» Für mich bedeutet der Titel: Egal wie steinig es ist, man bekommt es irgendwie hin.
Früher habe ich mich ständig mit anderen verglichen. Mir fiel es schwer mich selbst zu akzeptieren. Mittlerweile konnte ich mich davon lösen und einfach ich selbst sein. Ich glaube, das ist das größte Glück: dass ich zu mir stehen kann.
Quelle: .



