Nach Übergriff in Köln: Muss ich auf der Straße jetzt Angst vor Robotern haben?

In Köln hat ein humanoider Roboter eine 16-Jährige auf der Straße sexuell belästigt. Drohen uns Frauen nun auch noch Übergriffe durch Menschmaschinen? Das wollte ich von Robotik-Professorin Jana Jost wissen.

Ich habe Angst vor Hunden, Männern und Betrunkenen, sprich: vor Lebewesen, die sich nur schwer einschätzen lassen, und die mir theoretisch gefährlich werden könnten. 

Und jetzt? Gibt es auch noch Roboter, die die Straßen unsicher machen. So geschehen kürzlich in Köln, wo ein Dude mit Sonnenbrille und Goldkette (s. Foto) eine 16-Jährige sexuell belästigt haben soll. Er soll sie am Po berührt und «Stoßbewegungen gegen ihr Gesäß» gemacht haben. Er war 1,20 Meter groß, aus Kunststoff und Metall.

Belästigen Humanoide bald überall Frauen auf der Straße?

Deine blauen Augen ...: Prof. Jana Jost in ihrem Labor mit dem Humanoiden Ada
Deine blauen Augen …: Prof. Jana Jost in ihrem Labor mit dem Humanoiden Ada
© privat

Als ich diese News las, hatte ich sofort die Videos von chinesischen Kampfrobotern vor Augen. Als ich dann noch ergoogelte, dass der «Unitree R1 Air», der in Köln zum Einsatz kam, gerade mal 5.000 Euro kostet, bekam ich noch mehr Angst: Laufen demnächst lauter Humanoide durch die Gegend und begrapschen Frauen? Was, wenn mich so ein Roboter eines Tages auf dem Weg zum Supermarkt einfach über den Haufen rennt – oder angreift? 

Mit meinem Unbehagen an vermeintlich autonom agierenden Menschmaschinen bin ich offenbar nicht allein. Jana Jost ist Robotik-Professorin an der TU Hamburg und leitet dort das Institut für Technische Logistik. Am Telefon sagt sie, sie hätten bei Tests festgestellt, dass Menschen durchaus skeptisch sind, wenn ein Logistikroboter in den Bus einsteigt und sich neben den Kinderwagen stellt – und das, obwohl es sich dabei lediglich um einen Kasten auf Rädern handelt, der Post transportiert. Es gebe aber auch andere Reaktionen: «Manche Passanten helfen Lieferrobotern, wenn diese irgendwo feststecken, und reagieren fast schon fürsorglich.»

Die Verantwortung liegt beim Menschen, nicht beim Roboter – aber ist das eine gute Nachricht?

Zum Vorfall in Köln sagt die Expertin: «Roboter werden von Menschen gesteuert. Und genau dort liegt auch die Verantwortung, beim Menschen. Roboter tun, was wir von ihnen wollen.» Und weiter: 

«Der übergriffige Roboter in Köln war offenbar ein günstiges Exemplar, das händisch gesteuert wurde. In so einem Fall kommt es natürlich sehr darauf an, wer dahintersteckt und dieses System als Werkzeug missbraucht.»

Ähnlich wie mit KI könne man auch mit humanoiden Robotern Dinge tun, die man nicht tun sollte – aber immerhin können wir sie abschalten.

Jost vermutet, dass der Roboter genutzt wurde, um die Hemmschwelle der Jugendlichen herabzusetzen, die sich sonst nicht getraut hätten, sich dem Mädchen zu nähern. Hemmschwelle herabsetzen? Keine gute Nachricht, finde ich, das erinnert mich sofort an Alkohol und andere Substanzen. Doch Jost glaubt an Einzelfälle und hofft, dass solche Taten entsprechend bestraft werden, damit sie sich nicht wiederholen. Im aktuellen Fall wird gegen die Täter wegen des Verdachts der «Beleidigung auf sexueller Grundlage» ermittelt.

Bedrohung oder doch nur Gadget?

Allerdings wird die Technik langfristig günstiger werden, was bedeutet: Mehr und mehr Menschen werden sich so einen Roboter leisten können, den sie fernsteuern können. Werden wir uns also an ihre Gesellschaft im öffentlichen Raum gewöhnen müssen? Jost sagt dazu, dass Humanoide sich vor allem in der Industrie durchsetzen werden – und nicht auf der Straße, da es wirtschaftlich gesehen keinen Grund dafür gibt. 

«Es gibt bereits Lieferroboter in den Städten, die einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Aber warum sollte ein Humanoider das übernehmen? Das wäre viel zu energieineffizient und teuer und er könnte auch von Passanten sabotiert werden. Den kann man ja leicht behindern und dafür sorgen, dass er nicht weiterkommt.» 

Dies wiederum höre ich sehr gern.

Jost sieht keine Gefahr für unsere Sicherheit

Die Wissenschaftlerin betrachtet bei ihren Forschungen neben Chancen und Nutzen auch die Herausforderungen und potenziellen Bedrohungen der Technik. Eine Gefahr für unsere Sicherheit auf der Straße sieht sie nicht. «Ich denke, das ist vergleichbar mit dem Drohnen-Trend: Jeder hatte seine Hobby-Drohne und konnte plötzlich beim Nachbarn übers Grundstück oder über Schulhöfe fliegen und Daten aufnehmen. Das wurde dann aber regulatorisch wieder eingefangen.»

Wem wir jedoch langfristig auf der Straße begegnen könnten, seien Roboter bei Aufräumarbeiten oder bei der Müllentsorgung in Parks, wo es aufwendig ist, Personal hinzuschicken – ein Szenario wäre zum Beispiel, «dass ein kleiner Roboter mit Greifarm einen vollen Mülleimer durch einen leeren ersetzt.»

Was mich zu einem anderen wichtigen Thema bringt: Wer träumt nicht von einem freundlichen Humanoiden, der einem den Haushalt macht? Dies sei jedoch eher nicht absehbar. «Für die humanoide Robotik ist das die größte Herausforderung, weil jede Wohnung, jedes Haus einen anderen Teppich, andere Stufen, andere Geräte hat. Da gibt es sehr, sehr viel, was der Roboter lernen muss.» Das hätte zwar einen Mehrwert für unsere alternde Gesellschaft – doch diese Träume sind leider noch Schäume.

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