WG mit 40+: Warum ich mir mit über 50 einen Mitbewohner gesucht habe

Wohnungsnot, Lust auf Gemeinschaft oder beides: Vor allem in Großstädten tun sich mittelalte Singles zu WGs zusammen, Hashtag: Boommates. Unsere Autorin Wiebke Brauer ist eine von ihnen – und weiß, worauf es dabei ankommt.

 

Ich lebe neuerdings mit Robert zusammen. Er ist etwas älter als ich und hat drei erwachsene Kinder, als die jüngste Tochter auszog, war seine Ehe am Ende. Robert liebt seinen Dienstwagen, Ofengemüse und kaltes Bier, mich liebt er nicht. Das ist auch gut so, denn Robert ist mein neuer Mitbewohner. Seiner Exfrau hat er das gemeinsame Haus in einem Vorort überlassen, nach der Trennung musste er schnell irgendwo unterkommen. Ich hatte online inseriert, dass ich die Hälfte meiner Wohnung vermieten würde. Zwischen drei Interessierten entschied ich mich für Robert, weil er sofort ausspricht, was er denkt. Das klang nach einer guten Voraussetzung fürs Zusammenwohnen.

Boomer plus Roommates = Boommates

Wir sind kein Einzelfall, wir sind Teil eines Trends. Es gibt sogar einen Begriff für unsere Art von Beziehung: «Boommates», zusammengesetzt aus «Boomer», also der Bezeichnung für eine Person der Generation 50- bis 60something, und dem englischen «Roommate» für Mitbewohner. Ich finde, es ist ein schönes Wort, es klingt nach Zimmerfreundschaft und irgendwie nach Aufbruch. Und nein, Robert und ich haben nichts miteinander. Obwohl mir diese Frage merkwürdigerweise alle in meinem Freundeskreis stellen. 

Dabei ist das Modell «gemeinsamer Kühlschrank, getrennte Schlafzimmer» eigentlich ganz naheliegend. Vor allem in einer Stadt wie Hamburg, und vor allem für Menschen, die gerade eine Beziehung hinter sich haben und nicht zu den absoluten Topverdienenden gehören. Der Satz «Ich ziehe aus» ist leichter gesagt als «Ich weiß auch schon, wohin.» Wohnraum ist knapp und teuer, Mieten gehen durch die Decke, und wer einen ollen Stuhl und einen wackligen Tisch in ein kleines Appartement stellt und es als «möbliert» anbietet, kann dabei noch mehr abräumen. Ein Grund, warum der Anteil von Inseraten dieser Art in den letzten zehn Jahren von 3,5 Prozent auf 17,5 Prozent explodiert ist, jedenfalls in meiner Heimatstadt. 

Unter diesen Umständen gleicht die Suche nach einer bezahlbaren, netten Bleibe immer mehr dem Kindergeburtstagsspiel «Reise nach Jerusalem». Unter Zeitdruck umso mehr. Das verbindet auch Menschen, die sonst nicht allzu viel miteinander gemein haben. Außer einer ähnlichen Lebenssituation, dem Unwillen, zwei Drittel seines Gehalts für Miete auszugeben, und der generellen Bereitschaft, Teile seines Alltags mit einer anderen Person zu teilen. 

Single im Solo-Appartement? Passt nicht für jeden

Wie viele Boommate-Konstellationen es genau in Deutschland gibt, ist schwer zu bestimmen. Der Grund liegt in der statistischen Erfassung. Wohngemeinschaften werden in offiziellen Erhebungen wie dem «Mikrozensus» als mehrere Ein-Personen-Haushalte erfasst, nicht als Extrakategorie. Was man aber sagen kann: Das Modell «Single in Soloppartment» kommt an seine Grenzen, auch wenn es in Großstädten derzeit auf fast jeden und jede Zweite zutrifft. 
Das schätzt auch Christiane Varga so ein, Zukunftsforscherin und Expertin für Wohnen und nachhaltiges Bauen: «Menschen werden nicht nur immer älter, sondern bleiben auch länger jung, weswegen die linearen Lebensläufe mit größerer Wahrscheinlichkeit brüchiger werden. Und darum etablieren sich häufiger andere Wohnmöglichkeiten und Co-Housing-Konzepte.» 

Also nicht nur in den Zwanzigern, wenn das ganze Leben noch eine Baustelle ist, sondern auch in anderen Lebensphasen: nach Trennung, Verlust des Partners oder der Partnerin, wenn das erwachsene Kind eines Solo-Elternteils auszieht. Oder wenn ein ansonsten glücklicher Dauersingle entscheidet: Beziehung nein, aber ich hätte gern mehr Gemeinschaft im Alltag. Diese neue Durchlässigkeit der Lebensläufe hat Auswirkungen auf das Baugewerbe, beobachtet Christiane Varga: «Die Bauträger fangen tatsächlich an, genauer zuzuhören und beginnen, Wohnhäuser zu konzipieren, die dem WG-Trend gerecht werden, die also über mehr geteilte Freiflächen verfügen.»

