Naomi Osaka : Sie polarisiert mit extravagantem Outfit – und erweitert Grenzen

Naomi Osaka löst bei den French Open im auffälligen Designer-Kleid (mal wieder) eine Diskussion aus. Statt einer «Modenschau» zeigt uns die hitzige Debatte über «Traditionsbewusstsein» in Form von Fashion im Tennis eher, dass der Sport noch einiges aufzuholen hat.

Ungefähr 90 Minuten dauert ein durchschnittliches Match über zwei Gewinnsätze auf den Profitouren im Tennis. Doch in Paris sind es am ersten Tag der French Open die 20 Sekunden, die Spielerin Naomi Osaka vom Tunnel des Stade Roland-Garros bis zu den Bänken an der Seite des Platzes zurücklegt, über die alle sprechen. Der Grund: ihr Outfit. Denn die Japanerin glänzt zwar auch mit Tennis und gewinnt in zwei Sätzen gegen Laura Siegemund, doch ihr goldenes Kleid von Nike, das in der Pariser Sonne funkelt, glänzt mehr!

Tennisspielerin Naomi Osaka vereint Haute Couture und Sport

Naomi Osaka ist auf dem Center Court in Paris nicht zu übersehen. In einer eleganten, bodenlangen Robe aus schwarzem Korsett und einem dazu passenden, plissierten Rock – entworfen vom Schweizer Modedesigner Kevin Germanier – betritt sie den Sandplatz vor ihrem Erstrunden-Match. Darunter enthüllt sie wenig später ihr eigentliches Spiel-Outfit: ein gold-bronzefarbenes, glitzerndes Kleid mit Pailletten von Nike. Beim Zweitrunden-Match gegen Donna Vekic folgt der nächste Hingucker. Diesmal tauscht die ehemalige Weltnummer eins den schwarzen Rock gegen einen weißen und ergänzt noch mehr Glitzer. «Es ist sehr Couture», so Osaka nach der Partie über ihr Kleid. «Man kennt doch den Eiffelturm nachts, wenn er glitzert. Ein bisschen so komme ich mir darin vor». Ohne Frage, die Outfits sind echte Hingucker. Auf Instagram und TikTok gehen Fotos und Analysen ihrer Looks viral, das Spektakel wird als «Met Gala auf Sand» bezeichnet – und das Beste, was diesem Turnier seit Jahren passiert sei. Doch das sehen nicht alle so. Auch Stimmen, Osaka lenke vom Sport ab, werden laut. Eine alte Schallplatte, wenn es um die Profispielerin geht …

Die Japanerin nutzt Mode als Ausdrucksform. Für die traditionsbewusste Sportart Tennis ein Problem. 
Die Japanerin nutzt Mode als Ausdrucksform. Für die traditionsbewusste Sportart Tennis ein Problem.
© Tnani Badreddine

 

Nicht Naomi Osakas erstes Tennis mit kritischen Stimmen 

Jedes Mal, wenn Naomi Osaka einen großen Tennisplatz betritt, gleicht die Reaktion einem Schema. Ob es die maßgeschneiderte, von Quallen inspirierte Robe von Robert Wun bei den Australian Open 2026 ist, ihre funkelnden Labubu-Anhänger bei den US Open 2025 oder das opulente Nike-Kleid mit XL-Schleife in Grün beim gleichen Event 2024 – es folgt Empörung. Kritiker:innen nennen es geschmacklos, Tennis-Ultras behaupteten, es sei respektlos gegenüber der Geschichte und Tradition des Sports. Dazu sei gesagt: Wem der Stil nicht gefällt, valide; denn über Mode lässt sich bekanntlich streiten. Doch die Aufregung im Netz nimmt im Falle Naomi Osaka immer wieder auch eine sehr persönliche Wendung. Die Japanerin gilt als introvertierte Spielerin, die in der Vergangenheit bereits offen über Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit und Medienangst gesprochen hat. Wie ihre auffälligen Looks dazu passen, wollen nicht alle verstehen.

