«Dass du dich das traust!» Den Satz hört Roswitha Münchbach oft, wenn sie bei einer Tanz-Performance mal wieder oben ohne auftritt. Doch mit 75 ist sie mit ihrem Körper endlich im Reinen.
Man spricht heute viel selbstverständlicher über den Körper als in meiner Jugend. Mit meinen Freundinnen war alles, was ihn anbelangt, damals kaum Thema. Unzufrieden war ich trotzdem. Ich hatte eine indifferente Figur ohne Busen und Po, im Vergleich zu meinen Freundinnen empfand ich mich überhaupt nicht als schön oder weiblich. Zudem kam ich aus einer armen Familie mit einer alleinerziehenden Mutter, hatte darum keine netten, neuen Kleider und musste auch noch eine Brille tragen. Ich kam mir vor wie das hässliche Entlein.
Später, so mit 30, fand ich mich ansehnlicher. Für eine bestimmte Zeit war es mir extrem wichtig, was Männer von mir halten. Gefällt ihnen meine Figur, wenn ich dies oder jenes trage, meine Haare lang oder kurz sind? Was für ein Stress!
Seit einigen Jahren ist mir das alles wurscht. Ich bin nun eine Frau mit 75, meine Brüste hängen, Cellulite ist auch vorhanden, vor zwei Jahren habe ich ein künstliches Knie bekommen. Springen kann ich damit beim Tanzen nicht mehr, der Aufprall täte der Prothese nicht gut, aber das gleiche ich nun mit guter Präsenz aus. Mein Körper ist wirklich nicht der Hit, aber ich bin zufrieden. Bis zum Bauch mag ich alles zu 100 Prozent, mein Dekolleté finde ich ganz toll, und mit Popo und Schenkeln habe ich meinen Frieden gemacht.
Gutes Körperbewusstsein durch das Tanzen
Diese Akzeptanz habe ich vor allem über das Tanzen gefunden. Ganz allgemein bekommt man, wenn man körperlich aktiv ist, sukzessive eine andere Einstellung zum Körper und mehr Selbstbewusstsein. Und speziell beim Tanz ist es fast normal, ein gutesKörperbewusstsein zu entwickeln, bei dem die Sicht von außen für mich an Bedeutung verliert.
Vom Ballett hatte ich schon als Kind geträumt – aber dafür hatten wir kein Geld, und irgendwann ist man in einem Alter, in dem man in dem Bereich sozusagen nicht mehr angreifen kann. So bin ich mit Ende 30 über eine Weiterbildung zum zeitgenössischen Tanz gekommen.
Ab da habe ich neben der Arbeit verschiedene Tanzaus- und -weiterbildungen gemacht, auch im Butoh, dem japanischen Tanztheater, bei dem man traditionell mit weißer Farbe angemalt ist, ansonsten manchmal sehr wenig Kleidung anhat. Dass die beiden anderen Frauen, mit denen ich eine Weile in eigenen Stücken aufgetreten bin, schlanker waren als ich, war mir damals schon egal.
Auch in der Performance «Dance Your Skin Collective», die im vergangenen Jahr Premiere hatte, bin ich eine Weile oben ohne auf der Bühne. Als Menschen danach mit «Dass du dich das traust» zu mir gekommen sind, war ich ganz verwirrt. Natürlich laufe ich nicht nackig durch die Stadt, aber in diesem Stück ist es für mich einfach stimmig und hat mich keine Überwindung gekostet. Warum sollte ich mich auch nicht zeigen? Und wenn jemand denkt: Was macht denn die Alte da, ist es eher deren Problem als meins.
In unserem Altentanztheater Zartbitter reden wir oft über unsere Körperlichkeit, auch sehr humorvoll. Mit den jungen Tänzerinnen, mit denen wir Älteren in der Performance gemeinsam auftreten, war es ganz besonders lustig. Die haben mit 30 natürlich alle eine super Figur und wunderschöne Brüste, ist ja klar. «Guckt uns nur an», habe ich gesagt, «dann seht ihr, wie eure Entwicklung sein kann.» Wir hatten wirklich viel Spaß.
Natürlich wünschte ich mir, dass ich schon früher eine selbstverständlichere Haltung zu meinem Körper und mehr Selbstbewusstsein gehabt hätte. Aber so ist es halt nicht, und ich bin dankbar für die Entwicklung und heute einfach froh, dass ich bin, wie ich bin.
Quelle: .



