Auf den Laufstegen tummeln sich aktuell so viele Models über 40 wie noch nie. Eigentlich ein gutes Signal, oder? Moderedakteurin Swolke Karberg nimmt den Trend unter die Lupe.
Werde ich nach meinem Alter gefragt, muss ich immer kurz überlegen. Irgendwann habe ich einfach aufgehört, mitzuzählen. Nicht aus Frust, sondern aus reiner Gleichgültigkeit. Was sagt diese Zahl schon über mich aus? 43. Das ist alt genug für die ersten Menopausen-Symptome und jung genug, um sich ab Mittwoch auf die Party am Samstag zu freuen. Dabei ist mir schon klar, dass ich nicht mehr zwanzig bin, ich muss nur kurz meine Bandscheiben fragen. Böse Zungen würden behaupten, ich ziehe mich trotzdem oft so an, als wolle ich als meine eigene Tochter durchgehen. Gut, die ist erst vier und steht auf Regenbogenglitzereinhornfarben – ganz so schlimm ist es nicht. Aber wie gesagt: Mein Alter ist mir herzlich egal und Mode ist schließlich für alle da.
Die Zeit ist jetzt
Genau das scheint auch im bislang vom Jugendwahn beherrschten Elfenbeinturm der Fashion-Welt angekommen zu sein: Auf den Laufstegen von Paris bis New York waren zuletzt mehr sogenannte «Bestager»-Models (offiziell sind das alle jenseits von 35) zu sehen als je zuvor. Allen voran: Chanel. Hier gaben sich auf dem Catwalk Models mit einem Altersunterschied von bis zu 40 Jahren die Klinke in die Hand. Eröffnet wurde das Defilee von der 50-jährigen Stephanie Cavalli. Im Interview mit der deutschen «Vogue» sagt sie: «Es ist schön, zu sehen, wie sich die Mentalität verändert hat, dass man einfach man selbst sein kann. Meine gleichaltrigen Kolleginnen und ich sagen immer, dass jetzt der beste Zeitpunkt ist, um 50 Jahre alt zu sein und als Model zu arbeiten.» Das sieht wahrscheinlich auch die legendäre Kate Moss so. Sie war mit 52 bei Gucci im rückenfreien Paillettenkleid das große Finale der Herbst/Winter-Show. Beide Frauen starteten ihre Model-Karriere in den 90er-Jahren im Teenageralter, zu einer Zeit also, in der man dafür vor allem sehr dünn und sehr jung sein musste. «Viele Marken wünschen sich aktuell ältere Models. Authentizität ist wichtiger geworden – zumal man ja ein Publikum mit dem nötigen Kleingeld ansprechen will», bestätigt die Casting-Direktorin Ute Müller, die etwa Models für Ludwig Beck auswählt, die Kehrtwende auch auf dem deutschen Markt.

© Kristy Sparow
Spreche ich allerdings mit meinen Freundinnen – alle zwischen 40 und 50 – zeigt sich schnell: Die Begeisterung über die «Frauen wie wir» verpufft leider direkt wieder. Klar, sie bieten uns vordergründig mehr Identifikationspotenzial als eine 16-Jährige (heute das Mindestalter, um auf den Laufsteg zu dürfen), erzeugen gleichzeitig aber auch einen enormen Druck. Sie sind einfach zu schön, zu gut in Form, irgendwie zu perfekt für ihr Alter. Für unser Alter. Eben doch nicht wie wir.
Unser Business ist nicht Hollywood
Cavallis Aussage beinhaltet da einen entscheidenden Punkt: Diese Frauen arbeiten als Model. Während wir im Büro die ersten Mails beantworten oder die Auslage im Laden sortieren, sind sie beim Pilates und bekommen danach ein Facial verpasst, denn das ist Teil ihres Jobs. Dessen Arbeitsauftrag es nun mal ist, überdurchschnittlich gut auszusehen. Unser Broterwerb erfordert ganz andere Kernkompetenzen. Wie meine Freundin Janina, eine in sich ruhende IT-Managerin, immer so schön sagt: «Hey, mein Business ist ja auch nicht Hollywood.» Das darf man nicht vergessen. Auch nicht, dass Vergleiche ein sicherer Weg sind, sich unglücklich zu machen.

© Stephane Cardinale
Apropos Hollywood: Im Filmgeschäft klagten Schauspielerinnen jahrzehntelang über fehlende Rollenangebote, sobald sie das «kritische» Alter von 35 überschritten hatten. Während ihre männlichen Kollegen auch jenseits der 50 noch als starke Helden oder als ebenso romantische wie virile Liebhaber besetzt wurden, blieben selbst für Oscar-Preisträgerinnen eher weniger schmeichelhafte Stereotype übrig. «Als ich 40 wurde, bot man mir innerhalb eines Jahres drei verschiedene Rollen als Hexe an. Und ich dachte: Oh, so wird das also laufen?», berichtete Meryl Streep einmal in einem Fernsehinterview. Heute, in ihren Siebzigern, spielt sie US-Präsidentinnen, Autorinnen und Chefredakteurinnen.
Die Wiedergeburt des Alters
Es weht von Mode bis Kino also ein neuer Wind durchs Showgeschäft. Die Sichtbarkeit älterer Frauen ist im Zeitgeist angekommen. Natürlich hat sich die Branche bereits einen packenden Namen für diesen Trend überlegt: «Age Renaissance». Die Wiedergeburt des Alters gilt als Gegenbewegung zu einem erneut, brisanter denn je entflammten Jugendwahn, der etwa Schauspielerin Demi Moore oder Mode-Designerin Vera Wang ergriffen hat. Sie – die eine 63, die andere 76 – verstören aktuell mit einem jugendlichen Aussehen, das so übertrieben ist, dass man es sich kaum angucken kann.

© Gareth Cattermole
Die vielleicht etwas «zu perfekt» aber doch natürlich gealterten Profi-Models verkörpern für mich auf jeden Fall ein deutlich stärkeres Bild der erwachsenen Frau. Bleibt also zu hoffen, dass sich Authentizität weiter durchsetzt und das Ganze am Ende nicht einfach nur ein weiterer Trend gewesen sein wird. Ich bleibe zuversichtlich und freue mich über jedes neue graue Haar, das mich dem Look von Model Kristen McMenamy näherbringt. Als ich sie mit ihren langen, silbergrauen Haaren auf dem Laufsteg von Tom Ford sah, dachte ich absolut neidfrei: Wie cool kann man mit 61 denn bitte aussehen?!
Quelle: Mode