Naomi Osaka holt sich mit Mode ihre Stimme zurück

Die Japanerin ist der Typ Spielerin, die gerne untergeht. Die frühere Weltranglisten-Erste spielte in der Vergangenheit zwar bereits großartiges Tennis, tauchte zwischen Vor- und Rückhand-Performance als Persönlichkeit allerdings lieber unter. Die Öffentlichkeit liebt sie, als das schüchterne, stille Mädchen, das sich im Hintergrund hält. Dann kommt der Cut: 2021 zieht sich Naomi Osaka wegen psychischer Probleme aus dem Profisport zurück und erscheint erst drei Jahre später bei ihrem nächsten Match. Als neue Version ihrer selbst. Naomi 2.0 nutzt Mode als Ventil und Stabilisator, trifft mutigere (Mode-)Entscheidungen und spricht deutlich offener über psychische Probleme. Während sich Gegnerinnen wie Laura Siegemund über die weite Regelauslegung, die ihre neuen extravaganten Roben seitdem mit sich bringen, echauffieren und erklären, man sei nicht für eine «Modenschau» in Paris, mahnt Tennis-Legende Boris Becker den «Widerspruch» im Verhalten der 28-Jährigen an. 

«Einerseits möchte sie nicht so viel Druck aushalten, sie möchte nicht so sehr im Rampenlicht und in den Medien stehen, und dann kommt sie in so einem Outfit auf den Centre Court», so Becker bereits während der Australian Open im Januar 2026 gegenüber TNT Sports. Und wieso kann nicht beides gleichzeitig existieren und eine Frau, die mit Angstzuständen lebt, es dennoch schaffen, ihre Outfits als Kontrollinstrument über die eigene Geschichte zu nutzen – Herr Becker?

Mode-Offensive im Tennis: Teil der Etikette und dennoch verhasst

Mode und Tennis gehen seit Jahrhunderten Hand in Hand. Keine Sportart wird als so modisch-elitär klassifiziert wie das Rückschlagspiel. Schuld daran ist – aufgepasst, auch wer es nicht hören will – unter anderem das Bild, das sich der Sport selbst durch seine Regeln kreiert hat. In Wimbledon herrscht seit jeher, die «All White»-Regel. Wer in London nicht ganz in Weiß den Rasen betritt, wird von den traditionsbewussten Platzrichtern gnadenlos in den Senkel gestellt. Mode und das ikonische Turnier – enger verwoben als Bonnie und Clyde. Mit einem Unterschied: Die Tenniswelt ist durch ihre Historie im «Old Money»-Stil und damit im zurückhaltenden Chic daheim. Solange es um Traditionsbewusstsein geht, ist Mode fein. Mit lauten Entscheidungen und exzentrischen Figuren tut sich die Sportart hingegen schwer. Das elitäre Sportimage mit besonderen Röcken und Cardigans untermauern – erlaubt. Die Persönlichkeit einer Spielerin – schwierig.

Es glitzert und funkelt: Doch in der Debatte um die Outfits von Naomi Osaka geht es in der Essenz am wenigsten um ein glitzerndes Kleid. 
Es glitzert und funkelt: Doch in der Debatte um die Outfits von Naomi Osaka geht es in der Essenz am wenigsten um ein glitzerndes Kleid.
© Matthieu Mirville

