Papa ohne Rechte: Sven ist der Vater, entscheiden dürfen allein die Mütter

Sven wollte schon als Kind Papa werden. Als schwuler Mann wusste er jedoch: Sein Weg zum eigenen Kind würde anders aussehen. Über Familyship lernte er schließlich ein lesbisches Paar kennen. Heute haben sie einen gemeinsamen Sohn. Über einen Kinderwunsch, der anders in Erfüllung ging als gedacht – und eine Vaterrolle, in die man hineinwächst.

BRIGITTE: Sven, wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du Vater werden möchtest?

Sven: Den Wunsch nach einem Kind hatte ich eigentlich schon immer. Schon als Kind habe ich gedacht: Ich möchte auch mal Papa sein. Gleichzeitig wusste ich immer, dass ich schwul bin und dass es deshalb schwieriger werden könnte.

Was hast du getan, als du wusstest: Jetzt bin ich bereit für diesen Schritt?

Ich habe viel gesucht und war auf unterschiedlichen Kinderwunsch-Plattformen registriert. Bei Familyship hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Ich fand es auch sympathisch, dass die beiden Gründerinnen die Plattform selbst aufgebaut haben. Ich bin bis heute dort registriert, weil ich über ein zweites Kind nachdenke.

Und warum Co-Parenting?

Für mich war das die passendste Lösung. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit den Müttern meines Sohnes und meinem Freund unter einem Dach zu leben. Ich habe mein Leben mit meinem Freund hier bei mir. Und mein Sohn wohnt bei seinen Müttern. 

Was würdest du dir anders wünschen?

Die Entfernung ist ein bisschen schwierig: Wir wohnen fast 90 Kilometer auseinander. Aber grundsätzlich funktioniert es.

Hattest du eine Art Checkliste für die Suche nach der passenden Mutter?

Natürlich, will ich, dass mein Kind in guten Verhältnissen aufwächst. Auch Bildung war mir wichtig. Die biologische Mutter meines Sohnes ist Logopädin. Dann habe ich einfach auf mein Bauchgefühl vertraut. Ich hatte mehrere Paare kennengelernt, aber da ist der Funke nie richtig übergesprungen. Bei den Müttern meines Sohnes hingegen sofort.

Wie hat sich die Suche angefühlt?

Schon ein bisschen komisch. Du gibst deine ganzen Daten ein und suchst dann nach Menschen, mit denen du ein Kind bekommen könntest. Das ist schon speziell. Ich dachte: «Normale» Leute verlieben sich, bekommen ein Kind und dann ist die Familie da. Bei einem Regenbogenfamilien-Modell läuft es etwas anders. 

Dann hast du das lesbische Paar kennengelernt, mit dem du heute einen Sohn hast. 

Die beiden hatten gerade ein Doppelhaus gekauft, mit riesigem Garten. Als ich ankam, waren sie total aufgedreht, haben erzählt, was sie alles dort machen wollen, und eine hat noch schnell etwas gebacken. Wir waren dann im Garten und haben uns kennengelernt. Ich fand die beiden von Anfang an genial.

Wie ging es weiter?

Beim zweiten Treffen haben wir tatsächlich direkt versucht, ein Kind zu zeugen. Drei Tage hintereinander haben wir die Bechermethode angewendet – und zwei Wochen später war sie schwanger. Das ging total reibungslos. Bei ihrer Frau versuchen wir es jetzt seit eineinhalb Jahren. Bisher hat es leider nicht funktioniert. Jetzt wurden ihr Eizellen entnommen, die befruchtet werden sollen. Mal schauen, ob es diesmal klappt.

Was musstet ihr klären, bevor ihr euch für ein Kind entschieden habt?

Wir haben relativ schnell gemerkt, dass es passt. Für meinen Sohn haben wir dann einen schriftlichen Vertrag aufgesetzt. Darin haben wir verschiedene Dinge geregelt, zum Beispiel die Erziehung und unser Verhältnis. Auch, dass mein Sohn später Papa zu mir sagen darf. Ich bin allerdings momentan einfach zu selten da. Deswegen sehe ich mich in der Onkel-Rolle. Ich sehe ihn ungefähr einmal, manchmal zweimal im Monat.

Ihr habt auch die rechtliche Seite geregelt?