Mein Heimvorteil: ein zweites Badezimmer

Damit wären wir auch bei meinem – haha – Heimvorteil, was das WG-Dasein angeht: Ich lebe in einer großen Wohnung mit zwei Badezimmern. Das ist deswegen so wichtig, da ich meine Küche mit einer fremden Person teilen kann und möchte, aber ganz sicher nicht mein Waschbecken oder meine Badewanne. Ich weiß, das muss man sich leisten können, aber aus dem Alter bin ich einfach raus. 

Autorin Wiebke Brauer im schwarzen Rollkragenpulli vor Bücherwand, lächelnd
© Wiebke Brauer

Was die Angelegenheit einfacher macht: Während meines Studiums wohnte ich in mehreren Wohngemeinschaften. Wovon wir damals allerdings nur träumen konnten, war eine Reinigungshilfe. Die mag vielen als Luxus erscheinen, muss in dieser Situation aber unbedingt sein, denn ich habe keine Lust, mit Robert übers Staubsaugen und Wäscheaufhängen zu diskutieren. 

Traummann mit Lizenz zum Spülen

Was ich allerdings nicht einmal müsste, denn Robert ist in der Hinsicht ein Glücksgriff: Im Gegensatz zu den meisten Männern, mit denen ich zusammenlebte, versteht er die Geschirrspülmaschine nicht als Abstellfläche für benutzte Teller, Becher und Gläser, sondern ist in der Lage, diese in die Maschine zu stellen und sie sogar anzustellen. Ich wiederum bin mit ihm deutlich entspannter als mit meinem letzten Herzensmann: Wenn Robert die Wäsche nicht eine Sekunde nach dem «Ich bin fertig»-Piepen der Maschine aufhängt, bleibt sie halt so lange darin, bis ihm danach ist – und ich bekomme keinen Tobsuchtsanfall. Heißt konkret, das WG-Leben mildert meine verspannte Art, ich kann den anderen so sein lassen, wie er ist. 

Ein Mitbewohner schützt vor Altersschrulligkeit

Exakt darauf hatte ich gehofft. Meine Überlegung im Vorwege war: Wunderlich werden wir zwangsläufig alle mit dem Alter, aber als alleinlebender Single potenziert sich die Verschrobenheit noch einmal richtig. Auch hier bin ich mit meinem Gedankengang nicht allein: Laut einer Umfrage der PS Bank Nord von 2021 sind 60 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen offen für alternative Wohnformen im Alter – dabei wollten die 50- bis 69-Jährigen am liebsten mit Menschen aus unterschiedlichen Generationen wohnen. Warum wohl? Weil man die eigenen Alters-Schrulligkeiten gern übersieht, die der anderen aber schlecht verträgt. Oder wie meine Mutter sagt: «Ich mag keine alten Leute.» Nebenbei bemerkt: Sie wird in diesem Jahr 90 und lebt seit über 20 Jahren allein.

Robert und ich werden nicht miteinander in Rente gehen, unsere WG ist zeitlich befristet – mit Aussicht auf Verlängerung, falls uns danach ist. Aber so lange, wie sie andauert, kochen wir gemeinsam, tauschen Dating-Geschichten aus und wuppen gemeinschaftlich den Haushalt. Wie sagte Christiane Varga? «Je individueller und vielleicht auch egozentrischer eine Gesellschaft ist, desto mehr braucht sie irgendwann wieder Gemeinschaft.» Und genau das sind Robert und ich: zwei Menschen, die ihr eigenes Leben schätzen – und es gern für eine Weile miteinander teilen.
 

Bin ich reif für einen Boommate? 5 Fragen helfen bei der Entscheidung

Teile ich gern – oder verteidige ich verbissen mein Revier?
Wer die Küche als heiligen Bereich ansieht und niemals seine Lieblingstasse hergeben würde, wird schnell genervt vom anderen sein.

Geht es mir (nur) um Geld – oder um Gesellschaft?
Eine WG spart Kosten, keine Frage. Sie funktioniert aber nur, wenn man das Zwischenmenschliche genauso wertvoll findet.

Kann ich Konflikte ansprechen?
Ob Müll, Musik oder Besuch: Wer Probleme nicht sofort klärt, sondern schluckt, wird auf Dauer mit der Wohnsituation unglücklich.

Halte ich Eigenheiten aus – auch meine eigenen?
Gemeinsames Wohnen heißt: die Marotten der anderen ertragen – und die eigenen relativieren.

Wie viel Nähe halte ich aus – und wie viel Abstand brauche ich?
Der Wunsch nach zu viel Gemeinsamkeit oder nach Alleinsein kann zu einem Problem werden, das sollte man vorher klären. Mit sich – und dem oder der anderen.

 

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert