Bertram Solcher sah zu, wie seine Tochter Janne depressiv wurde. Jetzt sieht er genau hin, dass sie ein stabiles Leben führt.
«Es gibt immer noch gute und schlechte Tage. Dauert ein Stimmungstief länger als 48 Stunden, bin ich alarmiert. Diese Sorge wird vermutlich nie weggehen.
Janne war 17 und kurz vor dem Abi, als die Pandemie begann. Was das für sie bedeutete, habe ich erst später verstanden: ein Schulabschluss im Lockdown ohne Abifeier. Kein Hockeyspielen mehr, wo sie viel Zeit verbrachte. Ein Psychologiestudium, das in den ersten drei Semestern online stattfand. Strukturen fielen weg, ihr Alltag löste sich auf. Was am Anfang ganz witzig war, weil wir viel Zeit mit der Familie hatten, wurde zunehmend unlustiger. Und Janne lag immer länger im Bett, aß weniger und versteckte sich in der Kapuze ihres Hoodies, den sie kaum noch auszog. Woher weiß man, ob ein Verhalten noch normal ist? Heute würde ich da nachdenklicher draufschauen.
Die extremen Durchhänger waren neu, ihre lähmende Müdigkeit
Im Spätsommer 2022 stand sie vor mir und sagte: «Ich fühl nichts mehr – ich habe schon überlegt, mich zu ritzen.» Ich rief sofort eine befreundete Psychologin an, die ebenfalls alarmiert war. Wir hatten Glück und bekamen nach einer Woche einen Termin in einer Psychiatrischen Ambulanz. Die Diagnose stand schnell fest: Depression, wahrscheinlich eine genetisch bedingte Variante. In meiner Familie gibt es mehrere Fälle. Janne war erleichtert, zu wissen, dass eine Neurotransmitterstörung im Gehirn die Erklärung für ihre Traurigkeit sein könnte. Äußere Faktoren wie die Isolation wegen Corona können dann als Auslöser wirken. Sie bekam Antidepressiva, nach drei Wochen ging es ihr langsam besser. Mit einer Therapeutin erarbeitete Janne eine Tagesstruktur mit festen Tagesplänen und lernte, Grübelschleifen zu stoppen. Zu allem Übel wurde auch noch ADS diagnostiziert.
Für mich war diese Phase kurz vor und nach der Diagnose am schwierigsten, als wir gefühlt nichts unter Kontrolle hatten. Ich hatte Angst um sie. Mir hat es damals geholfen, mich zu bewegen, später dann zu meditieren. Und viel zu reden: mit Janne, meiner Frau, Freunden. Überhaupt glaube ich, dass Zuhören und Reden das Wichtigste ist – und Vertrauen in das eigene Kind.
+27 Prozent Depressionen gab es unter 15- bis 19-jährigen Mädchen zwischen 2019 und 2024
Seit zwei Jahren geht es Janne wieder gut. Sie weiß, dass depressive Episoden wieder auftreten können, dass sie auf Warnzeichen wie Unruhe und Überforderung achten muss. Aber sie weiß auch, was sie dann tun und wo sie sich dann Hilfe holen kann. Und mir hilft es zu wissen: Ich kann innerhalb von drei Stunden bei ihr sein, wenn es nötig ist.»
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