Kurz vor der Geburt haben wir beim Notar das Sorgerecht geklärt. Ich habe mein Sorgerecht abgegeben und der Frau der Mutter meines Sohnes ermöglicht, ihn zu adoptieren. Damit bin ich rechtlich raus. Ich kann Papa sein und Zeit mit ihm verbringen, habe aber keine Entscheidungsgewalt.

Das war allerdings gar nicht so einfach. Wir mussten erst einmal einen Notar finden, der sich mit diesem Familienmodell auskennt.

Wie hast du erfahren, dass du Vater bist?

Das war auf der Arbeit. Ich arbeite im Einzelhandel, und Anfang des Jahres war gerade nicht so viel los. Plötzlich hat mein Handy vibriert: «Dein Sohn ist da.» Ich dachte nur: Voll cool. Ich habe das aber gar nicht richtig realisiert und erst einmal weitergearbeitet. Später bin ich zu ihnen gefahren. Da saßen sie mit dem kleinen Würmchen. 

Wie alt ist er heute?

Mittlerweile ist er zweieinhalb und echt lebhaft. Vor allem frech. Wenn er keinen Hunger mehr hat, hält er zum Beispiel sein Essen über das Stühlchen und lässt es provokant fallen. Dann guckt er mich an, als würde er sagen: «Na, was willst du jetzt machen?» Das ist schon ziemlich lustig.

Wie sieht euer Familienalltag heute aus?

Die Entfernung macht es nicht ganz einfach. Der Kleine ist momentan bei einer Tagesmutter. Ich habe hier mein Büro, einen Job und eine Selbstständigkeit. Ich kann also nicht einfach spontan hochfahren. Samstags arbeite ich meistens, mittwochs und sonntags habe ich frei. Wenn es passt, fahre ich.

Mal schauen, wie es wird, wenn er in die Schule kommt. Ich habe ja kein Sorgerecht und damit auch nicht automatisch die Möglichkeit, mit ihm Urlaub zu machen. Da haben die Mütter Vorrang.

Wie hat dein Umfeld auf eure Familiengründung reagiert?

Meine Freunde fanden das super, die haben mich total unterstützt. Meine Familie war eher schockiert. Obwohl ich mich schon mehrfach geoutet habe, hängen meine Mutter, mein Vater und meine Tante gefühlt noch in den Achtzigern fest. Sie denken: Da gibt es eine Frau, einen Mann und ein Kind – und so läuft das Leben. Also ja, es gab schon den einen oder anderen, der die Augen gerollt hat. Das fand ich schade. Aber letztlich ist das deren Problem.

Was hat dich am Vatersein am meisten überrascht?

Vor der Geburt dachte ich: Na gut, du siehst ihn halt manchmal und gut ist. Aber mittlerweile macht es mir immer mehr Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen. Die Bindung ist auf jeden Fall da. Wenn er mich sieht, ist er happy, will mir seine Autos und Spielsachen zeigen. Gestern musste er eigentlich schon längst ins Bett, war aber so aufgeregt, weil ich da war, dass er immer weitergetobt hat. Irgendwann war er todmüde.

Was wünschst du dir im Hinblick auf eure Beziehung?

Ich würde mir schon wünschen, mehr Zeit mit ihm zu haben. Aber im Moment ist das wegen der Entfernung und meiner Arbeit schwierig.

Wie erleben andere Menschen euer Familienmodell?

Das ist noch nicht bei allen angekommen. Die Mütter meines Sohnes wurden schon beim Einkaufen mit dem Kind blöd angemacht, weil sie zwei Frauen sind. Da merkt man, wie festgefahren manche Vorstellungen von Familie noch sind. Aber es gibt auch nette Menschen, zum Beispiel ältere Frauen, die sagen, wie schön sie das finden. Es ist gemischt.

Du denkst sogar über ein zweites Kind nach. Wie könnte es weitergehen?

Eigentlich war geplant, dass die Frau der Mutter meines Sohnes auch von mir schwanger wird. Das hat bisher aber nicht funktioniert. Deshalb überlegen wir inzwischen, ob eine Adoption infrage kommt. Ich würde mir ein zweites Kind auf jeden Fall wünschen. Wir müssen nur schauen, welches Modell für alle funktioniert.

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