Unsere Autorin wurde mit 40 Mutter. Mit 28 hätte ihr Körper die Schwangerschaft ganz bestimmt besser weggesteckt, sagt sie.
Als ich mit Ende 30 schwanger wurde, war ich «die Letzte» in meinem Umfeld. Um mich herum: enorm viele Babys und Kleinkinder. Ausreichend Gelegenheit bei Freundinnen und Schwägerinnen beobachtet zu haben: Hey, Schwangersein ist supereasy. Da wurde bis kurz vor Niederkunft mit vollem Elan gearbeitet, gereist und in die Disco gegangen. Und ich? Erkannte mich ab Tag 1 selbst nicht wieder.
Kleister im Gehirn
Zuerst kam die Müdigkeit, ich war unfassbar erschöpft, obwohl sich bis auf ein bisschen Zellteilung im Uterus ja gar nichts geändert hatte. So dachte ich zumindest damals. Heute weiß ich: Eine Schwangerschaft ist für den Körper auch im frühen Stadium schon Höchstleistungssport: die Hormonflut, die Unmengen neu gebildeten Blutes (das muss das Herz schließlich alles durchpumpen), ein ganz anderer Stoffwechsel … Und wie das mit Höchstleistungssport eben so ist: Die jüngeren Athletinnen sind meist leistungsfähiger. Bessere Regenerationsfähigkeit, besseres Herz-Kreislauf-System, besseres Bindegewebe und so weiter. Mein, zugegeben sehr unfitter, aber eben auch 38-jähriger Körper kam mit all diesen Veränderungen denkbar schlecht zurecht.
Leider gehöre ich zu allem Überfluss auch noch zur Generation «Das bisschen Fieber ist ja wohl kein Grund nicht zur Schule zu gehen» – uns wurde nicht unbedingt beigebracht, gut auf den eigenen Körper zu hören und sich auch einfach mal rauszunehmen. Nicht nur die tatsächlichen körperlichen Bedingungen, auch das Mindset war wohl ein anderes als das einer 28-Jährigen mit selbem Stichtag. Hochschwanger schleppte ich mich im Tiefschnee beim Weihnachtsurlaub noch Berge rauf, anstatt meinen Bauch und mich einfach guten Gewissens auf die Couch zu werfen. Im Nachhinein wirklich unfassbar bescheuert.
Apropos bescheuert: Irgendwann hatte ich das Gefühl, die Schwangerschaft habe meinen IQ mindestens halbiert. Es herrschte absoluter Brain Fog. Leere im Gehirn. Ziemlich ungünstig, wenn man einen kreativen Beruf hat, der jeden Tag 20 neue Ideen erfordert. Daran merkte ich es zuerst: Ich saß vor leeren Seiten und heulte, weil mir einfach nichts mehr einfallen wollte.
Noch deutlicher wurde es, als ich anfing, mich mit der Elterngeld-Bürokratie auseinanderzusetzen. Komplette Überforderung, ich verstand nur Bahnhof – egal wie sehr ich mich auch anstrengte, mein Gehirn war verklebt und ich konnte die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr erfassen. Lag bestimmt auch am Schlafmangel. Gut zu schlafen, gehörte im Leben vorher immer zu meinen absoluten Kernkompetenzen. Vorbei.
Wenn die Beine nachts Party machen
Und dann dieses Restless-Legs-Syndrom. Sobald ich mich – völlig erschöpft – endlich hinlegte, machten meine Beine Party. Sie kribbelten und drückten von innen, ließen mich nachts um drei rastlos durch die Wohnung tigern, Turnübungen machen – und komplett verzweifeln. Auch ein Heimtrainer, den mein Freund extra besorgte, half nullkommanull. Da war er plötzlich, der Bewegungsdrang, der mir als Sporthasserin immer gefehlt hatte. Nur eben ohne den Spaß daran.
Abgesehen davon, dass Restless Legs an sich nicht gut erforscht sind, und viele Ärzte damit nichts bis gar nichts anfangen können – am wenigsten meine Gynäkologin –, sind die einzig bekannten Mittel dagegen Medikamente gegen Parkinson oder Epilepsie. Oh, Wunder, die darf man als Schwangere selbstverständlich nicht nehmen. Magnesium, Eisen, Kalium, whatever – nichts half. Ich war gefangen in einem Teufelskreis aus Erschöpfung und diesem Keine-Ruhe-finden-Können, musste deshalb viel früher als gedacht aufhören zu arbeiten. Es ging einfach gar nichts mehr.
Spoiler: Am Ende stellte sich heraus, es war höchstwahrscheinlich der Zucker, dem ich in der Schwangerschaft sehr zugeneigt war. Die letzten acht Wochen vor dem Stichtag zog ich nämlich die sogenannte «Louwen-Diät» durch. Eine geburtsvorbereitende Ernährungsweise, die auf einen konstanten Blutzuckerspiegel abzielt. Und siehe da, der Verzicht auf Industriezucker, Brot, Nudeln, sogar auf Bananen und Ananas brachte endlich die späte Erlösung. Klar, das kann dir auch passieren, wenn du mit Mitte 20 schwanger bist – aber um bei der Party zu bleiben: Man steckt den Schlafmangel, der durch tanzende Beine entsteht, einfach besser weg, weil ein jüngerer Körper sich schneller und erfolgreicher regenerieren kann.
