Drei Mode-Expertinnen erzählen, wie sie ihren Stil gefunden haben – und was sie anderen Frauen ans Herz legen.
Wer einen Beweis dafür braucht, wie Frauen sich gegenseitig fördern, hätte an einem sonnigen Dienstagmorgen in einem Hinterhof in Hamburg-Eimsbüttel dabei sein sollen. Zum Gespräch mit BRIGITTE treffen sich hier drei Frauen, die stilmäßig nicht unterschiedlicher sein könnten. Gina Drewalowski trägt unter ihrem Mantel ein sehr kurzes Spitzenkleid und tauscht direkt die warmen Stiefel gegen 12-cm-Pumps. Bärbel Recktenwald erscheint in Latzhose und mit Hund Fritz. Kerstin Geffert swingt da bereits zur Musik von Nick Cave, ihrem Lieblingssänger, im Designer-Outfit. Die drei haben sich vorher noch nie getroffen, begrüßen sich aber herzlich. Gina hat für alle Granola gebacken. Sofort wird wild drauflosgeplaudert. Denn was alle verbindet – sei es in den sozialen Medien oder in der realen Welt: Sie wollen inspirieren, beraten, begeistern. Und so anderen Frauen zu mehr Selbstbewusstsein im Bereich Mode verhelfen. Es wird viel gelacht, Adressen werden ausgetauscht, und am Ende des mehr als vierstündigen Termins gibt Gina Drewalowski ihrer neuen Freundin Bärbel noch Tipps, wie sie ihr Business vorantreiben kann.

© Jan Rickers
Als wir uns verabredet haben, bat ich darum, dass jede von Ihnen heute ein Outfit trägt, das der eigenen Persönlichkeit maximal entspricht …
GIna Drewalowski: Das war ein ganz spontaner Griff in den Schrank – dieses Spitzenkleid bin total ich. Schokobraun ist sowieso genau meins, und der Lederblazer macht den ganzen Look rockiger. Und dann sind natürlich High Heels bei mir wichtig, da sie meine Beine betonen. Die stelle ich gern in den Fokus. Aber es geht mir nicht nur darum, gut auszusehen, sondern vor allem, mich wohlzufühlen.

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Bärbel Recktenwald: Genau das predige ich auch meinen Kundinnen. Am Ende geht’s immer darum, sich wohlzufühlen. Deshalb habe ich heute eine Latzhose an. Das ist immer schon mein Ding gewesen, ob es modern war oder nicht. Ich habe da so viel Häme bekommen, aber das ist egal. Ich bin eben eine Handwerkertochter und hätte schon immer die Nachfolgerin von Peter Lustig sein können.

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Kerstin Geffert: Bei mir ist es eigentlich total erstaunlich, dass ich nichts Selbstgestricktes angezogen habe. Normalerweise mixe ich sehr günstige Sachen vom Flohmarkt mit Selbstgestricktem und Designer-Teilen. Heute ist es, ehrlich gesagt, nur Letzteres geworden. Aber auch bei mir steht das gute Gefühl im Mittelpunkt. Da hilft mir das rote Kaschmir-Shirt total. Es betont meine schlanken Arme, und die Farbe tut auch etwas für mich.

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Spannend, dass das Wohlfühlen bei jeder im Mittelpunkt steht und das, obwohl Sie alle einen sehr speziellen Stil haben. Ist das eine Inspiration, die Sie Ihren Kundinnen und Userinnen mitgeben wollen?
Drewalowski: Absolut. Mir ist es wichtig, zu erklären, dass es wirklich hilft, seinen Stil gefunden zu haben. Dann ist auch die Suche im Kleiderschrank gar nicht mehr kompliziert. Ich würde sogar behaupten, den kleinsten Kleiderschrank der Welt zu haben.
Wie groß ist der denn?
Drewalowski: Sechs Meter, aber doppelstöckig. (alle lachen)
Recktenwald: Sortierst du auch aus?
Drewalowski: Ganz extrem. Das ist auch ein Beispiel für die Klarheit, die ich habe. Ich weiß eigentlich immer genau, was ich anziehe und wer ich bin. Es geht sehr, sehr schnell. Anziehen ist für mich überhaupt kein Stress.
Diese Klarheit wollen Sie ja auch für Ihre Kundinnen …
Recktenwald: Ja, das hilft! Vor allen Dingen, wenn man sich unsicher ist. Ich gehe mit der jeweiligen Kundin die Outfits durch, die ihr gefallen. Ziel muss sein, dass sie eine Auswahl im Schrank hat, mit der sie sicher sein kann, darin immer sie selbst zu sein.
Ist Ihr Schrank denn auch aufgeräumt?
Recktenwald: Nein, gar nicht.
Wie findet man nun seinen Stil?
Geffert: Es war ein ständiges Ausprobieren, über viele Jahrzehnte. Ich habe es aber nie als Problem empfunden, mich mit Mode auseinanderzusetzen. Im Gegenteil. Und eigentlich habe ich erst in den letzten Jahren ein Gefühl dafür bekommen, wer ich bin, wie ich mich zeigen möchte – wie ich mich darstelle. Ich kann gar nicht sagen, was mein Stil wirklich ist. Mir gefallen sehr viele Dinge. Was ich nur mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich kein Boho-Girl bin. Das habe ich jetzt zur Genüge getestet. Ich mag Herrenanzüge, was aber nicht heißt, dass ich am nächsten Tag nicht vielleicht ein ganz kurzes Kleid anziehe. Das ist wirklich unterschiedlich. Mein Kleiderschrank ist übrigens auch sehr groß und tipptop durchorganisiert. Ich habe sogar meine Socken nach Farben sortiert. Ich bin super, super spießig und ordentlich, was das angeht.
Wie schaffen Sie es, Ihrem Stil treu zu bleiben – und gleichzeitig aktuelle Trends mitzumachen?
Drewalowski: Seinen Stil zu finden heißt, dass man weiß, wer man ist. Ich weiß einfach: Ich bin classy und pur, ich mag keine bunten Farben. Und das mixe ich mit Modischem. Aber du merkst es ja auch sofort, wenn du etwas anziehst und es irgendwie nicht mehr zeitgemäß wirkt. Und, wir müssen ehrlich sein: Der Körper verändert sich. Das muss man akzeptieren.

