Verdeckter Narzissmus ist – wie der Name verrät – gut getarnt. Wir erklären, woran du ihn erkennst und wie du dich davor schützen kannst.
Narzissmus wird oft ganz lapidar mit überhöhter Selbstliebe und Arroganz gleichgesetzt. Dabei handelt es sich bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) um eine diagnostizierbare Erkrankung, die den Betroffenen und ihren Mitmenschen großen psychischen Schaden zusetzen kann.
Was ist ein Narzisst?
Der typische Narzisst gilt als überheblich, charismatisch und selbstbewusst. Narzissten stellen sich als unübertrefflich und voller Grandiosität dar, sind scheinbar immun gegen Kritik und zeigen kein Mitgefühl für andere. Oft stellen wir uns unter Narzissten schillernde Persönlichkeiten vor, die zuerst sehr attraktiv, charismatisch und beeindruckend wirken – auf Dauer können sie aber durch ihre extreme Ich-Bezogenheit sehr verletzend werden.
Du möchtest mehr über das Thema erfahren? Hier haben wir gründlich erklärt, was Narzissmus bedeutet: Was ist ein Narzisst?
Was ist verdeckter Narzissmus?
Das Bild des klassischen Narzissten ist manchen von uns bereits bekannt. Aber: Nicht jeder Narzisst ist mit einem großen Selbstbewusstsein ausgestattet. Tatsächlich gibt es verschiedene Narzissmus-Typen, die in der Psychologie unterschieden werden. Ein sogenannter verdeckter Narzissmus, auch vulnerabler Narzissmus genannt, ist zwar weniger bekannt, aber deshalb nicht weniger kritisch. Hier treffen Selbstzweifel auf ein überhöhtes Selbstbild – und das kann fatale Folgen für jeden haben, der etwas mit einem solchen Narzissten zu tun hat.
Was ist der Unterschied zwischen grandiosem und verdecktem Narzissmus?
| Grandioser Narzissmus | Vulnerabler Narzissmus | |
| Selbstbild | überhöht, selbstsicher, überlegen | sehr fragil, unsicher, leicht verletzt |
| Auftreten nach außen | dominant, selbstbewusst, oft laut und präsent | eher zurückhaltend, sensibel, manchmal schüchtern |
| Zentrale Angst | nicht bewundert zu werden, Macht/Status zu verlieren | abgelehnt, kritisiert oder beschämt zu werden |
| Umgang mit Kritik | greift an, wird wütend, abwertend gegenüber anderen | zieht sich zurück, fühlt sich schnell gekränkt |
| Zwischenmenschliche Beziehungen | instrumentell: andere als Mittel zur Bewunderung/Status | ambivalent: Nähe wird gewünscht, aber auch gefürchtet |
| Reaktion auf Zurückweisung | Wut, Abwertung der anderen, Schuldexternalisierung | Rückzug, Grübeln, Selbstzweifel |
| Typisches Verhalten | Prahlen, Dominanz, Konkurrenz, offene Aggression | Rückzug, Grübeln, passiv-aggressives Verhalten |
Warum ist verdeckter Narzissmus gefährlich?
Verdeckten Narzissmus, auf Englisch auch «Covert Narcissism» betitelt, solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen. Jede Art von stark ausgeprägtem Narzissmus ist für dein Selbstwertgefühl schädlich. Menschen mit einer NPS nehmen keine Rücksicht und möchten ihre eigenen Interessen durchsetzen – oft sehr skrupellos und ohne einen Hauch von Mitgefühl.
Diese Rücksichtslosigkeit hinterlässt natürlich jede Menge Spuren. Da deine Bedürfnisse, Wünsche und Meinungen nie berücksichtigt werden, beginnst du zu glauben, sie seien nicht wichtig. Viele Opfer vom sogenannten narzisstischen Missbrauch brauchen Monate, wenn nicht Jahre, um sich von den Folgen der emotionalen Tortur zu erholen.
Auch wenn Narzissmus häufig im Bereich Liebe Erwähnung findet, können dir verdeckte Narzissten überall begegnen – im Freundeskreis, im Beruf oder in der Familie. Einfach gehen und die Person loslassen? Das fällt beim verdeckten Narzissmus besonders schwer: Da die narzisstische Person vordergründig so verletzlich wirkt, fühlst du dich schuldig, wenn du sie im Regen stehen lässt.
Woran erkennt man einen verdeckten Narzissten?
Verdeckter Narzissmus ist der Narzissmus, der am schwierigsten zu erkennen ist. Die Person fällt hier nicht durch eine laute, selbstüberzeugte Art auf, sondern gibt sich wesentlich zurückhaltender und selbstkritischer.
