Schwanger mit 45, 47, 52? Bei Promis wirkt das oft mühelos. Die Realität sieht anders aus: Der Hamburger Reproduktionsmediziner Dr. Tim Cordes behandelt deshalb, wie viele seiner Kolleg:innen, keine Frauen ab 45 mehr – und gutem Grund:
BRIGITTE: Immer mehr Frauen bekommen ihr erstes Kind erst in ihren Vierzigern, und prominente Schwangere lassen das normal wirken. Ein gefährliches Vorbild?
Dr. Tim Cordes: Es gibt weder eine wissenschaftliche Begründung für die Altersgrenze von 40 noch eine pauschale medizinische Grenze. Mit dem 40. Geburtstag der Frau endet aber bei verheirateten Paaren der gesetzliche Anspruch auf Kostenbeteiligung.
Weil die Chancen dann schon zu schlecht sind?
Entscheidend sind neben dem Alter auch Vorerkrankungen, die Eizellreserve, die persönliche Situation und die weitere Familienplanung. Wir im Kinderwunschzentrum Altonaer Straße in Hamburg beraten Frauen bis 45 Jahre. Das heißt aber nicht, dass wir jede Behandlung empfehlen.
Warum ziehen Sie die Grenze bei 45?
Die 45 beschreibt unser Beratungsangebot, nicht eine gesetzliche Behandlungsgrenze. Wir besprechen offen, wie realistisch ein Kind ist und welche Risiken, Belastungen und Kosten dazukommen. Dann entscheiden wir gemeinsam. Grundlage sind die Daten des Deutschen IVF-Registers und des Deutschen Registers für Insemination. Bei eigenen Eizellen zählt deren altersabhängige Qualität, und Spendersamen gleicht das nicht aus.

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Welche Altersgrenze empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Reproduktionsmedizin e.V.? Gibt es einen Durchschnittswert aller Altersgrenzen deutscher Kinderwunsch-Kliniken?
Die aktuelle AWMF-S2k-Leitlinie 015-085 «Diagnostik und Therapie vor einer medizinisch assistierten Reproduktionsbehandlung» aus 2026 legt keine generelle obere Altersgrenze für eine IVF-/ICSI-Behandlung mit eigenen Eizellen fest. Sie empfiehlt eine altersabhängige Diagnostik und Beratung sowie eine individuelle medizinische Bewertung. Wichtige konkrete Empfehlungen zum Alter sind:
- Unter 35: Infertilitätsabklärung nach 12 Monaten
- Über 35: Abklärung nach 6 Monaten
- Über 40: Umgehende Vorstellung in reproduktionsmedizinischem Zentrum
- Über 40: Gezielte Aufklärung über erhöhte Schwangerschaftsrisiken.
Stimmt es, dass einige Kliniken ältere Frauen aus dem Grund ablehnen, um ihre Statistik nicht zu «versauen»?
Zentren legen unterschiedliche Altersgrenzen fest oder lehnen aus medizinischen Gründen ab. Daraus folgt nicht, dass sie ihre Statistik schönen wollen. Die Raten verschiedener Kliniken sind nicht immer vergleichbar, weil Alter und Voraussetzungen der Patientinnen verschieden sind.
Und Sie selbst? Lehnen Sie Frauen ab?
Ja, es gibt Situationen, in denen wir von einer Behandlung abraten. Ein gutes Kinderwunschzentrum zeigt auch seine Grenzen. Ziel ist eine informierte Entscheidung auf Basis realistischer Erfolgsaussichten und einer verantwortungsvollen Bewertung der gesundheitlichen Risiken.
Sie arbeiten eng mit der European Sperm Bank zusammen, um auch Solo-Müttern oder lesbischen Paaren ihren Kinderwunsch mithilfe von Spendersamen zu erfüllen. Was viele unterschätzen: Oft klappt eine künstliche Befruchtung nicht gleich beim ersten Mal, manchmal nie. Worauf kommt es an?
Im Deutschen Register für Insemination lag die Schwangerschaftsrate mit Spendersamen 2024 bei etwa 16 Prozent pro Insemination. Das ist ein Durchschnitt über alle Altersgruppen und bezieht sich auf bestätigte Schwangerschaften, nicht auf Geburten.
Bei jüngeren Frauen mit guten Voraussetzungen sind zunächst drei bis vier Inseminationen sinnvoll. Danach prüfen wir gemeinsam, ob weitere Versuche oder eine IVF besser sind. Bei höherem Alter kann eine IVF früher sinnvoll sein. Eine gezielte Diagnostik – Zyklus, Hormonstatus, Eileiterdurchgängigkeit – hilft, Versuche mit geringer Aussicht zu vermeiden.
Was kommt finanziell auf Frauen zu, die Spendersamen nutzen?
Eine Insemination kostet medizinisch etwa 250 bis 500 Euro. Dazu kommen Samen, Transport, gegebenenfalls Lagerung, Medikamente und Voruntersuchungen. Bei der European Sperm Bank kostet ein Samenhalm eines Spenders, der seine Identität offenlegt, 995 bis 1.150 Euro pro Halm (0,5 ml) plus Mehrwertsteuer. Keine gesetzliche Krankenkasse übernimmt diese Behandlung. Im Ausland gibt es oft Komplettpakete zu höheren Preisen, die nicht einmal die Voruntersuchungen enthalten.
Was gilt, wenn später ein zweites oder drittes Kind kommen soll?
Das Thema sollte früh angesprochen werden! Sollen die Kinder denselben Spender haben, kann es sinnvoll sein, zusätzliche Halme einzulagern, denn die Halme eines Spenders sind später vielleicht nicht mehr verfügbar. Der Samen im Depot sichert die Samenhalme des Spenders, aber nicht die Fruchtbarkeit der Frau. Deshalb sollte man je nach Alter und Eizellreserve auch eine Fruchtbarkeitsreserve besprechen. Bei einer IVF können mit einem Halm mehrere Eizellen befruchtet und eingefroren werden, womöglich für ein Geschwisterkind. Unbefruchtet eingefrorene Eizellen brauchen später erneut Spendersamen. Keines dieser Verfahren garantiert ein Kind.
Worauf sollten sich Frauen noch vorbereiten?
Ich empfehle eine psychosoziale Beratung. Dort geht es um Fragen wie: Wie erzähle ich meinem Kind, wie es entstanden ist? Welche Rolle spielen Spender und Halbgeschwister später? Wer unterstützt mich im Alltag, besonders als Alleinerziehende? Hier erhalten die Patientinnen von spezialisierten Beratenden Information, auf die man allein nicht kommt.
Man liest, die Spermienqualität sinke weltweit. Braucht bald jedes Paar Spendersamen?
Große Auswertungen zeigen tatsächlich weniger Spermien pro Milliliter. Das heißt aber nicht, dass Männer bald unfruchtbar sind. Auch bei deutlich eingeschränkter Qualität kann der Samen des Partners genügen. Spendersamen kommen infrage, wenn keine brauchbaren Spermien vorhanden sind oder genetische Risiken vermieden werden sollen. Viele Frauen, die Spendersamen nutzen, sind fruchtbar. Sie haben einfach entschieden, alleine ohne Partner Mutter zu werden – dass Frauen sich für diesen Weg entscheiden, wird immer häufiger.
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