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Recktenwald: Mode muss man ver- und ertragen können. Damit meine ich, sich selbst zu fragen, wie viel Mut man hat. Wer einen großen Hintern oder eine große Oberweite hat, kann gut Wickelkleider tragen. Dabei bleibt man dann und probiert nicht tausend andere Schnitte aus, nur um Trends mitzumachen.
Geffert: Ich glaube, es ist sehr wichtig, auf die Silhouette zu achten. Manches fühlt sich dann einfach nicht mehr richtig an. Ich bin beispielsweise mit Baggy-Jeans durch, mag jetzt lieber schmale Hosen.
Nun müssen wir doch einmal über das Alter sprechen. Einerseits heißt es, das sei total egal. Andererseits hat heute Morgen eine Freundin zu mir gesagt: «Alles Quatsch – mich nervt es, dass ich 60 bin.»
Drewalowski: Ich merke in meinem Umfeld, dass Frauen, die eigentlich alles haben, unzufrieden sind. Weil ihr Körper plötzlich anders funktioniert, ihr Mann aber sagt, sie dürfen keine Hormone nehmen oder vielleicht mal Botox probieren. Ich glaube einfach, dass das Alter dein Mindset ändert. Und diese Frauen können wir wachrütteln – ich rufe sie auf, auf sich zu hören und etwas für sich zu tun. Denn wir haben es selbst in der Hand. Nur weil die Kinder aus dem Haus sind, ist das Leben ja nicht vorbei.
Geffert: Was in diesem Zusammenhang total wichtig ist, ist das Stichwort Unabhängigkeit. Mein Mann sagt auch dieses und jenes. Manchmal höre ich darauf, manchmal nicht. Aber eigentlich weiß er, dass er mir gar nichts sagen muss, weil ich sowieso mache, was ich will. Und genau damit geht eben die Unabhängigkeit einher. Ich will ihn nicht fragen müssen, was ich mir kaufen kann.
Drewalowski: Ich wusste immer, ich brauche meine eigene Kohle. Ich konnte mit 16 auf gar keinen Fall meinen Vater fragen, ob ich diese Britannia-Jeans bekomme, weil klar war, dass ich eine günstigere haben sollte.
Recktenwald: Deshalb habe ich auch immer nebenbei gearbeitet. Meine Mutter hat mir gesagt, dass sie meine Mode nicht bezahlt. Ich war zu Hause immer die Jüngste, und ich glaube, deswegen bin ich so ein bunter Hund geworden. Ich wollte alles selbst machen, habe schon mit neun Jahren angefangen, meine eigenen Klamotten zu nähen, trug am liebsten Knallorange, und in den Achtzigern waren drei Schulterpolster gerade genug. In der Schule haben sie über meine Karottenhosen gelacht – und ein Jahr später trugen sie alle. Ich bin heute noch der Meinung, dass ich Legwarmer erfunden habe.
Bei Social Media gibt es dagegen hauptsächlich Zuspruch?
Geffert: Stimmt. Ich bekomme eigentlich gar keine negativen Kommentare. Aber warum ist das so?
Drewalowski: Weil wir authentisch sind und uns nicht verstellen.
Geffert: Und es uns Spaß macht! Manchmal sehe ich Trends, die eigentlich gar nicht zu mir passen. Dann liebe ich es, so lange zu überlegen, wie ich diesen Stil drehe, dass er doch zu mir passt. Vielleicht kann ich andere damit ermutigen, es auch auszuprobieren. Und freue mich natürlich, dass das so gut ankommt.
Quelle: Mode