Das Ziel ist bei allen Narzissmus-Typen aber gleich: Sie wollen Bestätigung, Bewunderung, Aufmerksamkeit und Anerkennung. An folgenden Merkmalen kannst du verdeckten Narzissmus erkennen:
1. Kritik ist grundsätzlich unerwünscht
Egal, ob es der Chef ist oder du selbst Kritik am Narzissten übst: Du wirst gnadenlos zurechtgewiesen. Ein Narzisst, ob verdeckt oder nicht, akzeptiert es nicht, wenn sein Selbstbild angegriffen wird. Egal, ob du legitime Gründe für deine Kritik hast – ein Narzisst wird sie abwehren. Da Narzissten oft sehr gut im Kommunizieren sind, können sie Gespräche oft so umdrehen, dass du dich am Ende selbst schuldig fühlst.
Der Partner oder deine Partnerin schreibt mit einer anderen Frau oder einem anderen Mann und es sind offensichtlich keine freundschaftlichen Inhalte? Ein verdeckter Narzisst könnte dir den Vorwurf machen, dass du ihm eben nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hast und er sich alleine gefühlt hat – deshalb konnte er nicht anders, als mit einer anderen Person zu flirten. Und obwohl er in diesem Fall die Grenze klar überschritten hat, suchst du plötzlich die Schuld bei dir selbst – eine ganz typische Narzissten-Taktik.
2. Grenzenloses Selbstmitleid
Verdeckten Narzissmus kann man auch daran erkennen, dass sich diese Person meistens ungerecht behandelt fühlt.
Er oder sie – diese Persönlichkeitsstörung kommt bei beiden Geschlechtern vor, wird jedoch oft als weiblicher Narzissmus bezeichnet – beschwert sich über die Beförderung des Kollegen oder der Kollegin, die man selbst doch viel mehr verdient hätte. Und auch die Freunde melden sich nicht genug, geschweige denn die Familie. Kurzum: Man bekommt nicht, was man verdient hätte und das Leben ist grundsätzlich ungerecht.
Dieser Narzissten-Typ ist also ständig mit Selbstmitleid beschäftigt. Der Fokus ist – wie für Narzissten üblich – nur auf die eigene Person gerichtet. Im Gegenteil zum klassischen Narzissmus geht es hier aber nicht ums laute Herumposaunen, sondern ums Jammern.
Und was, wenn es dir mal selbst schlecht geht? Verdeckte Narzissten werden versuchen, dich mit einer noch dramatischeren Geschichte zu übertrumpfen.
3. Große Selbstzweifel
Menschen mit verdecktem Narzissmus sind nicht leicht als Narzissten erkennbar, weil sie durch ihre deprimierte, melancholische und teilweise sogar schüchterne Art alles andere als selbstbewusst wirken. Oft berichten sie dir recht früh von ihrer schwierigen Vergangenheit, durch die sie scheinbar viele Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe entwickelt haben. Eher würden wir vielleicht eine Depression vermuten als einen verdeckten Narzissmus.
«Nie gelingt mir etwas», sagt der verdeckte Narzisst allerdings mit einer ganz bestimmten Absicht zu dir: Er will Bestätigung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekommen. Es geht also immer darum, andere zu lenken, um etwas Bestimmtes zu bekommen. Das hat mit Depressionen natürlich gar nichts zu tun.
4. Abwertungen
In der Welt der Narzissten müssen sie selbst immer die wichtigste, kompetenteste, beeindruckendste Person sein. Aber was passiert, wenn sie spüren, dass sie jemand anderes überholt? Abwertung!
Auf die Beförderung vom Kollegen oder der Kollegin reagieren sie extrem neidisch und missgünstig. Willst du ihnen von einer Erfolgsstory oder einem Kompliment erzählen, werten sie dich ab oder versuchen, mit einer ebenso beeindruckenden Story zu kontern. Verdeckter Narzissmus verlangt, dass das Spotlight immer auf der eigenen Person liegt. Das Zepter darf nicht abgeben werden – aber wie sollst du dich schon fühlen, wenn du immer kleingehalten wirst?
Diese vier Anzeichen reichen natürlich nicht für eine handfeste klinische Diagnose aus. Aber sie können dir eine Richtung anzeigen und möglicherweise erklären, warum du dich in der Umgebung von manchen Menschen schlecht fühlst.
Wie wird verdeckter Narzissmus diagnostiziert?
Verdeckter Narzissmus wird nicht als eigene Diagnose kodiert, sondern fällt unter die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Der «verdeckt»-Aspekt beschreibt den Stil, wie sich die NPS bei der Person äußert. Diagnostiziert wird eine NPS in der Regel von Psychiater:innen oder Psycholog:innen. Dafür werden Fragebögen genutzt, das Verhalten beobachtet und das eigene Empfinden in Kontakt mit Menschen erörtert. Nach dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch (DSM), an dem sich Therapeut:innen häufig zusätzlich orientieren, muss eine Person etwa 55 Prozent der darin genannten Merkmale aufweisen, um die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu erhalten.