Finde deine Mitte
Ein oft zitierter Vorteil einer späten Schwanger- und Mutterschaft ist angeblich, dann über eine gewisse Gelassenheit zu verfügen. Kann ich nicht bestätigen. Viel eher wollte ich es als lebenserfahrene Frau (haha) ganz besonders richtig machen und tappte in die Falle der Überinformation. Kein Sushi? Geschenkt. Ich schaltete auf den nächsten Level des Potentielle-Keime-Game: Salat im Restaurant wurde gestrichen (unklar, wie gut der gewaschen wurde), ebenso wie der Schnittlauch auf der Baked Potato. Ich will das Risiko, sich ausgerechnet mit Baby im Bauch Toxmoplasmen einzufangen, nicht klein reden. Ich hätte mich damit einfach sehr gerne, ein kleines bisschen weniger verrückt gemacht.
Doch nicht nur meine innere Mitte, auch die meines Körpers geriet zunehmend aus dem Gleichgewicht. Klar, je runder der Bauch, desto weniger ist mit Bücken. Man entwickelt da bestimmte Techniken. Als recht groß gewachsener Mensch aus einer Familie mit Rückenproblemen, waren die Schmerzen im unteren Rücken nichts Besonderes für mich und völlig erträglich. Und natürlich ging ich zum Schwangerschaftsyoga, um etwas dagegen zu tun. Womit ich nicht rechnete: Wes sollte erst NACH der Schwangerschaft so richtig losgehen.
Die Geburt selbst verlief ohne Komplikationen. Nur mein Rücken sah das irgendwie anders. Obwohl ich brav jegliche Rückbildungsübungen exerzierte, blieb eine sogenannte Rektusdiastase übrig. Heißt: Die Bauchmuskeln, die seitlich auseinandergeschoben worden waren, um dem Baby Raum nach vorn zu geben, wollten ohne einen kleinen Menschen dazwischen nicht wieder zusammenfinden.
Mal ganz abgesehen von dem rein optischen «Problem», auch ein Jahr nach der Geburt immer noch so auszusehen, wie im sechsten Schwangerschaftsmonat – die Organe flutschen nämlich durch die Lücke und lassen den Bauch rund erscheinen – sind die Bauchmuskeln die direkten Gegenspieler zur Rückenmuskulatur. Ohne sie keine Stabilität. Ich konnte mich zweieinhalb Jahre nicht vornüberbeugen, ohne eine Hand am Bauch und eine am unteren Rücken zur Stütze. Die Alternative, in die Hocke zu gehen, war keine, denn ich kam nicht wieder hoch, weil meine Beine es nicht schafften. So zog ich mich verzweifelt an Supermarktregalen hoch (die günstigen Windeln sind ganz unten) und brauchte plötzlich diesen komischen Bügelgriff, um aus dem Auto zu kommen.
IQ halbiert, Alter verdoppelt
Kurzum: Ich fühlte mich wie eine 80-Jährige, wie eine gebrechliche 80-Jährige. Erst als ich nach über zwei Jahren wegen eines Burnouts (andere Geschichte) in einer psychosomatischen Reha-Klinik landete und jeden Tag mehrmals unter Anleitung sporteln konnte, näherte sich das Körpergefühl wieder meinem tatsächlichen Alter an. Niemals hätte ich vorher gedacht, dass das so wahnsinnig lange dauern würde! Es nagte ungemein an mir und ließ mich in eine körperliche und psychische Abwärtsspirale geraten, aus der ich ohne Hilfe nicht wieder herausgefunden hätte.
Und jetzt?
Meine Tochter ist nun vier und ich bin wieder in meinem 44-jährigen Körper angekommen. Er fühlt sich nicht mehr älter, aber auch nicht unbedingt jünger an. Langweilig wird es jedenfalls nicht mit ihm: Hallo, Perimenopause!
Mein neuestes Problem: Wenn der entzückend blond gelockte, aber sehr schwere und sehr harte Kinderkopf beim abendlichen Vorlesen an meiner Brust liegt, leide ich Höllenqualen, weil der Busen durch das hormonelle Feuerwerk dauerhaft spannt und schmerzt. Zum Glück lenken mich Tigerente, Pipi, Raupe Nimmersatt & Co. etwas davon ab.
Disclaimer: Mein Baby war ein Wunschkind. Ich habe diesen Text geschrieben, um zu zeigen, dass eine recht späte Schwangerschaft besondere körperliche Herausforderungen mit sich bringen kann. Nicht muss. So verschieden die wunderbaren Kinder, die dabei – im wahrsten Sinne – herauskommen, so unterschiedlich die Erfahrungen von werdenden Müttern jeden Alters. Dies sind meine – glücklicherweise ohne ernsthafte Komplikationen.
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