Ein verdorbener Pizzaabend brachte unsere Autorin auf eine unbequeme Erkenntnis: Nicht das Verhalten anderer macht uns oft unglücklich, sondern unser Wunsch, sie verändern zu wollen. Was hinter diesem Impuls steckt – und was wir stattdessen tun können.
Ich hatte mich so gefreut: Ein schöner Abend draußen im Park, zwei Pizzen, mein Freund und ich. Plötzlich fiel ihm aber ein, dass er ganz dringend noch eine Freundin anrufen müsse. Eine Stunde lang telefonierte er lautstark an mir vorbei, während ich schmollend daneben saß, die Pizza kalt wurde und meine Stimmung mit jeder Minute frostiger.
Als er schließlich auflegte, hätten wir sicher noch drei gemütliche Abendstunden vor uns gehabt. Ich entschied mich aber dafür, sauer zu sein, obwohl er sich mehrmals entschuldigte. Wie konnte er nur! Auch mit Abstand kann ich sein Verhalten nicht gutheißen, obwohl ich rational weiß, dass es Gründe für das Telefonat gab.
Die «Let Them»-Methode
Eine Freundin, die zufälligerweise auch Psychotherapeutin ist, sagte einmal zu mir: Fast jeder Konflikt beginnt mit der stillen Überzeugung, dass das Problem beim anderen liegt – und dass unsere Aufgabe darin besteht, ihn davon zu überzeugen. Und es stimmt. Am Abend des Pizza-Gates dachte ich: Wenn er endlich einsieht, wie verletzend das ist, dann wäre vieles leichter.
Genau an diesem Punkt setzt die amerikanische Bestsellerautorin Mel Robbins mit ihrer viel diskutierten «Let Them»-Methode an. Ihre These klingt zunächst fast provozierend: Lass die anderen. Hör auf, ihre Entscheidungen, ihre Macken oder ihr Verhalten kontrollieren zu wollen. Nicht, weil alles akzeptabel wäre. Sondern weil wir einen erwachsenen Menschen ohnehin nicht verändern können. Das Einzige, worüber wir tatsächlich verfügen, sind unsere eigene Haltung, unsere Reaktion und unsere Grenzen. Die können wir verändern. So schön, so gut.
Der Wunsch nach Kontrolle
Aber warum fällt uns das so schwer?
Die unbequeme Antwort lautet: Weil der Wunsch, andere zu verändern, oft weniger über sie aussagt als über uns. Auch das weiß ich von meiner Psychotherapeuten-Freundin. Sie erklärte mir, dass man in der Psychologie von der Illusion der Kontrolle spreche. Menschen würden von Natur aus versuchen, Unsicherheit zu reduzieren und ihre Umwelt berechenbar zu machen. Das heißt, wir gehen davon aus, dass wenn der Partner oder die Partnerin verständnisvoller wäre, der Kollege empathischer oder die Freundin verbindlicher, sich auch unser eigenes Leben leichter anfühlen würde. Das Problem ist nur: Wir machen unser Wohlbefinden damit abhängig von etwas, das außerhalb unseres Einflussbereichs liegt.
Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: die Projektion. Was uns an anderen besonders aufregt, hat häufig mit uns selbst zu tun. Vielleicht ärgert uns die Rücksichtslosigkeit eines Kollegen, weil wir uns selbst nie erlauben würden, unsere Bedürfnisse so deutlich zu vertreten. Vielleicht macht uns die Gelassenheit einer Freundin wütend, weil wir ständig funktionieren. In meinem Fall hat mich an dem Telefonat meines Partners besonders gestört, dass ich einer Freundin extra abgesagt hatte, um den Abend mit ihm zu verbringen. Davon wusste er aber nichts. Für ihn war es ein «Wir essen Pizza draußen» und kein Date.
Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung formulierte einmal sinngemäß: Alles, was uns an anderen irritiert, kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen. Nicht jede Kritik ist Projektion, aber erstaunlich oft steckt mehr Eigenes darin, als uns lieb ist.
Warum Veränderungsversuche oft scheitern
Es ist menschlich, Konflikte dadurch lösen zu wollen, dass sich die anderen verändern. Dahinter steckt die Hoffnung: Wenn alle zufrieden sind, bin auch ich sicher. Tatsächlich entsteht aber oft das Gegenteil. Wir grübeln, diskutieren, analysieren und investieren immer mehr Energie in etwas, das wir gar nicht steuern können. Das schreibt Mel Robbins auch ungefähr so in ihrem Bestseller.
Dabei übersehen wir leicht, dass der Wunsch, andere zu verändern, auch eine übergriffige Seite hat. Jede ungefragte Veränderungsmission enthält eine Botschaft: So wie du bist, bist du nicht richtig. Ich weiß besser, wie du sein solltest. Selbst wenn sie liebevoll gemeint ist, spricht sie dem anderen ein Stück seiner Autonomie ab. Kein Wunder, dass die meisten Menschen darauf nicht so reagieren, wie wir es uns wünschen würden. Im Gegenteil: Oft folgen Trotz und Widerstand. Deshalb scheitern Veränderungsversuche so oft. Nicht, weil unser Argument schlecht wäre, sondern weil niemand gerne zum Projekt eines anderen wird.
Loslassen heißt nicht, alles hinzunehmen
Der eigentliche Kern der «Let Them»-Methode besteht also nicht darin, alles einfach so hinzunehmen. Mel Robbins ergänzt ihr «Let them» um ein zweites Prinzip: «Let me.» Also: Lass mich entscheiden, wie ich damit umgehe.
Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet nicht mehr: Wie bringe ich den anderen dazu, sich zu ändern? Sondern: Was brauche ich jetzt? In meinem Fall hätte das bedeutet, dass ich das Verhalten meines Partners hinnehme, weil ich in diesem Moment nichts hätte ändern können und mich gefragt hätte, was ich jetzt brauche. Statt schmollend auf der Parkbank zu sitzen, hätte ich eine Runde spazieren gehen können und danach um ein ruhiges Gespräch bitten können. Naja, im Nachhinein ist man oft schlauer.
Loslassen bedeutet nicht, alles zu akzeptieren oder sich alles gefallen zu lassen. Es bedeutet vielmehr, die Realität nicht mit aller Kraft bekämpfen zu wollen. Erst dann können wir bewusst entscheiden, wie wir handeln möchten.
Oder, um es mit Mel Robbins Worten zu sagen: Let them. Und dann: Let me.
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