Wie schütze ich mich vor einem verdeckten Narzissten?
Auch wenn wir Narzissten nicht immer erkennen, können wir uns durch unser Verhalten vor toxischen Persönlichkeiten schützen.
- Lass dich nicht kleinmachen. Wenn du für eine Errungenschaft abgewertet wirst, bleibe bei deiner Einstellung, dass du dich sehr über das Ereignis freust. Übernimm nicht die negative Meinung des Narzissten.
- Nimm die Schuld nicht auf dich. Wenn dich eine Verhaltensweise verletzt hat, stehe dafür ein. Gib dich nicht mit Ausreden zufrieden und werde hellhörig, wenn du für jeden Streit verantwortlich sein sollst.
- Wehre Vorwürfe ab. Paradoxerweise werfen Narzissten ihren Mitmenschen oft Missachtung vor, obwohl sie anderen selbst keine Aufmerksamkeit schenken wollen. So versuchen sie, dich zur Beachtung ihrer Person zu zwingen. Hörst du also «Du denkst nur an dich selbst», solltest du dein Gegenüber daran erinnern, dass du dich manchmal einfach um deine körperliche und emotionale Gesundheit kümmern musst.
- Gehe nicht aufs Jammern ein. Auch wenn es hart klingt: Je mehr Mitgefühl du einem Narzissten schenkst, desto narzisstischer wird er sich dir gegenüber verhalten. Deine Empathie ist seine Bestätigung. Versuche also möglichst sachlich zu bleiben.
- Rückzug aushalten. Führst du diese Schritte aus, kann es gut sein, dass sich der verdeckte Narzisst zurückzieht, dir mit Liebesentzug begegnet oder dich auf eine andere Art und Weise emotional bestrafen will. Bleibe jetzt stark und laufe nicht hinterher – sonst geht das Spiel wieder von vorne los.
- Arbeite an deinem Selbstwert. Narzissten suchen sich oft sehr liebevolle, empathische Menschen aus, deren Selbstwertgefühl noch nicht so gefestigt ist. Sie erhoffen sich dadurch, diese Personen besser lenken zu können. Am allerbesten schützt du dich also gegen ungesunde Konstellationen, indem du Selbstliebe und Selbstbewusstsein verinnerlichst. Wenn du weißt, was du dir selbst wert bist, wirst du Menschen, die dich nicht richtig behandeln, keinen Platz mehr in deinem Leben geben.
Hier weiterlesen: Trennung von einem Narzissten.
Welche Folgen hat verdeckter Narzissmus für den Narzissten selbst?
Verdeckter Narzissmus kann für die betroffene Person selbst ziemlich belastend sein – oft mehr, als von außen sichtbar ist. Hier die wichtigsten Folgen:
- Starke Selbstzweifel und Unsicherheit, häufige Schamgefühle, ständiges Grübeln
- Schwankender Selbstwert zwischen «Ich bin eigentlich etwas Besonderes» und «Ich bin nichts wert»
- Erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen, chronische Unzufriedenheit und Verbitterung
- Erschöpfung durch ständiges Vergleichen mit anderen und Nachdenken über Kränkungen
- Wiederkehrende Beziehungskonflikte
- Einsamkeit durch das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, aber von anderen missverstanden und isoliert zu werden
Kann man verdeckten Narzissmus heilen?
Verdeckter Narzissmus lässt sich nicht einfach «heilen» im Sinne von: weg und nie wieder da. Aber er lässt sich in vielen Fällen deutlich verändern und abschwächen, sodass das Leben spürbar leichter wird – mit weniger innerem Kampf, stabilerem Selbstwert und gesunden Beziehungen.
Persönlichkeiten sind grundsätzlich veränderbar, aber eben nur langsam. Meist geht es nicht darum, dass der narzisstische Anteil völlig verschwindet, sondern dass er weniger extrem und weniger bestimmend wird. Voraussetzung für Veränderung ist, dass die Person erkennt: «Mein Denken und Verhalten trägt zu meinen Problemen bei.» Solange nur «die anderen» schuld sind, passiert wenig.
Besonders wirksam ist Psychotherapie, zum Beispiel tiefenpsychologisch, schemaorientiert oder kognitive Verhaltenstherapie mit Fokus auf Persönlichkeitsmuster. In der Therapie geht es darum, den Selbstwert zu stabilisieren – also weg von den Extremen zu kommen. Betroffene lernen dort, Scham und Kränkungen überhaupt wahrzunehmen, auszuhalten und besser zu regulieren, statt automatisch mit Rückzug, Selbstmitleid oder stiller Wut zu antworten.
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