Doch Naomi ist nicht die erste, die aneckt. Stichwort: Serena Williams. Sie sorgt bei den US Open 2018 mit einem maßgeschneiderten Nike-Tutu für einen Aufschrei, nachdem ihr Catsuit bei den French Open wenig zuvor verboten worden war. Dabei sind wir doch gar nicht im ultra-strengen Wimbledon! Besagter Catsuit war übrigens gar nicht nur aus modischem Interesse gewählt, sondern speziell angefertigt worden, um ihre Durchblutung zu verbessern und Thrombosen zu verhindern, an denen sie nach der Geburt ihrer Tochter litt. Grund genug, die Mode-Entscheidung zu akzeptieren, war das allerdings wohl nicht. Stattdessen muss Serena Williams 2018 bei den French Open einen regelrechten Kampf gegen den französischen Tennisverband FFT austragen, weil sie gesundheitsbedingt in dem Ganzkörper-Kompressionsanzug – der eventuell auch etwas Stylisches hatte – antritt. Der Tennisverband verkündet danach, der Sport und der Platz müssten «respektiert» werden. Der Respekt vor dem menschlichen Körper wurde mal eben außer Acht gelassen. Vom rein stylischen Tutu, das am «Traditionsbewusstsein» kratzt, muss man da wohl gar nicht sprechen.

Mode wird nach wie vor als Oberflächlichkeit abgestempelt

Am Ende stört an der wiederkehrenden Kritik der Tennisoutfits großartiger Spielerinnen vor allem eines: Dass Frauen für Mode-Entscheidungen außerhalb der Tennisnorm am Ende des Matches immer noch gerne Oberflächlichkeit vorgeworfen wird. Sollte Williams nicht lieber ein Turnier aussetzen, anstatt mit ihrem Catsuit die Aufmerksamkeit (notgedrungen) zu shiften, und Osaka nicht lieber trainieren, als wie der Eiffelturm zu glitzern? Und ist es nicht schade, wenn mehr über ein Outfit als über eine Leistung gesprochen wird? Solche Fragen liegen nach dem medialen Hype rund um Naomis Glitzerkleid vielleicht nahe, verfehlen aber das Kernthema. Leistung lässt sich nämlich nicht durch Optik aushebeln. Wir kommen viel weniger umhin, uns zu fragen: Wer will 2026 brillante, aber austauschbare Talente, wenn man Charaktere, mit präsenter Geschichte feiern kann? Osaka und Williams gehören seit jeher zu den wenigen Spielerinnen, die Mode konsequent als Kunstform begreifen, die ihr Spiel ergänzt, nicht minimiert.

Naomi Osaka sorgt für Tiefe in ihrer Sportart – und regt zum Nachdenken an 

Zurück zu Osaka in Paris: Was oftmals als oberflächlich und aufmerksamkeitsheischend aufgenommen wird, zeigt eigentlich ziemlich viel Tiefe. Die Japanerin betont in Interviews immer wieder, dass ihre extravagante Kleidung – die sie selbst mitentwickelt – sie besser mache, ihr Kraft gebe und ihre «Superpower» sei. «Ich kann durch meine Kleidung sprechen. Das bedeutet, dass ich mit Farben, Mustern oder Stoffen so ausdrucksstark sein kann, wie ich will», so die Tennisspielerin auf einer Pressekonferenz im Rahmen der French Open. Ja! Denn offen gesagt: Die Vorstellung, dass introvertierte Menschen keine auffällige Kleidung tragen können, ohne «fake» zu sein, ist ziemlich ermüdend. Anstatt diese als Hilferuf nach Aufmerksamkeit zu deuten, fühlt sich die modebewusste Tennis-Ära, ausgelöst durch Osaka, so an, als würde Naomi ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen. In Sportarten wie Eiskunstlauf ist der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit durch das Outfit bereits gang und gäbe. Und solange es Gegner:innen im aktiven Wettbewerb nicht behindert … Mit ihren maßgeschneiderten Outfits zeigt die 28-Jährige dem notorisch rigiden Sport, dass sie ihren eigenen Weg geht. Sie hat die schüchterne Teenager-Persona hinter sich gelassen. Man – in dem Fall Naomi Osaka – kann nämlich tatsächlich gleichzeitig erfolgreich sein und modisch Gesicht zeigen. Willkommen im Jahr 2026, liebe Traditionalist:innen. 

 

Quelle: Mode

📰 Quelle: Mode

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert