Vor 70 Jahren erschien die erste «Bravo» und wurde für mehrere Generationen zum wichtigsten Erziehungsratgeber. Ob Sex, Drogen oder der richtige Musikgeschmack: Unsere Autorin, Baujahr 1985, vertraute dem Heft mehr als ihren Eltern.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, sie erscheint immer noch, allerdings nicht mehr wöchentlich, wie noch zu meiner Lesezeit Mitte der Neunziger, sondern nur noch monatlich. Denn, klar, heute prägt vor allem TikTok deutsche Teenies.
Ganz anders war das noch Mitte der 90er, als ich jeden Donnerstag darauf hinfieberte, mir in dem Tante-Emma-Laden in unserem Dorf die neueste «Bravo» zu kaufen. Damals noch für 2,30 DM. Mein Tor zur Welt der Stars, der sexuell Aktiven, der cool Angezogenen.
Mit der ersten «Bravo» öffnet sich die Büchse der Pandora
Auf dem Cover meiner ersten «Bravo» waren die Rednex abgebildet. «Cotton Eye Joe» lief in jenem Sommer rauf und runter. Mein Onkel aus Mannheim kam zu Besuch und brachte mir das Magazin als «Mitbringsel» mit. Zum großen Entsetzen meiner Mutter, die natürlich genau wusste, welche Büchse der Pandora (aka Sex) nun geöffnet werden würde. An jenem Nachmittag und allen darauf folgenden Donnerstagen zwischen 1994 und 1996 erfuhr ich so einiges über das Leben, von dem ich bisher nichts geahnt hatte. Vieles davon prägt mich bis heute:
1. Der durchschnittliche deutsche Teenager hat mit 16 sein erstes Mal (ja, Sex!). Diese Zahl ließ mich meine gesamte Jugend nicht mehr los. Ständig schaute ich panisch auf den Kalender und fürchtete, als komplette Loserin und ewige Jungfrau zu enden.
2. Das erste Mal ist nur dann perfekt, wenn du um das ganze Bett herum Teelichter aufstellst und Rosenblüten verteilst. Ich tat Jahre später, wie mir geheißen, – mit dem Ergebnis, dass die Bettdecke im Eifer des Gefechts in Flammen aufging. Mein damaliger Freund trägt bis heute eine Narbe von seinen panischen Löschversuchen.
3. Man kann gar nicht dünn genug sein und am besten fängt man schon als Drittklässlerin mit der ersten Diät und ausreichend Sport an. In der «Bravo» stieß ich auf die tägliche Fitnessroutine des muskelbepackten Schmusesängers Peter André («Mysterious Girl») und stemmte meine alte Schreibmaschine als Gewicht in meinem Kinderzimmer. Völlig bescheuert!
4. Die meisten Menschen haben einen peinlichen Musikgeschmack. Wenn ich schon das Wort «niedlicher Mädchenschwarm» las, wurde mir übel. Aber davon lebte die «Bravo». Tapfer quälte ich mich jede Woche durch seitenlange Geschichten über die Backstreet Boys, Gil Ofarim oder N’Sync, die ich schon aus Prinzip ablehnte. Entschädigt wurde ich weiter hinten im Heft durch spannende Konzertberichte über Bands wie Marilyn Manson, The Prodigy oder The Verve. Sie schienen anders zu sein und wütend, und das fand ich cool. Bloß aufgrund dieser Berichte kaufte ich mir bei Karstadt in der Plattenabteilung ihre «Maxis» und beschäftigte mich mit Grunge, Metal und Co. Das berührte mich schon als Kind mehr als der Einheitsbrei aus den Charts oder Rolf Zuckowski, den sie uns immer noch in der Schule vorspielten.
5. Manchmal ist freiwillige Selbstkontrolle nötig: Bis heute habe ich nicht verstanden, was Menschen dazu bewegen könnte, sich freiwillig splitterfasernackt für die «Bravo» auszuziehen. Traditionell klebte ich diese Seite mit Prittstift zu, um diesen Anblick nicht ertragen zu müssen.
6. Zwei Jahre «Bravo» lesen (von neun bis elf) genügte, um alle relevanten Basics über Liebe, Sex und Zärtlichkeit zu lernen. Bis heute zitiere ich gerne dieses Wissen. Klassiker: «Nein, vorher rausziehen ist KEINE sichere Verhütungsmethode, weil bereits im «Lusttropfen» Spermien enthalten sein können.» Übrigens sollte ich Jahre später selbst mal als Sex-Kolumnistin arbeiten …
7. Nimm bloß keine Drogen! Die dramatischen Reportagen über unschuldige Jugendliche, die nach dem Konsum einer einzigen Ecstasy-Tablette qualvoll verstarben, haben sich in mein Gehirn eingebrannt. Niemals würde ich es wagen, so eine Todespille zu schmeißen!
8. Durch die «Bravo»-Reportagen lernte ich eine Menge über Tierquälerei, die Tatsache, dass einige Leute es offenbar toll finden, Benzin oder Klebstoff zu schnüffeln und wie gefährlich das ist, und dass es gewaltbereite Mädchengangs gibt, die anderen Jugendlichen abziehen, zusammenschlagen und Zigaretten auf dem Arm ausdrücken. Damit war ich vorbereitet auf das echte Leben. Schon damals verfestigte sich mein Wunsch, einmal selbst solche Reportagen zu schreiben.
9. Nachhaltig denken: Die Tapete in meinem Kinderzimmer zierte kleine Elefanten. Peinlich! Gut, dass es in der «Bravo» immer reichlich Poster gab, mit denen ich die Wände neu dekorieren konnte. Photoshop war damals offenbar noch kein Ding – mich ärgerte, wie müde und verquollen viele Stars auf ihren XXL-Postern dreinblickten.
10. Ohne Moos nix los: Über die Mode-Doppelseite ärgerte ich mich damals immer maßlos, weil die coolen Teile von z.B. Kookai für mich unerschwinglich waren. Dafür gabs regelmäßig Fake-Piercings und Tattoos als «Extras». Das reichte, um in meinem Dorf aufzufallen.
Von der «Bravo» verabschiedete ich mich bereits mit elf, wechselte zur «Bravo Girl» und fing schließlich mit Anfang 20 an, selbst für Magazine zu schreiben und mit meinen Geschichten fortan ein wenig dazu beizutragen, was einige Leserinnen interessiert und bewegt. Hier schließt sich der Kreis. Danke, «Bravo».
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