Ist da mehr?: Wenn sich Freundschaft wie Verliebtsein anfühlt

Freundschaft oder Verliebtheit? Die Grenze ist oft weniger eindeutig, als wir denken. Eine Psychotherapeutin erklärt, warum neue Freundschaften intensive Gefühle auslösen können – und was dahintersteckt.

Es begann mit einer Nachricht. Eigentlich ganz unspektakulär: «Hast du Lust, nächste Woche einen Kaffee trinken zu gehen?» Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich mich über die Einladung ungewöhnlich freute. Vor dem Treffen war ich aufgeregt, überlegte viel zu lange, was ich anziehen sollte, und danach spulte ich immer wieder unsere Gespräche in meinem Kopf ab. Als mein Handy aufleuchtete und eine neue Nachricht von besagter Person erschien, spürte ich ein kleines Kribbeln im Bauch. Ich stutzte: Fühlt sich so nicht Verliebtsein an?

Laut der Psychotherapeutin Ulrike Scheuermann bin ich mit diesem Gefühl nicht allein. «Eine neue Freundschaft kann überraschend intensiv sein, manchmal so intensiv, dass sie an die ersten Wochen einer Verliebtheit erinnert», erklärt sie. Anders als Kolleg:innen, Geschwister oder Nachbar:innen suchen wir uns Freunde aktiv aus – vor allem nach Zuneigung. Und damit sind wir nah bei Verliebtheit und die Grenzen sind ohnehin oft künstlich.

Die Erleichterung ist groß: Mit mir stimmt also alles. Ich muss weder meine Gefühle noch meine Sexualität grundsätzlich infrage stellen. Tatsächlich liegen Freundschaft und Verliebtheit psychologisch näher beieinander, als wir oft annehmen.

Warum sich Freundschaft manchmal wie Verliebtsein anfühlt

Vertrauen, emotionale Nähe, gemeinsame Erinnerungen und das Gefühl, verstanden zu werden – all das bildet die Grundlage enger Freundschaften. Gleichzeitig sind es genau die Zutaten, aus denen auch romantische Beziehungen entstehen. Vielleicht sagen wir deshalb so häufig über unseren Partner oder unsere Partnerin: Er oder sie ist auch mein bester Freund oder meine beste Freundin. 

«Was dabei passiert, ist gut erforscht: Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto mehr emotionale Nähe entsteht», sagt Scheuermann. Dazu kommen gemeinsame Interessen, persönliche Gespräche und die Erfahrung, vom Gegenüber wirklich gesehen zu werden. All das aktiviere ähnliche neurobiologische Prozesse wie die romantische Zuneigung, so die Psychologin. Das Kribbeln kommt also nicht aus dem Nichts. Unser Gehirn reagiert auf Nähe und Vertrautheit oft ähnlich – unabhängig davon, ob wir eine Beziehung als Freundschaft oder als romantische Liebe bezeichnen.

Und wenn es doch mehr ist?

Manchmal verschiebt sich die Perspektive ganz plötzlich. Ein Mensch, den wir schon lange kennen, sagt etwas, das uns tief berührt. Oder wir verbringen immer mehr Zeit miteinander und merken, dass sich etwas verändert. Es ist dieselbe Person wie zuvor – und doch sehen wir sie mit anderen Augen. An diesem Punkt tauchen oft Fragen auf: Ist das noch Freundschaft? Wünsche ich mir mehr? Und was würde passieren, wenn ich diese Gefühle ausspreche?

Ungewöhnlich ist diese Entwicklung nicht. Viele Partnerschaften entstehen aus Freundschaften, weil die emotionale Nähe und gemeinsame Interessen bereits vorhanden sind. Laut Ulrike Scheuermann gibt es durchaus Hinweise darauf, dass die Gefühle über reine Freundschaft hinausgehen: «Ob mehr im Spiel ist, merkt man meist durch Aufregung vor dem Treffen, Gedanken, die kreisen, ein Sehnen nach der anderen Person.»

Wenn Gefühle die Freundschaft verändern

Schwierig wird es oft nicht durch die Gefühle selbst, sondern dadurch, dass sie unausgesprochen bleiben. Plötzlich wird eine Nachricht mehrfach gelesen und analysiert. Ein Blick wirkt bedeutungsvoller als früher. Selbst Schweigen fühlt sich anders an. Die Leichtigkeit, die die Freundschaft einmal geprägt hat, wird von einer unterschwelligen Spannung begleitet.

Psychologische Studien zeigen, dass schon die Möglichkeit romantischer Anziehung die Wahrnehmung einer Freundschaft verändern kann. Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil wir sie ignorieren. Sie wirken weiter – manchmal leise, aber spürbar.

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Freundschaft zwangsläufig daran zerbrechen muss. Es ist zunächst einmal völlig normal, dass sich Beziehungen weiterentwickeln und verändern. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen. Darüber zu sprechen ist meistens die beste Option. 

Muss jede Beziehung sofort definiert werden?

Trotzdem warnt Ulrike Scheuermann auch davor, jede intensive Verbindung vorschnell einzuordnen. «Die Grenze zwischen Freundschaft und Verliebtheit ist nicht so klar, wie wir oft denken. Beziehungen lassen sich nicht sauber in Schubladen sortieren – die Realität ist eine große Vielfalt von Verbindungen, die sich nicht immer eindeutig benennen lassen.»

Natürlich helfen Begriffe wie Freundschaft oder Partnerschaft dabei, Orientierung zu schaffen. Doch nicht jede Beziehung entwickelt sich nach einem festen Muster. «Wir brauchen Kategorien, um uns zu orientieren. Aber hilfreicher ist manchmal, eine Beziehung in ihrer Einzigartigkeit wachsen zu lassen, statt sie zu schnell einzuordnen.»

Ulrike Scheuermann
Ulrike Scheuermann ist Diplompsychologin und Autorin. Sie baute den Berliner Krisendienst mit auf. Nach zehnjähriger Tätigkeit arbeitet sie seither selbstständig als Coach und Seminarleiterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
© Lucca Scheuermann

Manchmal sagen Gefühle in Freundschaften auch etwas über uns selbst aus. Wer sich wiederholt in enge Freund:innen verliebt, sucht möglicherweise unbewusst nach einer Form von Nähe, die sich sicherer anfühlt als die Unsicherheit einer neuen romantischen Beziehung. Andere halten an einer Hoffnung fest, obwohl ihre Gefühle nicht erwidert werden – oft aus Angst vor Zurückweisung oder Verlust. Deshalb kann es hilfreich sein, sich ehrlich zu fragen: Reicht mir diese Freundschaft so, wie sie ist? Oder wünsche ich mir insgeheim mehr?

Klare Antworten entstehen selten über Nacht. Aber sich zu hinterfragen hilft dabei, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Und manchmal reicht es auch, das Kribbeln einfach anzunehmen, ohne es sofort zu bewerten. Nicht jede intensive Verbindung braucht ein Etikett. Manchmal zeigt sie einfach, dass uns ein Mensch auf besondere Weise berührt, inspiriert oder versteht. Und das ist doch etwas sehr Schönes. 

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