"Du siehst aber jung aus!": Ein Kompliment, das keines ist

«So alt hätte ich dich niemals geschätzt!» – Klingt wie ein Kompliment? Unsere Autorin findet’s nervig und fragt sich, was die Wahrnehmung von Alter, Aussehen und Kompetenz miteinander zu tun hat.

Neulich fragte mich eine Empfangsmitarbeiterin, ob ich die neue Praktikantin im Haus sei. Eigentlich eine ganz harmlose Frage – wenn ich nicht in ein paar Wochen meinen 37. Geburtstag feiern würde. 37! An meine Praktikumsjahre kann ich mich kaum noch erinnern, so lang sind die schon her. Die meisten Menschen, denen ich von solchen Begegnungen erzähle (die wirklich nicht selten vorkommen), reagieren mit einem «Freu dich doch, dass du noch so jung aussiehst» und schieben noch «Wenn du 50 bist, siehst du aus wie 30 – ist doch toll!» hinterher.

Natürlich weiß ich, wie unsympathisch es klingt, wenn man sich darüber beschwert, dass man jünger geschätzt wird, als man eigentlich ist. Vor allem in den Ohren von Menschen, denen genau das Gegenteil passiert – egal, wie viel Anti-Aging-Wundermittel sie nutzen oder wie penibel sie graue Strähnen überfärben. Mir geht es aber nicht um reine Äußerlichkeiten: Jedes Mal, wenn ich um Jahr(zehnte) jünger geschätzt werde, als ich eigentlich bin, drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, ob das vielleicht doch eher etwas damit zu tun hat, dass ich nicht besonders kompetent oder souverän wirke. Daran, dass ich faltenfrei wäre, kann es nämlich nicht liegen.

Wie wir auf andere wirken – und warum das zählt

Tatsächlich weiß man in der Sozialpsychologie, dass sogenannte «Babyfaces» häufig nicht nur jünger, sondern auch als weniger fähig wahrgenommen werden – und in der Folge oft auch anders behandelt werden. Das kann Nachteile mit sich bringen, etwa wenn man im Job nicht für voll genommen wird, was wiederum Stress auslöst, weil man das Gefühl hat, sich ständig beweisen zu müssen. Laut Studien werden Menschen mit Babyface zudem auch noch kindliche Eigenschaften nachgesagt, wie zum Beispiel Naivität. Puh! Und da haben wir noch gar nicht über den Nervenkitzel gesprochen, beim Weinkaufen nach dem Ausweis gefragt zu werden, der natürlich zu Hause liegt.

Offenbar bin ich nicht allein damit. In diversen Foren berichten Frauen davon, wie sehr sie darunter leiden, ständig jünger eingeschätzt zu werden, wenn sie zum Beispiel als «Teeniemütter» schief angesehen werden oder Schwierigkeiten haben, beim Dating Gleichaltrige zu finden.

Doch es geht noch über das individuelle Empfinden und den «Babyface-Effekt» hinaus: Eine groß angelegte Studie der University of California, Berkeley, hat gerade gezeigt, dass Frauen in Online-Medien – in Nachrichten, auf Social Media, von KI-Systemen – systematisch jünger dargestellt werden als Männer. Die Wissenschaftler haben dafür 1,4 Millionen Bilder, Videos und Texte ausgewertet und festgestellt, dass Algorithmen diesen Effekt verstärken. Anders gesagt: Nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen sehen Frauen lieber jung – und im schlimmsten Fall auch weniger kompetent. Scheinbar entspreche ich also einem Muster, das unsere Gesellschaft schon lange einprogrammiert hat.

Wie Alter, Aussehen und Kompetenz zusammenhängen

Natürlich ist aber nicht alles nur schlecht, wenn man mit Babyface durchs Leben geht. Menschen mit Kulleraugen, Pausbacken oder Stupsnase gelten als ehrlicher und vertrauenswürdiger. Bestimmt haben Selena Gomez oder Scarlett Johansson noch nie gelogen! Und wer eine Straftat begeht, darf – laut Studien – tatsächlich auf eine mildere Strafe hoffen. Vielleicht werden einem auch Fehler im Job eher verziehen («Kindchen kann halt noch nichts!»). Spirituell betrachtet, liegt das vielleicht an einer besonders hohen energetischen Schwingung – oder, etwas weniger esoterisch gesagt: daran, dass man im Geist jung geblieben ist.

Egal, ob man es psychologisch oder spirituell betrachtet: Vielleicht ist das Problem gar nicht, wie alt oder jung wir aussehen, sondern die Zuschreibung, die wir erhalten, und was diese dann mit uns macht. Dass nicht alle es als Glück empfinden, jünger geschätzt zu werden, zeigt, wie eng in unserer Gesellschaft Aussehen, Alter und Kompetenz miteinander verknüpft sind. Und am Ende bleibt ein Kompliment eben doch immer im Auge der Betrachterin.

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